Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 27 DIE^KELT 633 Deutschland und die marokkanischen Juden In einem aus Tanger, Ende Juni datierten Leitartikel der „Kölnischen Zeitung" vom 3. Juli wird darüber Beschwerde erhoben, daß das amtliche Deutschland es verabsäume,, die Wohltaten, die es den marokkanischen Juden erw«eist, der Öffentlichkeit kund zu geben. Dadurch sen die Mär entstanden, daß nur Frankreich der Beschützer der Juden in Marokko sei. Der Korrespondent führt zur Unterstützung seiner Anregung folgendes an: „Wie zum Schutz der Deutschen in Fes, so hat der deutsche Konsul D:l Vassel während der letzten Unruhen die marokkanische Regierung veranlaßt, vorbeugende Maßregeln auch zum Schutze der Juden zu treffen, und zwar der deutsche Konsul alllein. Die andern Konsuln weigerten sich, irgendwelche Schritte zu tun mit der Ausrede: die Juden wären als Marokkaner zu betrachten und müßten sich in ihr Schicksal fügen wie die andern. Nun ja, die Juden sind wohl Marokkaner, solamge Ordnung im Lande herrscht. Mit dem Augenblicke, v/o die Volksmasse freie Hand bekommt, hört aber für sie der Ju de auf, Mensch zu sein, da wird er als Schlachtopfer dem Zorn des Pöbels ausgeliefert. Mit dem Angenblicke, wo französische Truppen sich nach Fes in Bewegung setzten, war aber zu befürchten, daß in Fes die Erregung so stark werden würde, daß kein Halten mehr möglich sei. in dieser Erwägung verwandte sich Konsul Vassel rechtzeitig bei der Regierung und bestand auf wirksamen Vorsichtsmaßregeln, die er ausgearbeitet hatte, um gegebenenfalls Plündereien und Metzeleien im Judenviertel vorzubeugen, was dank seinem energischen Auftreten auch vollständig gelang! Die Moral von der Geschichte: Solange die Franzosen und Engländer Vorwände benötigen, um erstrebenswerte Ziele im Orient zu verfolgen, sind alle Mittel gut genug,, sogar die Judenfrage, um Einmischungsgründe zu bieten. So mußte eine Bittschrift der Juden in Debdu und die telegraphis«clie Verwendung des Pariser Zentralkomitees der Alliance Israelite für die Juden von Debdu bei der französischen Gesandtschaft in Tanger die Besetzung dieser am Muluja gelegenen oslrnarokkanischen Stadt vorbereiten. Sind aber die Ziele erreicht oder beiseite gelegt worden, wie hier in diesem Falle, so kümmert man sich v/enig um „Humanität" und dergleichen tu ehr. Vor drei Jahren sagte Herr Pichon, daß Mulai Hafid die Juiden zwänge, am Sabbat zu arbeiten. Damals waren Ziele zu erstreben! Heute sagt sein Vertreter in Fes, die Juden seien eben Marokkaner: Am Ziel! Aridere Beispiele: Als die Europäer in Fes nach der Beschießung Casablancas beim Ausbruch der revolutionären Ere'gnisse die Hauptstadt verlassen mußten, da beschlossen der französische und der englische Konsularve rtreter, die Reise nach der Küste am Samstag anzutreten, um die Juden nicht mitnehmen zu müssen. Der deutsche Konsul verschob daraufhin seine Reise um einen Tag, auf den Sonntag, so daß die deutschen, französischen und englischen jüdischen $ ahutzbefohlenen unter seinem Schutze reisen konnten. Nach der Beschießung Casablancas kümmerte sich in der teilweise in T'riimmer gelegten Stadt kein Franzose, auch kein Konsul, uim die im Meliach (Judenviertel) zurückgebliebenen ärmsten Juden. Deutsche waren es, die unter die hungernden Juden im Meilach von Casablanca zuerst Nahrungsmittel und Geld verteilten. Später trafen Abgesandte der Alliance aus Tanger ein und halfen wirksam. Hunderte von flüchtigen Juden nahm der deutsche Dampfer Arkadia damals auf. Rührend war es, als die Leute von dem braven Kapitän Abschied nahmen un«i ihm ihren Dank aussprachen: „Ihr Deutsche seid die einzigem, von denen wir Güte empfangen haben." Freilich, die französischen Soldaten zwangen die Juden mit Stockschlägen, die verpesteten Leichen in der Stadt zusammenzuschleppen. Zum Schluß: Vor mir liegen zwei Dankesschreiben, eines von der