Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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634 DIEIqKELT No. 27 es seinen eigenen jüdischen Bürgern die tatsächliche Gleichberechtigung gäbe? Dann wird Deutschland die dankbare Sympathie der Juden der ganzen Welt besitzen in dem gleichen Ausmaß, wie sie z. B. England besitzt. j.l- Disputation Dr.Nordau-Prof. Bäsch Wohl noch nie hat die „Universite populaire juive" in Paris eine solch zahlreiche Zuhörerschaft gehabt, als an ihrem letzten Abend, an dem zwei Meister des Wortes, Dr. Max Nordau und Prozessor Victor Bäsch, eine der brennendsten Fragen der Jetztzeit, die Lösung der Judenfrage in der Diaspora, aus verschiedenen Gesichtspunkten behandelten, die verschiedene Weltanschauungen gegeneinander vertraten. Dr. Nordau vertrat den Zionismus, Professor Bäsch den Sozialismus. Die Erschienenen waren nicht umsonst gekommen. Die glänzenden Reden verdienten ein zehnfach, hundertfach stärkeres Auditorium. Man fühlte sich in die klassische Zeit versetzt, in welcher mit Aufwand aller Geistesschärfe und Gelehrsamkeit die Glaubenssätze vor dem Forum der Öffentlichkeit vertreten wurden. Ein Hauch längst vergangener Tage wehte durch den Saalj der Geist des ewigen Seins, der mit unbezwingbarer Macht die Gegenwart beherrscht und ahnend in die fernste Zukunft schaut, schwebte über den Gemütern. Dr. Nordau und Professor Bäsch, umgeben von den Herren des Komitees, wurden mit herzlich kräftigem Beifall empfangen. Wir kennen die achtungsgebietende Gestalt Nordaus mit dem weißen Löwenhaupt. Prof. Bäsch, ein Mann an die Fünfzig, mit schwarzgrauem Schnurrbart über dem glatt rasierten Kinn, ist die joviale Einfachheit selbst. Geborener Franzose, ist Bäsch Professor der deutschen Literatur an der Sorbonne. Während des Dreyfußprozesses war er Professor in Rennes und erst dieser Prozeß hat ihn in Erinnerung gerufen, daß er auch Jude ist. Er hat sich übrigens nicht gescheut, allen Gefahren zum Trotz, energisch für Dreyfuß einzutreten. Dr. Nordau hatte es übernommen als erster zu sprechen. Die Sprache war französisch. Mit der ihm eigenen Präzision schilderte Dr. Nordau die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern: Man leugnet die Existenz des jüdischen Volkes und damit auch die Judenfrage. Alle Völker bejahen aber praktisch die Judenfrage. Es geschieht nicht überall in ganz gleicher, aber immer in einer für die Juden unerträglichen Weise/Dr. Nordau charakterisiert scharf die verschiedenen Antworten der Völker mit einigen lapidaren Sätzen und meint schließlich, daß auch in Frankreich mancher dramatische Autor auf die Existenz* der Judenfrage aufmerksam gemacht wurde. Die Wissenschaft ist trotzdem zu dem Schluß gekommen: Die Juden wären nur noch eine Religionsgemeinschaft, aber kein Volk. In unvordenklicher Zeit seien wir ein Volk gewesen, das sei aber längst vorbei. Sie hat es behauptet und besiegelt, aber nicht bewiesen, denn wir leben. Redner zitiert Renan, Topinard, Gobineau usw. und weist auf die vielen Widersprüche und auf die Unhaltbarkeit der aufgestellten Behauptungen hin. „Es ist wahr, — sagt er, — wir haben kein Land, wir sprechen nicht mehr unsere Sprache, wir leben in verschiedenen Kulturen, wir haben keine gemeinsamen Sitten, wir sind keine Rasse. Uber letztern Punkt habe Redner seine