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Die Welt · 1911-07-07 · 27 (7.7.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Vorstandsmitgliedern. Der Präsident hielt vor Eingang der Sitzung der, verstorbenen Frau Jeannette Herzl einen tiefgefühlten Nachruf. Hierauf erstattete er einen ausführlichen Tätigkeitsbericht, aus welchem insbesonderes hervorging, daß es bereits gelungen ist, die Zeitschrift „Palästina" aktiv zu machen. Das Palästina-Informationsbureau hat einen Reiseführer für jüdische Touristen nach Palästina herausgegeben, der bereits in größerer Zahl verkauft wurde. Eine größere Debatte entspann sich über die Neugestaltung der österreichischen Organisation und das Verhältnis derselben zur Landespolitik. Die Vertreter des i.-ö. D.-K. betonten dabei wiederholt, daß für sie die nationale Erziehung der Juden auf dem Wege der Landespolitik einen integrierenden Bestandteil zionistischer Arbeit bedeute und daß sie darauf bestehen werden, daß dieser Standpunkt in der österreichischen Organisation voll zur Geltung komme. Die Vertreter der beiden andern Distrikte behielten sich die Stellungnahme zu diesem Punkte, welche Sache der D.-T. sei, vor, und es wurde allgemein der Meinung Ausdruck gegeben, daß die ganze Frage in ihrer Breite erst nach dem Kongreß aufgerollt werden soll. Der Vorsitzende erstattete dann den Kassenbericht, worauf Gg. Dr. Margulies über den Kongreß und über das Organisationsstatut referierte. Es wurde folgender Beschluß gefaßt: Das Z.-K. hält es im Interesse der Stärkung der Organisation einhellig für notwendig, daß die Friedensbedingungen der Jahreskonferenz eingehalten werden, und macht es allen Delegierten Westösterreichs zur Pflicht, sich für deren Durchführung einzusetzen. Es wurde ferner für notwendig erachtet, daß behufs Sanierung des Budgets der Zentralleitung die Besteuerung der zionistischen Institutionen erfolgen müsse. Da das Z.-B. in Köln den Termin für die Ablieferung der Schekel für Österreich ausnahmsweise bis 10. Juli erstreckt hat, beschloß das Z.-K. die heurigen Kongreßwahlen in den ersten zwei Juliwochen, spätestens aber bis 15. Juli vorzunehmen. Deutschland Frankfurt. Donnerstag den 29. Juni fand hier eine Schekelversammlung statt, in welcher Herr Dr. Mossinsohn vom Hebräischen Gymnasium in' Jaffa über „Das neue jüdische Leben in Palästina" sprach. Schon einige Tage vorher hatten die Führer des „Misrachi", eine lebhafte Agitation entfaltet, um den Vortrag des Dr. Mossinsohn zu verhindern. Der Vorstand der zionistischen Ortsgruppe hatte sich jedoch einstimmig auf den Standpunkt gestellt, daß die religiöse Richtung des Redners keinen Grund bilden könne, ihn nicht in einer Schekelversammlung sprechen zu lassen. Vor dem Eingange des „Kaufmännischen Vereinshauses" nun, in dem die Versammlung stattfand, wurden am Abend der Versammlung durch einen „Roten Radler" Zettel verteilt, in denen das „sogenannte Hebräische Gymnasium als eine Stätte der religiösen Verderbnis", Dr. Mossinsohn als ein Lehrer bezeichnet wurde, „der den Bibelunterricht auf Grund der christlichen Bibelkritik erteilt", der „daher das Recht verwirkt hat, vor Juden mit jüdischer Gesinnung über jüdische Angelegenheiten zu sprechen". Unterschrieben waren die Zettel: Mehrere gesetzestreue Zionisten. Dadurch war die Stimmung der Versammlung schon von vornherein eine erregte. Der Saal war überfüllt. Dr. Schwarzschild eröffnete die Versammlung und erklärte, sich gegen die bezeichnete Agitation wendend, daß der Zionismus gerade die Bewegung sei, die alle Juden, welche religiösen Anschauungen immer sie haben, vereinigen wolle, daß daher Dr. Mossinsohn das Recht habe, vor einem zionistischen Publikum zu sprechen. Darauf ergriff Dr. Mossinsohn, mit Beifall begrüßt, das Wort zu seinem Referate. Er ging zuerst auf das Verhältnis der Türkei zum Zionismus ein und wies nach, daß früher oder später sich diese für uns entscheiden müsse, behandelte die Beziehungen der Araber zum Zionismus und zeigte, daß alle Nachrichten über Pogrome gegen die Juden in Palästina Märchen seien. Auf das neue jüdische Leben in Palästina selbst übergehend, entwarf er ein klares und ergreifendes Bild von dem Leben in den Kolonien, von der Landwirtschaft, der Industrie und der gesamten Entwicklung des Landes. Er besprach dann die Kindergärten, die im neuen .Leben Palästinas eine äußerst wichtige Rolle spielen, die Schulen, den „Bezalel" und das Gymnasium. Es ist noch nicht sehr viel, was wir in Palästina geschaffen haben, aber es ist ein Anfang und als solcher ist er glänzend