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Die Welt · 1911-07-07 · 27 (7.7.1911) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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der vor einigen Tagen, am 22. Juni,- in einer zionistischen Versammlung zu Nürnberg, Thora und Mizwaus für veraltet und versteinert erklärt und die thoratreuen Juden unter einem unästhetischen Bilde gekränkt und verächtlich gemacht hat, erklären ihren Austritt aus der Frankfurter Zionistischen Vereinigung. Die Verantwortung für diesen unseren Schritt müssen iwir dem Vorstand der Zionistischen Vereinigung zuschieben, den i&r Vorstand der hiesigen Misrachigruppe wiederholt mündlich und schriftlich, direkt und indirekt vor der Berufung dieses Redners aus prinzipiellen Gründen gewarnt hat. * * * Diese Angelegenheit ist nach jeder Richtung hin sehr zu bedauern. Wir können uns der Einsicht nicht verschließen, daß die Leitung des hebräischen Gymnasiums nicht sehr geschickt gehandelt hat, als sie Herrn Dr. Mossinsohn mit der Werbearbeit betraute, der durch seine Lehrtätigkeit, ob mit Recht oder Unrecht, das Mißtrauen der gesetzestreuen Zionisten erregt Ii iL Aber keineswegs können wir das Vorgehen der Misrachi-Ortsgruppe in Frankfurt a. M. billigen, um so mehr als der Leiter des hebräischen Gymnasiums, Herr Dr. Bogratschow, in der Sitzumg des Actions-Comites vom 17. März 1909 erklärt hat: „Es beleidigt uns fast, wenn man glaubt, uns vorschreiben zu müssen, daß mr die religiösen Gefühle unserer Brüder nicht verletzen sollen." Seit damals sind auch keine neuen Klagen gegen das Gymnasium tont geworden. Es muß außerordentlich befremden, daß die Ortsgruppe des Misrachi von einem dienstlichen Gutachten des Herrn Dr. Jakot) Thon, das dem Zentralbureau des Misrachi seinerzeit als streng vertraulich mitgeteilt worden war, öffentlichen Gebrauch macht. Noch peinlicher muß es berühren, daß sie, wenn sie dies schon tun zu müssen glaubte, die bezügliche Äußerung des Henri Dr. Thon nicht in ihrem Wortlaut zitiert, sondern in subjektiv«! Weise ausgelegt hat. Österreich Karlsbad. Die zionistischen Kurgäste treffen sich jeden Mit twoch um V*9 Uhr abends im Restaurant Kirsch, Haus Linkoln, Egerstraße. Schweiz Bern. Am Samstag den 24. Juni veranstaltete der akademische Zionisten verein in der Aula der Universität einen Vortrag mit Lichtbildern von Dr. Q. Mein rath, Konstanz: Dureft die Stätten jüdischer Kultur und Kolonisationsarbeit in Palästina. Redner schilderte seine Palästinareise, und mittels interessanter Lichtbilder führte er Land und Leute lebendig von Augen der zahlreichen Zuhörer. In der ersten Hälfte des Vortrags schilderte er das Leben in den Städten Jerusalem, Saffed usw, Die zweite Hälfte war den Kolonien gewidmet: prachtvolle Landschaftsbilder, der Jordan, jüdische Kolonisten bei der Arbeit, in Garten, im Olivenhain, zu Hause. Besonders interessant waren dies Typen jüdischer Wächter, die nachts mit Gewehr in der Hand die Ehre und den Besitz der Kolonien zu verteidigen wissen. Reitertruppen, kernige, kraftvoll mutige Gestalten, ziehen vorüber.. Jüdische Kinder tummeln sich lustig auf der Straße. Ein Herz unü Aug' erfreuendes Bild von Arbeit und Freiheit, vom Leben. In bewegten Worten schilderte Redner die Auflebung der hebräischen als Umgangssprache, — und tosender Beifall erscholl im großen Saal. Zum Schluß besprach der Redner die Arbeitsmöglichkeiten in Palästina und die große Bedeutung der jüdischen Kolonisation für das ganze türkische Reich. Das zahlreiche Auditorium —gegen 250 Personen — zollte dem Redner donnernden Beifall. Es waren auch mehrere Universitätsprofessoren anwesend, darunter der Rektor Prof. Fischer, der Rektoratssekretär Prof. Tobler, der Dekan der philosophischen Fakultät, der bekannte Orientalist Prof. Marti, Prof. Mai u. a. Es war eine imposante zionistische Kundgebung, wie sie bis jetzt in einem Universitätsauditorium noch nicht vorgekommen ist. Vereinigte Staaten New York. Vor einigen Tagen hat hier die vierte Jahreskonferenz des Verbandes der rumänischen Juden in Amerika stattgefunden. In der Versammlung, der 180 Delegierte beiwohnten, wurde auf Antrag des abtretenden Vorsitzenden Herrn Leo Wolfssohn einstimmig beschlossen, das Baseler Programm anzunehmen. In einer Resolution wurde ferner beschlossen, daß die'Mitglieder sämtlicher Verbandsvereine den Schekel zu bezahlen haben, und daß alle offiziellen Briefe und Schriftstücke mit der Nationalfondsmarke zu versehen sind. Zum Vorsitzenden wurde Herr Dr. P. E. Siegelstein, zu seinem Stellvertreter Herr Dr. Weiß gewählt. Brief aus Holland (Von unserm Korrespondenten) Die Alliance-Versammlung. Geständnisse des Herrn