Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 27 DIE^ELT 635 Standpunkt dem Zionismus gegenüber eb«en nicht siegreich verteidigt werden kann. Er sagte einleitend, da(5 für ihn diese „Conf6rence contradictoire" kein Dueli sei. Abgesehen davon, daß Nordau sein alter Freund sei, könne er in dieser Frage gar nicht als Gegner auftreten. Ja, er erkläre sich im Vorhinein als besiegt. Er fühle eine Art Beklemmung, gegen die. meisterhaften Ausführungen Nordaus zu reden. Nordau habe sich seü fünfzehn Jahren mit aller Wucht und allen seinen Geistesgaben umd Tugenden inden Kampf für das unterdrückte Judentum begeben, er sei wohl gegenwärtig der beste Kenner der jüdischen Frage. Bäsch dagegen habe sich mit dieser Frage niemals zu beschäftigen gehabt. Seit 14 Tagen habe er neben seinen vielen Arbeiten auch die Judenfrage studiert. Die „Alliance juive" habe ihm das Material zur Verfügung gestellt: Den „Judenstaat Herzls" und Nordaus' „Zionistische Schriften", die Kongreßprotokolle und' eine Anzahl Broschüren. Er habe nicht~nur die Frage verstehen lernen, sondern sie empfunden. Wie gern, mit der ganzen Kraft seiner Seele hätte er sich den alten graubärtigen Juden, die nach den Reden Herzls und Nordaus die Hände gegen Jerusalem ausstreckten!, angeschlossen um mit ihnen nach Jerusalem zurückzukehren. At>er trotz eifrigen Studiums konnte er nicht die Überzeugung los werden, daß dieser Wunsch, •unausführbar sei. Bis zum Jahre 1897 habe er nicht gewußt, daß er Jude sei. Plötzlich wurde er aufgerüttelt und er habe es empfunden, daß er einem Volke abstamme, das überall Haß und Verfolgung erfährt. Wenn er sich fragt, wie die Judenfrage z u lösen wäre, so finde er keine andere Antwort, als daß dieser HaEß und die Verfolgung aufhören müssen. Die Juden können nach seiner Atisicht nicht als ein Volk betrachtet werden. Es fehlen ihnen nichtnur der gemeinsame Boden und die gemeinsame Sprache, sondern noch me hr die gemeinsame Kultur. Er kann es verstehen, wenn in Rußland und Rumänien die Juden sich als Fremde fühlen, aber niemals leann qt zugeben, daß ein französischer Jude sich nicht als Franzose fühlt. Die französischen Juden sind unbedingt treene Anhänger ihres Vaterlandes und sie können nicht einer andern Nation angehören. Dasselbe gilt für die deutschen und englischen Juden. Sie denken nicht daran, ihr Vaterland zu verlassen, sie schließen sich vollkommen der Kultur ihres Landes an. Und wenn es auch in diesem Lande eine Minorität gibt, die ihnen zuruft: „Ihr seid Juden, Ihr seid Fremde!", so sind die Juden trotz dieser gehässigen Anfeindungen doch mit ganzer Seele Franzosen. Gewiß, er fühle mit den unterdrückten Juden und verabscheue die Nieidertracht ihrer Verfolger, aber ebenso verabscheue er die Verfolger der Armenier. Man kann nicht zwei Nationen angehören, und er frage, mit wem der gebildete westeuropäische Jude mehr Gemeinschaft habe: mit dem nichtjüdischen Mitbürger, seines Vaterlandes oder mit dem orthodoxen Juden aus Osteuropa, der einer ganz andern Kultur angehört? Man könnte sagen: Gemeinsame Aspirationen bilden ein Volk. Die Verschiedenheit der Juden machen dlie gemeinsamen Aspirationen unmöglich. Aber selbst der gemeimsame Wille ein Volk zu werden kann kein Volk heranbilden. Der gemeinsame Wille schafft eine Assoziation, aber dann können auch Nichtjuden beitreten, wo bleibt dann die Zugehörigkeit zum bestellenden jüdischen Volke. Ein Volk macht man nicht, es ist da, es unterliegt den Gesetzen der Biologie, es wird gebildet durch die Jahrhunderte. Herzl hat mit dem Sultan Abdul Hamid verhandelt; ohne Resultat. Aber gesetzt den Fall, Herzl hätte ausgeführt, dann wäre er von dem schlauen Abdul Hamid noch inurner hereingelegt worden. Vorerst hätte der Sultan das Geld genommen, und wenn er die Juden ins Land gelassen hätte, dann hätten sie es nachher wieder verlassen müssen. Er hätte sie so behandelt, wie die Armenier. Seitdem die Jungtürken ans Ruder tarnen, herrscht in der Türkei, wie in jedem jungen Verfassungsstaat, ein schwärmerischer, übertriebener Chauvinismus, der alle Hoffnungen auf ein Abtreten eines Territoriums an die Juden illusorisch macht. Uganda ist abgewiesen worden. Zangwill habe nachi einem Lande gesucht und es nicht gefunden. Kein Land wird darauf eingehen, einen Staat im Staate zu gestatten; das Suchen war unnütz. Soviel über die Unmöglichkeit des Planes, aber er frage; suh, ob der Judenstaat zu wünschen ist und da sage er: Nein. Die französische Revolution habe die Stirömung nach allgemeiner Freiheit und Abschaffung der Grenzen gezeitigt. