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Die Welt · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 26 DIE LT 615 Palästina Der Wahlkampf in der Alliance Jaffa, 14. Juni. Mit großer Spannung verfolgt man hier in Palästina den Kampf, der zwischen dem deutschen Zweige der Alliance und dem Pariser Zentralkomitee ausgebrochen ist. Es braucht nicht erst erwähntzu werden, daß alle Sympathie der hiesigen Bevölkerung auf Seiten der deutschen Konferenzgemeinschaft ist. Man empfindet dankbare Anerkennung für das mannhafte Auftreten des Präsidiums in Berlin und man wünscht allgemein, daß es diesen gerechten Kampf mit gleicher Energie und Mannhaftigkeit zu Ende führe. Mehr als irgendwo hat die palästinensische Bevölkerung ein Interesse daran, daß das verknöcherte und überlebte starre Regime der Pariser Oligarchie einem jüngern, kräftigern und jüdischem Platz mache. Alle schönen Losungsworte, die den Ruhm und die Kraft dieser alljüdischen Körperschaft in erster Zeit begründet hatten, sind zu leeren lebenslosen Redensarten herabgesunken. Nirgends gibt es eine solch rückständige und despotische Verwaltung, wie in der Alliance, die die Vertreterin der Freiheit zu sein sich brüstet. In keiner Institution ist die lokale Leitung durch Edikte und Vorschriften von oben so sehr eingeschränkt, wie in der Alliance. Die Beteiligung an einem Feste, die Verkündigung eines reien Tages und jede kleinste Kleinigkeit verordnet ein Direktor einer hiesigen Allianceschule nur, wenn er hierzu eine ausdrückliche Erlaubnis von Paris hat. Die Anstellung der Lehrer, die Festlegung und Durchführung des Lehrprogramms muß selbstverständlich bis in die Details vom Zentralbureau geregelt werden. Da aber im Zentralbureau einige Beamte von Anno dazumal sitzen, die von allem, was sich in den letzten zwei Dezennien im Judentum ereignet hat, nichts wissen und vor allem von Palästina keine Ahnung haben, ist die Verwaltung der Allianceschulen von oben eine im schlechtesten Sinne des Wortes bureaukratische, die für die Entwicklung der Zeit keinerlei Verständnis hat. Die Alliance-Institutionen Palästinas, die auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken, sind daher in unaufhaltsamem Rückschritt begriffen. Ebenso, wie sie einst die Zierde der Judenschaft waren, drohen sie heute zum Gegenstande des Gelächters zu werden und zum Beweis, daß die Juden wenig ausführen können, trotz der außerordentlich reichlichen Mittel, die gerade den Anstalten der Alliance zur Verfügung stehen. Eine Folge des absolutistischen Geistes ist, daß zwischen der örtlichen Verwaltung der Alliance so wenig Individualitäten zu finden sind. Es kennzeichnet vielmehr ein Manezinentum das gesamte erziehende und erzogene Personal der Alliance. Wird doch jede individuelle Regung im Keime erstickt. Erst jüngst hatten wir ein krasses Beispiel dafür. Ein Lehrer in Beyruth hatte sich erlaubt, mit den nichtjüdischen Ansichten eines Mitgliedes des Zentralkomitees nicht einverstanden zu sein und in kurzer Zeit war er seiner Stellung enthoben. .Kein Mensch in der ganzen freiheitlichen Alliance protestierte gegen dieses unmenschlich rohe Vorgehen. So müssen es sich die Lehrer immer mehr und mehr einprägen, daß sie nur zu parieren haben, und rein maschinenmäßig die Pariser Vorschriften auszuführen und auf jede individuelle geistige Initiative vollständig zu verzichten, um sicher auf ihrem