Ansichten, die er hier zu erläutern nicht angebracht finde. Wir sind keine Rasse, aber wir stellen einen ganz bestimmten Typus dar. Diese Tatsache muß jeder von uns, gern oder ungern, mancher sogar mit sehr viel Bitterkeit, konstatieren. Es hilft uns nichts, wenn wir uns darüber hinwegtäuschen wollen. Überall werden wir als Juden, als ein Fremdkörper empfunden, selbst in Frankreich, wo die Wiege der Freiheit stand. „Die Elemente, die ein Volk ausmachen, fehlen uns, sagt die Wissenschaft. Wir sind trotzdem ein Volk; die Kriteria, die für ein anderes Volk maßgebend sind, können auf uns nicht angewendet werden, weil wir in anderen, in anormalen Verhältnissen leben. Das Judentum ist nur eine Religion! Für diejenigen, die noch das Schema Israel mit Inbrunst rufen, mag das noch wenigstens zutreffen, aber wie kann es auf diejenigen Anwendung finden, welche der Religion den Rücken gekehrt haben? Gerade dort, wo die Religion als ein überwundener Standpunkt betrachtet wird, wird das Judentum zur Religion gestempelt. Das ist ein Selbstbetrug. Es ist der Versuch gemacht worden, die Religion zu reformieren, sie mit der uns umgebenden Kultur in Einklang zu bringen. Der Versuch scheiterte vollkommen. Die Reform ist nichts als ein verborgenes Tor, durch welches man aus dem Judentum flüchtet. Wir leben ein anormales Leben. Jeder Jude fühlt, bewußt oder unbewußt, den Zwiespalt. Nur daß es manchem gelingt, sich darüber hinwegzusetzen, sein innerstes Selbst niederzukämpfen und in der Allgemeinheit aufzugehen. Individuell ist dies möglich. Die Gesamtheit kann unmöglich diesen Weg gehen. Kann sich das jüdische Volk unter diesen Umständen erhalten? Man sagt uns: wir sollen unsere Eigenart aufgeben und langsam aufgehen. Wir akzeptieren dieses Todesurteil nicht. Wir wollen nicht sterben, wir wollen leben. Sie können sagen: „Wir sehen die Notwendigkeit Ihrer Existenz nicht ein!", aber das Recht zu leben ist nicht diskutierbar. Dieses Recht beansprucht jeder für sich, ohne den andern um Erlaubnis zu bitten. Wir wollen leben, und in einem Milieu, wo wir nicht bloß geduldet sind, wo uns nicht auf Schritt und Tritt mißtrauische, verächtliche Blicke die Bewegungsfreiheit rauben, wo wir uns nach unserer Art ausleben können, wo die Bedingungen vorhanden sind, um unsere Kräfte frei entfalten zu können. Ich habe Ihnen die Basis des Zionismus klargelegt, ohne das Wort Zionismus zu nennen." Als sich der Applaus gelegt hatte, ergriff Professor Bäsch das Wort. Ein Redekünstler ersten Ranges. Das ist der Eindruck, den seine ersten Worte hervorrufen. Ein loyaler, offener, starker Charakter, das zeigen die folgenden Sätze, ein scharf logischer Denker, das zeigt die ganze Rede. Wenn es Prof. Bäsch nicht gelungen ist, Nordau zu widerlegen, so liegt dies daran, daß sein Die kostenlose Zustellung der Kongreßausgabe unseres Blattes kann nur an jene Abonnenten der „Welt" erfolgen, die mit der Einzahlung des Abonnementsbetrages nicht im Rückstände sind Wir ersuchen daher nochmals dringend alle Abonnenten, deren Bezugszeit am 30. Juni 1911 abgelaufen war und die bisher das Abonnement noch nicht erneuert haben, um unverzügliche Einsendung des Abonnetnentsbetrages. Den Abonnenten in Deutschland und Österreich-Ungarn haben wir Zahlkarten bzw. 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