Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316487--54695-3348493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
616 DiE^ELT No. 26 Vorsorglich Wie die „Russkoje Snamja" berichtet, haben die Kiewer Mitglieder des Verbandes der russischen Volkes auf dem dortigen Friedhofe neben der Grabstätte des ermordeten Juschtschinsky zwanzig Grabplä'tze erworben „für die zukünftigen Opfer der Ritualmorde". Konsumgenossenschaften in Russisch-Polen Die Genossenschaftsbewegung gewinnt unter der städtischen und ländlichen Bevölkerung Russisch-Polens immer mehr an Ausdehnung. Letzten Endes bezweckt diese Bewegung nichts anderes als den wirtschaftlichen Boykott der Juden durch Ausschaltung des jüdischen Zwischenhandels. Diese Erscheinung bildet in den letzten Jahren eine ungeheure Kalamität für das wirtschaftliche Leben der Juden Polens. Die Agrarkooperationen und die Konsumvereine mit der Losung: Kauft nichts bei den Juden! haben in der letzten Zeit einen ungeheuren Aufschwung genommen. Eine Zentralbank, der mehrere Millionen zur Verfügung stehen, bildet das finanzielle Instrument dieser Bewegung. Außerdem stehen in jeder Stadt, ebenso auch in zahlreichen Dörfern Leih- und Sparkassen in ihrem Dienste. Zurzeit geht man daran, in Warschau eine zentrale Warenniederlage für sämtliche Genossenschaften des Landes zu errichten. Von der Prozentnorm Handelsminister Ti masehew verfügte, daß die Prozentnorm bei der Aufnahme von Juden in die Hochschule für Bergwerkswesen nicht nach der Zahl der neuen Immatrikulanden, sondern nach der allgemeinenZahl der Hörer berechnet werden sollte. Da die allgemeine Zahl der jüdischen Hörer zurzeit, infolge der leichtern Aufnahmebedingungen, die in den Jahren der „Konzessionen an die öffentliche Meinung" geübt wurden, die im August 1909 festgestellte Prozentnorm übersteigt, so werden in diesem Jahre überhaupt keine Juden in die Hochschule aufgenommen werden. Wohltätige Stiftungen Anläßlich der Genesung des Herrn Moses Halpern in Kiew . wurde von Herrn Halpern selbst und seinen Familienangehörigen eine Reihe wohltätiger Stiftungen in Kiew und in Palästina ins Leben gerufen. Herr Moses Halpern gründete ein groß angelegtes, den peinlichsten Forderungen der modernen Heilkunde und Hygiene entsprechendes Sanatorium für Lungenkranke. Sein Sohn Markus Halpern läßt im Anschluß an dieses Sanatorium eine Heilanstalt für Nierenkranke errichten. In naher Zukunft soll auch das von der Familie Halpern gestiftete, für dreißig Zöglinge berechnete Waisenhaus eröffnet werden. Das Waisenhaus soll nach dem Muster der besten europäischen Anstalten dieser Art geleitet werden. Wie bereits gemeldet, hat die Familie Halpern aus demselben Anlaß auch 30000 Francs zur Errichtung von Wohnhäusern für jüdische Arbeiter in den palästinensischen Kolonien gespendet. Anerkennenswertes Interesse für Palästina hat auch Herr Z. L. Rabbinersohn, ein Schwiegersohn Halperns, bekundet, indem er 80000 Francs zur Gründung einer Handwerkerschuie in Jaffa spendete. Herr Rabbinersohn hat sich bereits behufs Verwirklichung dieses Planes mit Herrn Dr. A. Ruppin in Verbindung gesetzt. Eine weitere Spende des Herrn Rabbinersohn wurde der Stadt Kiew zuteil. Zur Errichtung billiger Wohnungen in Kiew für Arbeiter und Handwerker spendete Herr Rabbinersohn 120000 Rubel. Zum Wiener Emigrationskongreß Am 17. Juni wurde in Petersburg die Konferenz von Vertretern russisch-jüdischer Gemeinden und Organisationen aus Anlaß des bevorstehenden Wiener Kongresses für Emigrationswesen eröffnet. Neben den Petersburger Vertretern waren Delegierte aus Moskau, Odessa, Kiew, Warschau, Wilna, Kowno, Minsk, Dwinsk, Riga und andern Städten erschienen. Die Konferenz sprach sich einmütig dahin aus, daß die Regelung der jüdischen Emigration nicht mehr der Ica, dem Hilfsverein der deutschen Juden und den andern wohltätigen Organisationen überlassen werden dürfe, sondern von dem jüdischen Volke überwacht werden sollte. Massenausweisung jüdischer Apotheker aus Kiew Das Kiewer Gouvernementalamt