und verheißungsvoll. Der glänzende Vortrag, der ebenso klar und anschaulich in seinem Inhalt wie warm und vollendet in seiner Darstellung war, wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Die als Gast anwesende bekannte zionistische Rednerin Frau B. Pewsner richtete sodann einen begeisterten Appell an die jüdischen Frauen zur aktiven Teilnahme an der zionistischen Bewegung. Nach einer kurzen Pause setzte hierauf die Diskussion ein. Herr F. Sondheim er, der inzwischen den Vorsitz übernommen hatte, richtete an die Herren vom Misrachi die Bitte, ihre Anklagen gegen den Vorstand der Ortsgruppe und Dr. Mossinsohn für eine interne Mitgliederversammlung aufzubewahren, die der Vorstand speziell zu diesem Zwecke einzuberufen gedenkt, da die Auseinandersetzungen in einer öffentlichen Schekelversammlung nur geeignet sind, dem Zionismus zu schaden. Die Führer des Misrachi bestanden jedoch darauf, ihren Standpunkt sofort zum Ausdruck zu bringen, worauf der Vorsitzende ihrem Wortführer, Herrn B. S tern, das Wort erteilte. Herr Sternjbrachte im wesentlichen die Anklagen vor, die von misrachistischer Seite seit Jahren gegen das Gymnasium erhoben werden. An Hand eines Artikels des „Haschiloach" legte er dar, daß am Gymnasium unjüdischer Geist herrsche. Nach Herrn Stern, dessen Rede vom Beifall seiner Freunde begleitet wurde, sprach Herr Prof. Weyl, der gegen die Ausschaltung der Göttlichkeit der Thora beim Unterricht protestierte. Es sprach sodann Herr M. Levigard, der den Standpunkt der Einheit betonte, den der Zionismus vertrete, und von diesem Standpunkte aus die Berufung desHerrn Dr. Mossinsohn rechtfertigte, nach ihm Herr Dr. Kowalsky, der in energischen Worten gegen das Vorgehen des Misrachi protestierte. Sodann ergriff Dr. Mossinsohn das Wort zur Erwiderung. Er ging auf die einzelnen Anklagen ein und führte aus: Es sei wahr, daß im Gymnasium kein jüdischer Religionsunterricht erteilt werde, weil Religionsunterricht ebenso unjüdisch wie unpädagogisch ist. Religiöser Unterricht müsse in allen Fächern enthalten sein, und dies sei dort der Fall. Es sei nicht wahr, daß er Bibelkritik unterrichte. Er suche vielmehr seinen Schülern an Hand der Propheten ein BJd von dem Leben der Juden jener Zeit zu zeichnen; er wolle seinen Schülern ein Gefühl der Liebe und Begeisterung für die Propheten einpflanzen. Es sei überhaupt eine Lüge, daß er Anhänger der christlichen Bibelkritik sei. Vielmehr sei er infolge seiner nationaljüdischen Anschauungen ein Gegner dieser Bibeikritik, "was er in seiner Dissertation und auch sonst stets zum Ausdruck gebracht hat. Es ist verständlich, sagte er am Schlüsse, daß ein streng orthodoxer Jude Gegner des Gymnasiums sei; dann solle er aber streben, den Tachkemoni auszubauen, aber nicht durch eine unwürdige Agitation gegen das Gymnasium zu kämpfen. Gehe jeder seiner Wege, arbeite jeder nach seiner Anschauung, die Zeit wird lehren, auf wessen Seite das Recht ist. DieErwiderungdes Dr. Mossinsohn wrurdevon der Versammlung mit stürmischem Beifall aufgenommen, in den sich aber auch Widerspruch mischte. Als sodann — es war inzwischen 1 Uhr geworden — Herr Stern wieder das Wort ergreifen wollte, ertönten lebhafte Schlußrufe von allen Seiten, und fast die gesamte Versammlung erhob sich von den Plätzen. Allen Bemühungen des Vorsitzenden gelang es nicht, das Publikum zum Bleiben zu bewegen; nachdem er abstimmen ließ, ob man die Versammlung fortsetzen solle oder nicht, und sich die erdrückende Majorität für den Schlufo erklärt hatte, schloß er die Versammlung. Die Misrachi-Ortsgruppe in Frankfurt übersendet uns folgende vom 29. Juni datierte Erklärung: Die unterzeichneten gesetzestreuen Zionisten, entrüstet über die seitens der Frankfurter Zionistischen Vereinigung zu der heutigen Propagandaversammlung erfolgten Berufung des Herrn Dr. Mossinsohn, der ein Lehrer des hebräischen Gymnasiums zu Jaffa ist, das eine jüdisch-nationale Schule sein will und dabei sowohl die Unterweisung in der praktischen Ausübung des Judentums prinzipiell ablehnt als auch das religiöse Moment beim Unterricht der Bibel und der übrigen jüdischen Literatur systematisch ausschaltet, der nach einer im Zentralbureau der zionistischen Föderation „Misrachi" dahier befindlichen und von jedermann einzusehenden amtlichen, von Herrn Dr. Jakob Thon unterschriebenen Mitteilung des Palästinaamtes in Jaffa an das Zionistische Actions-Comite in Köln den biblischen Unterricht nach den irrigen Resultaten christlicher Bibelkritik erteilt,

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