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Die Welt · 1911-07-07 · 27 (7.7.1911) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 27 DIE^ELT 641 zusammentretenden Parlament die ungesäumte Schaffung eines unabhängigen Wahlgerichtshofs." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Auch in der Provinz haben zahlreiche Sympathieversammlungen stattgefunden. In Prag sprachen am 1. Juli die Herren Dr. Emil Marguli es und Dr. Ludwig Singer in einer Massenversammlung über die Vorfälle von Drohobycz. Allerorten sind Sammlungen für die Hinterbliebenen eingeleitet worden. In Czernowitz fanden am 25. Juni zwei große Versammlungen statt. In der einen sprachen Dr. B. Kinsbrunner und Abg. Dr. Leon Kellner, in der «zweiten Abg. Dr. Straucher und Dr. Kassner. Die Vorfälle in Drohobycz Die Untersuchung über die Vorfälle vom 19. Juni in Drohobycz wird von einer gemischten Kommission, bestehend aus Vertretern der Staatsanwaltschaft von Strij, einem Gendarmerieoberst, einem Militärauditor und zwei Lemberger Polizeibeamten geleitet. Die Zahl der Toten ist auf 27 gestiegen, drei ringen mit dem Tode. Es wurde die Suspendierung des ßezirkskommissars Dr. Lyszkowski verfügt, dem die Schuld an dem blutigen Zusammenstoß beigemessen wird. Der sozialdemokratische Abgeordnete Kiemen sie wicz hat gegen Lyszkowski die Anzeige wegen vorsätzlichen Mordes erstattet. Es wird behauptet, daß Lyszkowski, nachdem der Oberleutnant Hüttl das Kommando „Fertig'' gegeben hatte, Feuer kommandierte, worauf die Soldaten in der Meinung, daß ihr Offizier eben Befehl gegeben habe, schössen. Das würde aber noch nicht erklären, wieso fünf Salven abgegeben wurden. Wie verlautet, sind zwei Soldaten verhaftet und nach Przenysl abgeführt worden. Es wird ihnen zur Last gelegt, daß sie nicht geschossen haben. Daraus würde hervorgehen, daß der Oberleutnant Hüttl entgegen seiner Aussage Feuer kommandierte. Es ist auch festgestellt worden, daß ein Polizeibeamter zwei Herren, die vor dem militärischen Kordon den Platz passierten, zurief: „Meine Herren, gehen Sie sofort weg! Es wird gleich geschossen werden!" Der Advokat Dr. Ab erb ach, der als Vertrauensmann der Zionisten im Wahllokal anwesend war, wurde von Dr. Lyszkowski verhaftet, weil er nicht mit dem Rücken zur Wahlurne sitzen wollte. Auch der Bezirkshauptmann Dr. Piatkiewicz ist suspendiert worden. Eigentümlich berührt die Anordnung der Lemberger Statthalterei, die die Militärassistenz nicht nur noch nicht zurückgezogen, sondern sogar durch Maschinengewehrabteilungen verstärkt hat.—Dr. Loewenstein, der das Mandat niedergelegt hat, wird nicht mehr kandidieren. In der Straße „Jakob Feuerstein" sind sämtliche Tafeln, welche diesen Namen tragen, entfernt worden. Die jüdischen Opfer von Drohobycz sind von unsern Gesinnungsgenossen in JeJcaterinoslaw durch die Eintragung in das Goldene Buch des Nationalfonds in würdiger Weise geehrt worden. Die Wahlziffern Das allgemeine Wahlrecht hat sich für uns in ein Wahlunrecht gewandelt. Im ganzen Reich sind für unsere Kanditaten 31521 Stimmen abgegeben worden, aber nur einen Mann konnten wir durchbringen. Das hat natürlich verschiedene Ursachen, die zu diesem Resultat zusammenwirkten: Die Indifferenz der Juden im Westen, die sich von der maßgebenden Presse wieder für das Deutschtum einfangen ließen, die emsige Arbeit des galizischen und Bukowinaer Bezirkshauptmanns und die sonderbaren Bundesgenossen, mit denen wir zusammen fechten mußten! Es ist kein Zweifel mehr, daß die Ruthenen, die den jüdischen Wählern so viel zu verdanken haben, diesmal versagten, in Buczacz Land, wo mit ihrer Hilfe 1907 Dr. Gabel siegte, und in Trembowla Land, wo Dr. Mahler gewählt wurde, gingen diesmal die Polen aus der Urne als gev/ählt hervor. Dies ist für uns ganz besonders wichtig. Denn man kann auch aus dem Unglück lernen. Für uns ergibt sich immer die gleiche Lehre: Wir sind allein und auf unsere eigene Kraft angewiesen. Es ist möglich, daß wir noch in diesem Jahre werden zeigen müssen, ob wir diese Lehre endlich gezogen haben. Denn man gibt dem neuen Haus nicht viel Zeit. Es wurden abgegeben: in Lemberg 2216, in Stanislau 1152, in Tarnopol 1645, in Tarnow 1194, in Kolomea 1429, in Sanok 1721, in Drohobycz 802, in Strij 1541, in Zolkiew 1796, in Brody 197, in Buczacz Stadt 2576, in Pcczenizyn 1773, in Buczacz Land 1675, inTrembowla 1520 undinSkalat 1970 Stimmen; in Galizien also 23207. Ferner in Czernowitz Ost 3290, Radautz 2823, zusammen in der Bukowina 6113 Stimmen, In Westösterreich: Wien V 1010, übriges Wien 519, Göding 415, Olmütz 57, übriges Westösterreich 200, zusammen 2209 Stimmen. Die Statistik ergibt jedoch kein richtiges Bild, da infolge der leider vorgenommenen Zurückziehung unserer Kandidaturen in den westgalizischen Städten unseren Gesinnungsgenossen die Möglichkeit der Zählung ihrer Kräfte benommen wurde. