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Die Welt · 1911-07-07 · 27 (7.7.1911) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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640 . DIE 3^ dauern ebenso sehr wie die heutige Versammlung, daß Reinach die bekannten Äußerungen getan; aber man soll darüber seine großen Verdienste nicht vergessen. Redner betone aber: Vizepräsident will Reinach keinesfalls wieder sein, und Präsident wird er gewiß niemals werden. Der Vorsitzende, Herr Dr. jur. B. Asscher, gibt eine Darlegung der verschiedenen Vorfälle. Herr Bigart sei im April d. J. vom Schriftführer eingeladen worden, zu dieser Versammlung zu kommen, und habe die Einladung angenommen. Damals war von der Sache Reinach überhaupt noch nichts bekannt; aber auch der Vorstand der holländischen Abteilung sei nicht für Reinach gewesen. Am 12. Juni habe Dr. Yahuda beim Vorstand angefragt, ob der Vorstand es erwünscht erachte, daß er der Versammlung beiwohne. Es sei ihm geantwortet worden, der Vorstand erachte es nicht für erwünscht; Herr Bigart, der in dieser Versammlung als Gast anwesend sein würde und deshalb zuerst befragt worden sei, habe nämlich geschrieben, daß er in diesem Falle nicht kommen würde. Nun habe Dr. Yahuda als Journalist Eintritt verlangt; das könne er nicht billigen, und deshalb habe er ihm auch jetzt den Zutritt verweigert. Diese Mitteilungen wurden vom Schriftführer Herrn Dr. Lioni ergänzt; aus seinen Worten ging hervor, daß die Anwesenheit des Herrn Bigart dem Vorstande auch schon aus dem Grunde erwünscht schien, weil, — wie Herrn Bigart geschrieben wurde, — eine große Erregung gegen die Schulen herrsche und einer der Oberrabbiner sogar seine Feindschaft gegen die Alliance gezeigt habe. Herr Oberrabbiner L. Wagenaar, der nunmehr zu Wort kam, erklärte, er könne nicht länger Mitarbeiter in der Alliance sein. Er habe in der Kommission, welche vor einigen Jahren in Holland ernannt wurde, um die Beschuldigungen gegen die Allianceschulen zu untersuchen, seine Beschwerden mitgeteilt. Diese Konimission, der auch der Vorsitzende und Schriftführer angehörten, sei dermaßen unter dem Eindruck dieser Klagen gewesen, daß man erwogen habe, ob nicht die Gelder der Aliiancemitglieder in Holland nur für die Juden Rußlands und nicht mehr für die Schulen abgeführt werden sollten. Dennoch haben jetzt der Vorsitzende und der Schriftführer nach der Kommissionsversammlung Herrn Bigart, die Verkörperung dieses Schulsystems, eingeladen und Herrn Yahuda, der die Angelegenheit von der andern Seite hätte beleuchten können, den Zutritt verweigert. Wenn dieser als Korrespondent Zutritt erlangen wollte, so sei dies sein gutes Recht. Der Vorstand soll aber nicht meinen, daß man durch solche Einseitigkeit den Frieden erlange: im Gegenteil, dieselbe Einseitigkeit in der Wahl der Inspektionskoni mission habe den Streit verursacht. Deshalb wolle er seine Demission als Mitglied des holländischen Komitees einreichen; er wolle dies aber nicht tun, bevor er nicht wisse, ob die Versammlung unparteiischer sein werde und Herrn Dr. Yahuda Eintritt gewähren werde. Wäre dies nicht der Fall, so würde er sich genötigt sehen, seine Demission zu geben und dies schriftlich zu tun. Er verlas sein diesbezügliches Schreiben, in welchem er diesen Schritt eingehend motiviert. Die Verlesung machte einen nachhaltigen Eindruck auf die Versammlung. Nach Verlesung dieses Briefes wurde auch noch von anderer Seite Herrn Bigart der Vorwurf gemacht, daß er die antizionistische Rede des Herrn Leven nach der Türkei geschickt habe; bei diesen Worten sprang abermals Herr Bigart sehr erregt auf und rief: „Das ist eine Lüge." Was man davon zu denken hat, nachdem Herr Bigart diese Tatsache in Basel öffentlich zugestanden hat, ist klar. Herr Dr. jur. M. de Pinto (Haag) beantragte hierauf, man solle das C. C. in Paris nochmals bitten, eine zweite aus orthodoxen Rabbinern zusammengesetzte Kommission zu entsenden. Darauf erklärte unter großer Bewegung Herr Machiels (Paris), er werde diesen Antragdem C. C. übermitteln und auch in der Versammlung des C. C. unterstützen. Herr Oberrabbiner Wagenaar gab darauf die Erklärung ab, er will gerne seinen guten Willen zeigen und seine Demission vorläufig zurückziehen. Aber er glaube nicht, daß Paris tun werde, was jetzt beantragt wird; die Herren verstehen einfach nicht, was von den Orthodoxen verlangt wird, sie können es nicht verstehen. Er fürchte die Versprechungen der Pariser Leitung; und er fürchte noch mehr, daß wirklich untersucht werde, nicht wie früher, wo alles präpariert worden war, aber so, wie die Zustände wirklich sind. Denn da wird man erst recht Grund zum Zittern haben. Redner teilte dann unter großer Erregung mit, was er von den Zuständen in Jerusalem, von der Wirksamkeit des Herrn Ancebi sowohl in moralischer wie in religiöser Hinsicht und von den Zuständen in Konstantinopel wußte. Die