Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-07-07 · 27 (7.7.1911) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316488--54706-3348505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

632 DIE3SELT No. 27 legalen Konstituierung der Bewilligung ihrer Statuten . seitens der betr. Landesorganisation, und — im Falle eines internationalen Gruppenverbandes — seitens des A. C. bedarf. Die weitere Regelung des Verhältnisses zwischen Organisation und Föderation kann dann der freien Entwicklung überlassen bleiben, die, — im Falle, daß sich einmal eine zu*große Zahl von Föderationen herausbilden sollte, — auch dafür sorgen wird, daß nur die wirklich notwendigen und existenzberechtigten sich halten können. Bedingung für das letzte ist natürlich, daß die Föderationen die Mittel für ihren besondern Zweck in ihren eigenen Reihen aufbringen und nicht etwa durch die Gesarntorganisation unterstützt werden. Als Konsequenz meines Vorschlags ergibt sich, daß die offiziellen Partei beitrage — besonders der Schekel — in Zukunft ausschließlich durch die Landesorganisationen eingezogen werden. Die Konstituierung einer Föderation ist dann nicht mehr abhängig von ihrer Mitgliederzahl, sondern von der Bewilligung ihrer Statuten, die im allgemeinen nur wird versagt werden können, wenn die Statuten gegen das Baseler Programm verstoßen. Ich komme zum wichtigsten Teil der notwendigen Reform, zum Finanzproblem. Es handelt sich für uns nicht nur darum, ' das vorhandene Defizit zu decken und dem A. C. eine Jahreseinnahme von 170 000 M zu garantieren. Die gegenwärtige Finanzlage darf uns nicht verleiten, ein Gelegenheitsgesetz zu machen. Es handelt sich vielmehr ganz allgemein darum, der Leitung Einnahmequellen von solcher Ergiebigkeit zu erschließen, daß es ihr möglich wird, alle sich bietenden kolonisatorischen, agitatorischen, organisatorischen und publizistischen Möglichkeiten voll und ganz auszunützen. Das Bewußtsein, daß wir dies große Ziel niemals ganz werden erreichen können, daß wir uns wie die größten staatlichen Organisationen mit ihren Milliardeneinnahmen immer nach der Decke werden strecken müssen, darf uns nicht hindern, einerseits das Ziel so hoch zu stecken und ihm anderseits mit Eifer zuzustreben. Es ist notwendig, — das kann nicht oft genug gesagt werden, — daß wir nicht nur das Budget garantieren, sondern daß wir alles, was an Einnahmequellen erschlossen werden kann, der Leitung zur Verfügung stellen. Die Garantie für 170 000 M, das wäre bestenfalls eine Korrektur, aber keine Reform unserer Finanzen. Es würde alles beim alten bleiben. Weil wir aber vorwärts müssen, weil das Land nicht auf uns wartet, weil der barbarische Druck das Volk dezimiert und demoralisiert, deshalb müssen wir alle Opfer bringen, Mann für Mann nach seinem Vermögen, und auch die Institute dürfen nicht zurückstehen. Das System der Jahresbeiträge hat in Deutschland gute Erfolge gezeitigt. Unzweckmäßig scheint mir indessen die gegenwärtige Handhabung der Listenzeichnung. Die Summe, die voraussichtlich durch Jahresbeiträge aufgebracht werden muß, sollte nach Maßgabe der finanziellen Leistungsfähigkeit auf die einzelnen Landesorganisationen und Ortsgruppen verteilt werden. Die Eingänge für den J. N. F. könnten ( bei der Verteilung als Maßstab dienen. Es ist ein ungleich wirksamerer Imperativ, einer Ortsgruppe die Beschaffung einer bestimmten Summe zur Pflicht zu machen, als sie zu „rastlosem Sammeln" aufzufordern. Auch in der Idee des Zentralfonds liegen bedeutende Entwicklungsmöglichkeiten. Bedauerlich geringe Beachtung hat ein Vorschlag gefunden, der — wenn ich nicht irre — von Herrn Feuerring in Halberstadt zuerst gemacht worden ist. Es ist der Vorschlag der zionistischen Billettsteuer. Von jeder Eintrittskarte zu einer zionistischen Veranstaltung sollen 10° o ihres Verkaufspreises an den Zentralfonds abgeführt werden. Ein entsprechender Kongreßbeschluß wäre sicher ohne Schwierigkeiten herbeizuführen. Wenn auch in den nächsten Jahren die Steuer nicht viel bringen wird, — das läßt sich noch nicht übersehen, — so soll man sich doch hüten, sie verächtlich abzulehnen. Sie hat den Vorteil, daß sie ohne nennenswerte Widerstände durchgeführt werden kann, und wird, da die Organisation wächst, einmal bedeutende Summen bringen. In der Frage der Besteuerung der Finanzinstitute stehen wir, wie es scheint, vor einem heftigen Kampf. Die Entscheidung auf dem Kongreß wird vielleicht von einer Machtprobe abhängen. Immerhin darf das E. A. C. die Forderung der Steuer nicht vorzeitig fallen lassen, wie es nach dem Aufruf in Nr. 19 der „Welt" der Fall zu sein scheint. Die Berechtigung der Steuer ergibt sich aus der Tatsache, daß die Institute mit der Organisation stehen und fallen, daß umgekehrt aber die Organisation sehr wohl auch ohne die Institute bestehen könnte. Da mit der Organisation die ganze Bewegung gefährdet ist, so ist die Stärkung der Organisation von größerer Wichtigkeit als die Schonung der Institute. Auch für den J. N. F. und die Banken stellt die Steuer eine berechtigte Abgabe an die Organisation dar. Denn die Mittel, die die Institute zu Machtfaktoren in unserer Bewegung werden lassen, sind von der Organisation in schwerer Arbeit aufgebracht worden. Zirka 60—80° o der finanziellen Gesamtleistung der Organisation fließen Jahr für Jahr in die Kassen der Institute. In der kleinsten Ortsgruppe bemüht sich der Share-Club um den Verkauf von Aktien, tut der N. F.