Bigart Die ordentliche jährliche Generalversammlung der Abteilung Holland der Alliance fand am 2. d. M. in Amsterdam statt. Obgleich die Tagesordnung nichts Besonderes bot, erwartete doch jeder, daß die großen Fragen, welche jetzt die Alliance beherrschen, auch in dieser Versammlung zur Geltung kommen würden. Nicht am wenigsten trug dazu der Umstand bei, daß das Bureau der holl. Abteilung das C. C. gebeten hatte, einen Delegierten zu dieser Versammlung zu entsenden, und daß das C. C. dieser Einladung sogar in der Weise Folge geleistet hatte, daß es nicht nur einen, sondern sogar zwei Herren delegierte. Die Herren MachieJs und Bigart waren anwesend und ergriffen in der öffentlichen Versammlung, welche, wie immer, vor der gewöhnlichen Versammlung stattfand, das Wort. Herr Machiels betonte, daf3 diejenigen, welche dss Wirken der Alliance nicht anerkennen, nicht gut informiert sind. Deshalb würde der Herr Bigart eingehender referieren. Herr Bigart hielt nun ungefähr dieselbe Rede wie in Basel. Er sprach zuerst über die Falaschas und betonte, daß man für sie nichts habe tun können, weil sie in kleinen Gruppen zerstreut wohnen. Er kam dann auf die Beschuld'gung zu sprechen, welche gegen die Pariser Leitung erhoben wird, daß man von diplomatischer Arbeit für die verfolgte Judenheit zu wenig höre. Solche Arbeit müßte gerade vertraulich geschehen. Von der Paßfrage in Rußland „wollte er nichts Weiteres sagen" — d. h. wohl in der Sprache des Herrn Bigart, daß er sehr viel hätte sagen können. Interessanter und auch ausführlicher aber war, was er über das Schulwerk erzählte. Indem er viele Schriftstücke vorzeigte, behauptete er, daß der Unterricht in den Schulen religiös sei. *Man sollte die Kinder in der Schule in Jerusalem nur befragen, z. B. wer Spinoza war, und sie werden es alle wissen! (Bewegung und Gelächter). Und aus der jüdischen Geschichte, nämlich aus der Geschichte der Juden im Exil wissen die Kinder mehr als mancher Teilnehmer dieser Versammlung. Er erzählte, wie viele Stunden in der Woche in den verschiedenen Schulen der hebräischen Sprache gewidmet sind. D e Zustände im Orient sind aber andere als in Europa. „Im Orient hält jeder den Sabbath und jeder ißt koscher." (Gelächter) Da aber in Alliance-Kreisen Zweifel laut wurden, so wurden zwei gelehrte Rabbiner eingeladen, eine Reise zur Inspektion der Schulen zu unternehmen; ihr Bericht war außerordentlich günstig. Man glaubt, die Alliance habe die modernen Ideen in den Orient gebracht. Die Lehrer selbst aber sind alle Orientalen, welche in Paris ausgebildet worden sind. Aber die Alliance habe sogar die Vorsicht angewendet, daß der Unterricht in jüdischer Geschichte und in Hebräisch von Rabbinern erteilt wird. Man sollte doch nicht denken, daß die Juden im Orient Kinder sind: wenn der Unterricht, wofür sie zahlen, nicht gut wäre, so würden sie als die ersten Klage führen. Die Schulen werden von allen Autoritäten, in den letzten Tagen noch vom Minister des Unterrichts in der Türkei, öffentlich gerühmt. Wenn die Schüler nicht fromm bleiben, so sei das nicht die Schuld der Alliance. Die Rede fand ziemlich großen Beifall. Die Opposition aber schwieg nicht lange. Zuerst sprach Herr Dr. jur. S. Franzie Berenstein. Er wies darauf hin, daß Herr Bigart überhaupt nichts Neues erzählt habe. Er sei aber doch eingeladen worden, weil man annehmen konnte, daß er über die verschiedenen Fragen in der Alliance reden würde, während Herrn Dr. A. S. Yahuda aus Berlin, der die Verhältnisse im Orient aus eigener Anschauung kenne, der Zutritt verweigert worden sei. Dr. Yahuda sei dennoch nach Amsterdam gekommen, habe heute als Korrespondent von „Ost und West" Zutritt verlangt, sei aber wieder abgewiesen worden. Dr. Franzie Berenstein beantragte nun zuerst, Herrn Dr. Yahuda Eintritt zu gewähren. Redner sagt weiter, er könne den Pariser Herren und namentlich Herrn Bigart nicht das Vertrauen schenken, das sie verlangten, weil Herr Bigart selbst gestanden hat, die antizionistische Rede des Herrn Leven seinerzeit türkischen Zeitungen zur Verfügung gestellt zu haben (Herr Bigart springt wütend auf); und weiter, weil bei den Wahlen für das Zentralkomitee Unrichtigkeiten vorgekommen und nachgewiesen worden sind. Redner beantragt, daß die Versammlung beschließe, eine Untersuchung über die Wahlmethoden einzuleiten, da, wie es heißt, Reinach gewählt worden sei. Herr Machiels (Paris): Das Zentralkomitee sei nicht Bigart; Bigart sei nur ein Beamter. Was die Wahl Reinachs betrifft, so habe dieser sein Amt niederlegen wollen. Seine Kollegen im Zentralkomitee haben ihm aber dies nicht gestattet. Sie be-

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