Pariser Leitung solle gestehen, daß diese Zustände unhaltbar sind; erst dann könne eine Besserung eintreten, aber nicht, solange ein Mann wie Reinach, der die Seele der Alliance ist, an der Spitze stehe. Die zündende Rede des Oberrabbiners machte einen über- :ELT No. 27 wältigenden Eindruck; und Herr Dr. Franzie zog daher seinen Antrag, Herrn Dr. Jahuda Eintritt zu gewähren, zurück, jedoch unter der Voraussetzung, daß der Vorstand sein Versprechen, Herrn Dr. Jahuda später einzuladen, halten werde. Danach nahm Herr Bigart wieder das Wort: Er sagte, man solle beweisen, was man vorgebracht hatte. „Die Religion und die Moral werden von der Leitung verteidigt, man solle doch verstehen, daß die Menschen im Orient selbst keine Kinder sind und klagen würden, wenn sie hierzu Grund hätten. Wras Antebi anbetrifft, führte Herr Bigart folgendes an: Der Mann, den Antebi am meisten verachtet, bin ich Bigart. Auch das C. C. liebt ihn nicht. Und das kann ich schon sagen, er wird nicht immer bleiben. Aber die, welche nicht wollen, daß Antebi geht, das sind die Rabbiner und die Zionisten und die Juden in den Kolonien. Antebi hat einen sehr schlechten Charakter, seine Art ist lebhaft und roh, aber er ist außerordentlich angesehen und fähig. (Antebi est un tres mauvais canactere, d'une nature un peu vive, grossiere, entrernement distingue et habile.) Wenn Antebi entlassen würde, so würden zuerst die Kolonien klagen. Wir billigen nicht, was Antebi tut, aber wir brauchen ihn (Nous n'approuvons pas Antebi, mais nous avons besoin d'Antebi)." Weiter sagte er, er selber könne nichts tun; er sei nur ein Beamter. Der Präsident Leven sei der Leiter. Damit war dieser Teil der Versammlung beendigt. Nochmals wurde betont, daß Machiels die Wünsche der Versammlung dem C. C. unterbreite und den Antrag unterstützen werde. Unser Korrespondent bemerkt weiter: Herr Oberrabbiner Wagenaar selbst hat erklärt, daß er den Versprechungen der Pariser Leitung nicht traue. Wir brauchen also wohl nichts zu sagen, daß auch wir nicht glauben, daß dieser neue Versuch etwas helfen wird. Die Bedeutung der Vorgänge in der Versammlung liegt wohl in der peinlichen Verlegenheit, in der sich offenbar die Pariser Herren gegenüber einer so starken Opposition, die sie nie erwartet hätten, befanden. Die zweite Rede des Herrn Bigart fand sehr geringen Beifall, und im allgemeinen schien man mit den Aufklärungen der Pariser Leitung wenig zufrieden. Die Rede des Herrn Oberrabbiners Wagenaar, der in Holland sehr großen Einfluß besitzt, hatte eine mächtige Wirkung gegen Paris. Wiener Brief (Von unserem Korrespondenten) Trauerkundgebungen für Drohobycz In einer Riesenversammlung hat am 25. Juni, wie schon berichtet, die Wiener jüdische Bürgerschaft zu den Blutwahlen in Drohobycz Stellung genommen. Der Obmann des Jüdischen Nationaivereins, Herr Dr. Jak.Ehrlich, besprach in seiner Eröffnungsansprache in leidenschaftlichen Worten den Anlaß der Kundgebung. Nicht nur Trauer und menschliches Mitgefühl regen sich bei der Nachricht von solchen Vorgängen, sondern auch Empörung über die Behandlung, die den Opfern des 19. Juni zuteil wurde. Zu nächtlicher Stunde wurden sie gleich Verbrechern auf den Friedhof gebracht, keinen Kadisch durfte man an ihrer Bahre sagen! Die stärkste Verachtung aber muß die treffen, die die Ursache waren zu dem Gemetzel, die Feuerstein und Löwenstein! Die nächsten Redner Dr. Kraßny und Dr. Pachtmann-Drohobycz besprachen unter wachsender Erregung der Versammlung die Vorgänge in Drohobycz in ihren Ursachen und ihrem Verlauf. Architekt Dr. Karplus verlas sodann folgende Resolution: „Die am 25. Juni in den Sophiensälen tagende Monster Versammlung gibt ihrer tiefen Trauer über die blutigen Vorfälle ii Drohobycz Ausdruck und versichert die Hinterbliebenen der doi gefallenen Opfer ihrer herzlichen Teilnahme. Die Versammlung erfüllt von tiefstem Abscheu über das verbrecherische Treiben de Kultuspräsidenten Jakob Feuerstein und seiner im Verwaltungs dienst stehenden Drohobyczer Helfershelfer, verlangt die strengst Bestrafung aller, welche zunächst durch betrügerische Machinatione; das Wahlresultat fälschten, durch ihr gewalttätiges Vorgehen du Volksmassen planmäßig aufs höchste reizten, um schließlich unter einer wehrlosen und friedlichen Volksmasse ein furchtbares Blutbad anzurichten. Die Versammelten erklären die Behauptung Dr. Löwensteins, seine Wahl sei eine legale gewesen, als eine Billigung des begangenen Verbrechens und erklären ihn als unwürdig, in Zukunft ein öffentliches Amt zu bekleiden. Die Versammlung stellt fest, daß sämtliche beim Ministerium des Innern vor dem Drohobyczer Unglückstage vorgebrachten Beschwerden vollständig nutzlos waren und daß die Regierung nichts unternommen hat, um den berüchtigten galizischen Wahlschwindeleien ein Ende zu setzen. Die Versammlung erwartet von dem neu

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