erließ dieser Tage eine Verfügung, wonach sämtliche Apothekergehilfen und Provisoren, die nicht als Angestellte bestimmter Apotheken amtlich eingetragen sind, die Stadt verlassen müssen. Die Betroffenen rekurrierten an den Generalgouverneur, wurden aber auch hier abschlägig beschieden. Die Kiewer Polizei nimmt zurzeit den ausgewiesenen jüdischen Apothekern eine schriftliche Erklärung ab, derzufolge sie sich verpflichten, innerhalb acht Tage die Stadt freiwillig zu verlassen. Von der harten Maßregel werden ca. 1000 Personen betroffen. Viele der Ausgewiesenen besitzen in Kiew Drogerien und Apothekerwarengeschäfte, andere sind in solchen Geschäften angestellt. Die Lage der Ausgewiesenen ist eine geradezu verzweifelte. Professor Paul Ehrlich Aus Frankfurt wird gemeldet, daß Professor Dr. Paul Ehrlich, der Entdecker des Salvarsan, zum wirklichen Geheimrat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt worden ist. Die Frankfurter Universität und der „Judenpunkt''. In einigen Blättern war die Nachricht enthalten, der amerikanische Philanthrop Jacob Schiff habe eine größere Summe Geldes für die zu errichtende Universität in Frankfurt a. M. unter der Bedingung gestiftet, daß die in Preußen geübte Praxis der Nichternennung von Juden zu ordentiiehen Professoren in Frankfurt nicht augewandt werden sollte. Nun hat in einer kürzlich in Frankfurt abgehaltenen Versammlung, in der über die Frankfurter Universitätsgründung diskutiert wurde, der Bankier Wolf mitgeteilt, Herr Schiff habe 2l/> Millionen Mark spenden wollen, sei aber davon abgekommen, da er keine Garantien für die von ihm verlangte Gleichberechtigung der Juden im akademischen Lehrfach erhalten konnte. Auch Baronin Wilhelm v. Rothschild hat dem Vernehmen nach, als sie zur Zeichnung aufgefordert wurde, die Garantie verlangt, daß wenigstens an dieser, in der Hauptsache von jüdischem Gel de gestifteten Universität die Parität gewahrt werde. Diese Gewähr konnte ihr nicht geboten werden, und sie hat demzufolge eine Zeichnung abgelehnt. Die Anzahl der Juden in Prag Nach dem soeben veröffentlichten Ergebnis der Volkszählung in Prag (ohne Vororte) waren von 218573 Personen 17 930 (8,23%) Juden. Die Anzahl der Juden hat gegen das Jahr 1900 um 821 Seelen abgenommen. Am dichtesten ist die jüdische Bevölkerung in Prag-Altstadt, wo sie 40°/o (gegen 24,2711 o in- 1900) ausmacht. In Groß-Prag dürften etwa 36000 Juden wohnen. Juden im britischen Reichsarnt für Indien Herr Lionel Abrahams in London ist zum stellvertretenden Staatssekretär (Assistant Under-Secretarv) im Reichsamt für Indien ernannt worden. Bemerkenswert ist der Umstand, daß auch der gegenwärtige Parlamentsunterstaatssekretär für Indien, Herr Edwin Montagu, ein Jude ist. Sein Vater war der unlängst verstorbene Lord Swaythling. Die Wahlen in Bulgarien Am 19. Juni haben in Bulgarien die Wahlen zur großen Sobranje stattgefunden. In Sofia wurde der jüdische Kandidat Apotheker Farchi, unser Gesinnungsgenosse, mit großer Majorität gewählt. Eine spaniolische Zeitung in Amerika Seit kurzem erscheint in Newyork unter dem Titel „La America'4 (Oriental Spanish-Jewish Journal) ein jüdisches Wochenblatt in spaniolischer Sprache. Die Zeitung, die von der Oriental Printing and Publishing Co. herausgegeben wird, bringt auch kurze Artikel und Notizen im jüdisch-deutschen Jargon. Höchst interessant ist ein in der Feuilletonrubrik abgedrucktes, für die praktischen Bedürfnisse der in Amerika lebenden spaniolischen Juden berechnetes spaniolisch-englisch-deutschjüdisches Vokabular. Aus der A. J. K. O. Die Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation versendet ein Communique, worin der bereits berichtete Rücktritt des ersten Vorsitzenden, Dr. Isidor Ginsberg, von seinem Ehrenamte mitgeteilt und mit Gesundheitsrücksichten erklärt wird. Die A. J. K. O. hat Herrn Ginsberg zum Ehrenpräsidenten ernannt und den zweiten Vorsitzenden, Herrn Kommerzienrat Gerson Simon, mit der Leitung der Geschäfte betraut. Schluß des redaktionellen Teiles