-Kommissär seine zuzeiten aufreibende Arbeit. Man glaubt vielleicht, das würde immer automatisch so weitergehen; es kann aber auch anders kommen. Der N. F.-Kommissär, der Share-Club hat bei seiner Arbeit die Absicht, der Gesamtorganisation neue Machtmittel zu schaffen. Sein Sinn ist aufs Ganze gerichtet. Und wenn sich durch die negative Haltung der Direktoren in der Steuerfrage jetzt zeigt, daß die Arbeit für die Institute nicht unbedingt und unter allen Umständen auch die Organisation stärkt, dann ist also bis zu einem gewissen Grad diese Arbeit eine Schwächung der Zentralgewalt. Dann wird mancher N. F.-Kommissär sich fragen, ob er das hat erreichen wollen und ob er unter diesen Umständen weiter arbeiten soll. Wenn es gelingt, mit durch die Steuern unsere Organisation finanziell so zu kräftigen, daß eine Intensivierung der Propaganda, eine Ausdehnung der Organisation erfolgen kann, dann werden die Institute zuerst die Folgen der verbesserten Verhältnisse in der Erhöhung ihrer Einnahmen spüren. Denn es ist selbstverständlich, daß die finanzielle Leistungsfähigkeit, die Intensität der Sammel tätigkeit in direktem Verhältnis steht zur Güte und Größe der Organisation. Man sage nicht, daß es auch ohne die Steuer gehe. Jede rechtmäßige Einnahmequelle muß der Leitung zur Verfügung gestellt werden. Und daß die Steuer durchaus berechtigt wäre, das glaube ich deutlich gezeigt zu haben. Die Gegner der Steuer fürchten, daß durch die Besteuerung die Institute an Popularität verlieren könnten. Besonders die Spenden der Nichtzionisten würden ausfallen. — Nehmen wir an, daß die nichtzionistischen Spenden nennenswerte Summen bringen, — was mir nach persönlicher Erfahrung recht unwahrscheinlich ist, — so wird man immer zwei Klassen von Spendern unterscheiden können: einmal solche, die in der bekannten Weise durch ihre zionistischen Freunde zu der Spende veranlaßt werden, denen es wesentlich ist, daß sie ihr Geld los sind und die sich den Teufel darum kümmern, ob von diesem Oelde etwa ein Zehntel dem Zentralfonds zufließt, zum andermal aber solche, die in voller Würdigung des N. F. freiwillig spenden, die dann aber dem nationalen Gedanken, also auch der zionistischen Bewegung so nahe stehen, daß der geringe Betrag, den sie mit ihrer Spende dem Zentralfonds zuführen, sie kaum veranlassen wird, die Spende zurückzuhalten. 1 Die Popularität der Banken ist identisch mit ihrer Rentabilität. Da die Steuer berechtigt ist, — als Entschädigung für die von der Organisation für die Banken geleistete Arbeit, — so kann sie die Rentabilität nicht schädigen, also auch die Popularität der Banken nicht vermindern. Ein weiterer Grund gegen die Steuer ist bei der leUten A. C.-Sitzung der verblüfft aufhorchenden zionistischen Öffentlichkeit verkündet worden. Damals führte Herr Jean Fischer aus: „Wenn wir unsere Finanzinstitute besteuern, so würde das nur als ein Zeichen aufgefaßt werden, daß wir keine Lebenskraft besitzen, unsere Organisation weiter zu erhalten......." Mir scheint, daß solche „Argumente" — weil man offenbar keine besseren hat — doch sehr wirksam für die Steuern sprechen. Es sei abgesehen davon, daß meines Erachtens ungefähr das Gegenteil von der Prophezeiung des Herrn Fischer eintreten wird, daß man uns um unsere Institute, um diese außerordentlich solide finanzielle Basis wird beneiden müssen. Aber unsere modernen Samaritaner, die uns in brüderlichem Interesse beim Wiederaufbau des Vaterhauses stören, uns zwingen, die Waffe in der einen und die Kelle in der andern Hand zu führen, sie haben uns schon tausendmal totgesagt; was verschlägt's, wenn sie uns zum lOOlten Mal den Totenschein ausstellen?! Wie es auch komme, ob die Finanzreform mit oder ohne die Besteuerung der Institute gemacht wird, jedenfalls hoffen wir, daß der Kongreß ganze Arbeit macht, sowohl in bezug auf die Neuordnung der Finanzen wie auf die Regelung der Präsidial- und Föderationsverhältnisse. Dann wird der 10. Kongreß nicht nur zahlenmäßig, sondern auch seiner Bedeutung nach ein Jubiläumskongreß sein. Nachdem die Sturmflut des Ugandakongresses endgültig abgeebbt ist, nachdem die Gegensätze zwischen Ost und West, zwischen praktischem und politischem Zionismus sich — wie wir hoffen — auf alle Zeiten ausgeglichen haben, wird dann eine Ära ruhiger, beharrlicher Arbeit im Lande und am Volke einsetzen, eine Ära, die charakterisiert sein muß durch wenig Worte und viele Taten. Die Organisation erwartet von ihrem Parlament, daß es seine Pflicht tut.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.