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Von der Sultansreise Die Reise JWehrned Reschads Y. in die westlichen Provinzen seines ungeheuren Reiches glich dem Triumphzuge eines Siegers. Überall begegneien ihm seine Völker mit einem Jubel, der seinesgleichen nicht findet. Hunderttausende strömten in die Städte zusammen, wo dw Herrscher seiner Gläubigen sichtbar wurde und mit einer überschwenglichen Güte, die aus Glücksgefühl, Dankbarkeit, Mitleid uncD Fürsorge ihren Ursprung nahm, wahrhaft kaiserliche Gaben spemdete. Diese Fahrt nach Mazedonien und Albanien hat hohe historische Bedeutung. Es ist das erstemal seit undenklichen Zeiten, daß ein türkischer Sultan wieder die nähere Berührung mit seinen Völkern sucht. Es ist zugleich eine Art Bezeugung und Besiegelung für die neue Ära, die die Ottomanen in seiner Person leibhaftig vertreten in ihrer Vlitte erblicken. Ganz besonders groß muß der Eindruck dieses Ereignisses auf die Albanier gewesen sein, die in zahllosen Scharem nach der Ebene von Kossowo pilgerten, um dort mit ihrem Herrscher Versöhnung zu feiern oder ihm Treue zu geloben. In der Hauptstadt selbst bereitet man sich darauf vor, der Wiederkehr Mehmeds. Y eine der ganzen Reise und ihrer historischen Bedeutung entsprechende Feierlichkeit zu geben, die aus dem Tage einen der schönsten und glänzendsten der ganzen neuern türkischen Epoche zu machen verspricht. Es braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden, daß inmitten der andern osmanischen Nationen auch die jüdische ihrer Freude über den Besuch des Sultans herzlichen Ausdruck gegeben hat. Das Zentrum der jüdischen Kundgebungen war Saloniki, und sie mußten in hervorragender Weise zutage treten, da diese ganze Stadt eigentlich einen jüdischen Charakter trägt. Der Salonikier Qieme'nderat, die jüdischen Klubs und Stände hatten denn auch großwi Geschmack und Aufwand bei den Begrüßungsfeierlichkeiten enfaltet; und die Auszeichnung, die der Sultan dem Großrabbiner Jakob Meir sowie den andern aus Adrianopel, Cavalla usw. herbeigeeilten Großrabbinern erwies, insbesondere dann auch die ß-esuche, die die türkischen Minister und Würdenträger dem „Neuen Klub" in Saloniki zweimal abstatteten, bewiesen, daß das liebevolle Entgegenkommen der osmanischen Juden in entsprechender, ehrender Weise Erwiderung fand. Das mag den jüdischen Gemütern um so größere Genugtuung gewesen sein, als sie ja vor kurzem erst noch als Juden von quasi türkischer Seite Anfeindungen *un'd Mißtrauen erfahren hatten. Hoffentlich hält die neuaufgefrischte ^Verbrüderung dieser Feststunden auch später in den Alltag hinein weiter vor. Mit Freude muß konstatiert werden, daß auch auf die Psychologie der Juden Salonikis selbst die Sultansreise ihre günstigen Wirkungen geübt hat. Die gegenseitige Verhetzung und Verketzerung hat vor diesem Ereignis Halt gemacht. Die Salonikier Gemeinde hat - sich in wohltuendem Gegensatz zu dem bekannten Protesttelegramm diesmal ganz auf der Höhe echt jüdischer Gesinnung gezeigt und.in ihrer schönen Prunkadresse, die sie dem Sultan überreichen ließ,auf feierlichste Weise die vaterländische Gesinnung aller osiraanischen Juden ohne Ausnahme sowie das anhängliche Interesse aller Juden der Welt an die Türkei beteuert. Daß jüdisch-natio n ale Gesinnung dieser vaterländischen nicht widerspricht, das hat der „Neue Klub" bewiesen, der, obwohl die Zentral-, statte des jüdiscl-nationalen Bewußtseins in Saloniki, doch der Brennpunkt aller patriotischen Kundgebungen der dortigen jüdischen Bevölkerung und aller den Juden von höchster türkischer Seite erwiesenen Ehningen zugleich gewesen ist. Eine sympathische Rede des Großwesirs Hakki Pascha war die eigentliche Antwort auf die Sultansadiesse der Salonikier Juden; und diese Großwesirrede wurde im jüdisch-nationalen „Nouveau Club" und an seine Führer gehalten. Auch in Konstantinopel haben die Sultansfeiern zusammenführend auf die Juden gewirkt Auf Initiative des Medschliss dschismani haben sich alle Gesellschaften und Klubs der Gemeinde, gleichviel welcher Richtung, zusammengetan, um eine gameinsarne Demonstration am Tage des Einzugs Mehmeds V. zu veranstalten. Und wenn auch diese gemeinsame Kundgebung aus technischen Gründen nicht in dem geplanten Umfange stattfinden konnte, so ist doch schon das «einhellige, brüderliche Vorgehen als solches bemerkenswert. Es -ist das erstemal, daß der „Makkabi" und die „Amicale" zusammengi ngen. Möge es zum glücklichen Auspizium werden!

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