mohammedanischen, eines von der israelitischen Gemeinde in Mogador, beide von angesehenen Männern dieser Gemeinden unterzeichnet.. In rührenden Worten wird darin für die Hilf© gedankt, die Hamburger und andere deutsche mit Marokko arbeitende Firmen aufVeranlassung der Deutschen Mogadors den armen Juden und Marokkanern Mogadors geleistet haben. Als im Anfamg dieses Jahres infolge Mißernte im Hinterlande von Mogador rJort entsetzliches Elend herrschte, da brachten die deutschen Marokkofirmen in Kürze 2250 Duros (zu 4 JC) auf. Die Hälfte dieser Summe wurde für die Marokkaner, die Hälfte für die Juden verwandt. Der Not ist dadurch wirksam gesteuert worden." Dieser Bericht des Korrespondenten erschien der „Kölnischen Zeitung", die in sehr naher Verbindung mit dem Berliner Auswärtigen Amte steht, wichtig genug, um ihn an leitender Stelle zu veröffentlichen. Er ist es auch, denn er verlangt ja, daß die deutsche Regierung aus Gründen ihrer äußern Politik wie auch zur Beseitigung gewisser innerer Vorurteile sich der marokkanischen Juden annehmen solle. Einerseits würden die deutschen Mitglieder der Alliance Israelite Universelle nicht weiter darüber Klage führen können, daß nur Frankreich oder England als die Träger der Humanität im Orient auftreten. Anderseits aber.— und das ist das Wichtigste — wäre die jüdiche Dankbarkeit ein wertvoller Bundesgenosse für die deutsche Politik, die in Marokko nach Stützpunkten sucht. Die Humanität wird also ebenso ein Faktor politischer Rechenkunst wie Dreadnoughts und Kruppsche Kanonen. Das ist weiter nicht verwunderlich, weil eben die Politik der europäischen Großmächte von materiellen Gesichtspunkten ausgeht. Liegt es in ihrem Kützlichkeitskalkül, irgendwo auch den verfolgten Juden gefällig zu sein, so werden sie es eben tun, aber nur bis zu dem gewissen Punkt, bei dem die Juden als Objekt aus der Rechnung ausscheiden. Oder wie der Korrespondent der „Köln. Ztg." dies deutlicher von den Franzosen sagt: Am Ziel! In Marokko stehen französische Truppen, vom Rif aus gehen spanische Soldaten vor. Bei Agadir liegt ein deutsches Kriegsschiff. Diese drei Mächte sind angelegentlich mit der Pazifikation Marokkos beschäftigt, dessen Stämme sich gegen den Sultan Muley Hafid erhoben haben. In dem diplomatischen Kulissenspiel, das diese Einmengung Europas vorbereitete, spielen nun auch die Juden eine Rolle. Es ist ein förmliches Wettlaufen um die Gelegenheit, ihnen Wohltaten zu erweisen. Da wir nun aus der platonischen Resolution von Algeciras sehr viel gelernt haben, so sehen wir diese neueste Hilfsaktion mit sehr skeptischen Augen an, wie wir das immer tun, wenn jemand sein Herz für die Juden entdeckt. Immerhin: Es liegt momentan im Zuge der deutschen Politik, den marokkanischen Juden einigen Beistand zu leihen. Wir nehmen das gerne und dankbar zur Kenntnis. Wenn aber die deutsche Politik das Vertrauen der Juden des Orients dauernd gewinnen will, dann hat sie dafür noch andere Wege. Sie möge in Europa Umschau halten, ob sie nicht hier Juden zu Hilfe kommen kann. Da Deutschland 1878 den Berliner Vertrag unterzeichnet hat, so könnte es z. B. die Behandlung der Juden in Rumänien untersuchen. Aber das verhindert wohl die berühmte Einmengung in innere Angelegenheiten eines fremden Staates. Als ob es nicht auch in der Politik gewisse sittliche Normen wie Vertragstreue usw. gäbe! Auch die Knechtung der Juden Rußlands kann wohl keinen Gegenstand einer deutschen Intervention bilden. Aber wie wäre es, wenn Deutschland die demütigende Zurückweisung der jüdischen Geschäftsreisenden aus Rußland zum Anlaß nähme, die Rechte seiner eigenen Staatsbürger, auch wenn sie Juden sind, energisch zu vertreten? Oder wenn es die Ausweisungspraxis, die sich außer gegen die russischen auch gegen die österreichischen Juden, also Angehörige eines intim verbündeten Staates richtet, einstellen würde? Oder wenn 9*