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts trat eine Bewegung dagegen auf: der Nationalismus. Sollen wir hoffen, daß der Nationalismus, oder daß der Sozialismus sich bewähren? Und da sage ich: Der Sozialismus muß siegen und ihn müssen wir unterstützen. Was ich von Ihnen verlange, ist Geduld. Es sind kaum einige Generationen, seit der Sozialismus aufkam. Wie können ^fr verlangen, daß er sein Programm bereits verwirklicht hätte? Wenn wir den Sozialismus zu verwirklichen suchen, dann erstt^Ä ^«ir, was unseren Propheten als das höchste Ziel der Menschheit] vorgeschwebt hat. Sie verfolgen die Erreichung des zionistischen Ideals. Erstreben wir einen inneren Zionismus. Befreien wir uns, wir dürfen es uns sagen, von unsern Fehlern. (Bewegung unter den Zuhörern.) Der Jude akkapariert alles; wo er einen Platz errungen hat, klammert er sich fest an und beharrt auf seinen Vorteil. (Unruhe.) Reinigen wir uns von dem inneren Schmutz, streben wir nach höherer Gesittung, nach einem inneren Zionismus!(?) Ich schließe damit: Für die Russen und Rumänen lasse ich den Zionismus gelten, für die westeuropäischen Juden gibt der Sozialismus die Lösung der Judenfrage. Nach einer kurzen Pause nimmt Dr. Nordau wieder das Wort. Er stellt vorerst fest, daß er für Professor Bäsch die größte Hochachtung hege. Dieser sei stets unerschrocken für Recht und Freiheit eingetreten und nicht nur wie am heutigen Abend mit Worten der Sympathie für die unterdrückten Juden, sondern in gefahrvoller Stunde habe er sein Leben für die Gerechtigkeit eingesetzt. Redner möchte nicht auf billige Weise geistreich sein, aber es genüge wirklich nicht, 14 Tage lang die Judenfrage zu studieren, wie Prof. Bäsch es tat, um darüber zu urteilen. Die Judenfrage muß man leben. Prof. Bäsch sagt: Kein Land wird uns gestatten, einen Staat im Staate zu bilden. Wenn Abdul Hamid uns in Palästina hätte einziehen lassen, so müßten wir es wieder verlassen. Das ist ein Irrtum. Wir erstreben nicht den politisch unabhängigen Staat, sondern die Heimstätte, in der wir uns national ausleben können. Herzl habe den herrlichen Traum des Judenstaates geschaffen; er träumte, so lange er mit sich allein war. Mit dem ersten Schritt, den er zur Verwirklichung des Ideals trat, war die Idee vom Judenstaat nicht mehr vorhanden. In keiner meiner Schriften, die ich nur des Nachweises wegen erwähne, auf keinem unserer Kongresse ist vom Judenstaat auch nur die Rede. Wenn unsere Feinde unser Programm entstellen wollen, und giftige Unwahrheiten ausstreuen, so sind nicht wir dafür verantwortlich. Prof. Bäsch, der unsere Bewegung nicht kennt, weiß nicht, wie gerade im jetzigen Augenblicke unsere Feinde bestrebt sind, uns in unerhört ehrlosester Weise in Konstantinopel anzuschwärzen, wie gegen uns gewühlt wird. Wir können es nicht genug betonen. Nie haben wir daran gedacht, eine Provinz von der Türkei loszureißen, oder gar als Revolutionäre ins Land zu kommen, um den Türken Schwierigkeiten zu bereiten. Wir wollen, dankbar wie wir es sind, dem ottomanischen Volk unsere Anhänglichkeit bringen. Kein Volk ist so geeignet wie wir, dem ottomanischen Reich in solch hohem Maße europäische Kultur zu geben. Kein Volk ist so geeignet wie wir, die brach liegenden Ländereien Palästinas und der Umgebung zu befruchten. Kein Volk ist so geeignet wie wir, den ottomanischen Bürgern in ihrem Streben nach Erlangung wirtschaftlicher Unabhängigkeit behilflich zu sein und treu zur Seite zu stehen. Redner sympathisiere mit den Armeniern. Er habe persönliche Freunde unter ihnen. Die an ihnen verübten Greueltaten könne er nur verurteilen, aber wenn Abdul Hamid die Greueltaten verübte, so war es, weil er glaubte, in seinem Interesse so handeln zu müssen, weil die Armenier sich losreißen wollten. Dieser Fall konnte bei uns nicht eintreten und wir hätten niemals Veranlassung, Palästina wieder zu verlassen. Die Jungtürken sind über unsre Bewegung schlecht und falsch unterrichtet und haben keine dringende Veranlassung, die Frage näher zu studieren. Und wenn Juden kommen und behaupten, daß die Zionisten eine Revolution im Lande vorbereiten wollen, daß sie einen unabhängigen Staat erstreben, daß wir geheime Absichten haben, so können die Türken, die uns bisher freundlich gesinnt waren, nichts besseres tun, als vorläufig unsere Bestrebungen abweisen. Das ist die einfachste Art für sie, die Sache zu erledigen. Sie haben es nicht mehr nötig, Schwierigkeiten zu bekommen. Wir haben niemals aufgehört, unsere loyalen Absichten offen vor aller Welt klar zu legen. Wir haben keine geheimen Absichten und die# türkische Regierung kann nicht immer der Ehrlichkeit mißtrauen und der Verleumdung glauben. Es ist momentan unmöglich für uns, nach Palästina zu kommen. Menschliche Hände haben die Pforte verschlossen und menschliche Hände können und werden sie öffnen. Die Jungtürken wollen ejne Wiederholung der französischen Revolution in der Türkei durchführen, sie werden erkennen, daß dies unmöglich ist, daß im ottomanischen Reiche jedem Volk seine