Posten zu sitzen und das liebe tägliche Brot nicht zu verlieren. Die so Vergewaltigten sind wieder kleine Despoten der Jugend gegenüber, die ihrer Erziehung anvertraut ist. Deshalb ist die Generation der Alliance schon von weitem erkennbar, eine Generation ohne Mark, ohne steifes Rückgrat, schablonenhaft in ihrem Tun, für jede selbständige Arbeit unverwendbar. Es ist die höchste Zeit, daß ein frischer Wind in die alten Gemäuer der Alliance, aus denen alles Leben verschwunden zu sein scheint, hineinweht. Vielleicht kommt dieser frische Wind von Berlin. Was von Berlin aus in den letzten Jahren hier in Palästina geschaffen wurde, ist unvergleichlich, gesünder, jünger und lebenskräftiger. Vielleicht wird die deutsche Konferenzgemeinschaft jetzt noch keinen Sieg davontragen, aber sie soll sich vom Kampfplatz nicht zurückziehen. Die Manen von Karl Netter, Cremieux und der übrigen großen Väter der Alliance werden ihnen beistehen und alles, was jung im Judentum ist, wird sie unterstützen. / Wasserleitung in Rischon«le«Zion Rischon, 13. Juni. Unser Waad hat eine große Aktion entfaltet, um eine Wasserleitung für die Kolonie herzustellen. Man veranschlagt die Kosten auf 30 — 40 000 Frs. und hofft einen Teil dieses Betrages in der Kolonie aufzubringen, und etwa die Hälfte bei derAnglo Palästine Company gegen 15 jährige Auszahlung als Anleihe zu erhalten. Auf der höchsten Stelle der Kolonie werden zwei große Wasserresevoire aus Eisenblech mit je 125 Kubikmeter Inhalt aufgestellt werden. Der Brunnen von 50 Meter Tiefe ist sehr ergiebig und wird für die Bewässerung der ganzen Kolonie hinreichen. Die Abteilung der 3200 Dunam Land, die Rischon vor einigen Jahren im Dorfe Betdschen erworben hat, ist nun endgültig erfolgt. Das Land wird von der Ica unter den Kolonisten gegen langjährige Abzahlung verteilt werden. Der Boden wird wahrscheinlich mit Mandeln und Oliven bepflanzt werden. Die Ausdehnung, die dadurch die Kolonie erfahren wird, wird gewiß zu ihrem Aufschwung vieles beitragen. Das Hospital in Jaffa Jaffa, 14. Juni Fast schon den dritten Monat ist das Hospital in Jaffa, das für die Stadt und die umliegenden Kolonien von so großer Wichtigk&ift ist, aus Mangel an Mitteln geschlossen. Nun kommen die heifr Sommermonate, in denen sich die Fieberkrankheiten stark verm ehren. In dieser Zeit ist das Krankenhaus speziell für die Arbeiter der Stadt und der Kolonien eine Lebensnotwendigkeit. Das Spitakomitee beriet daher über die Möglichkeit der Wiedereröffnung »des Krankenhauses und über eine Propaganda, um den Etat des Krankenhauses ständig zu sichern. Herr Wiseil iüiak aus Moskau hat vor kurzern gelegentlich seines Besuches iuPalästina über 30 000 Frs. als Andenken an seinen seligen Vater zum Bau einer Kinderklinik gestiftet. Das Spitalkomitee denkt niin, vor der Inangriffnahme des Baues sich nach Mitteln umzusehen, um das jetzige Hospital reorganisieren und dauernd fundieren zu können. Arbeitslosigkeit in Jerusalem Jerusalem, 11. Juni. Die letzte Krisis in Jerusalem brachte eine große ArbeilsLosigkeit mit sich, die die ständige Auswanderung beschleunigt. Insbesondere ist im Baugewerbe ein fast völliger Stillstand eingetreten, und viele von den Bauhandwerkern, Maurer, Tischler, verlassen daher das Land, insoweit sie in Jaffa, Haifa oder in den Kolonien keine Arbeitsgelegenheit finden können. Es sind daher Bemühungen aufgenommen worden, um die Arbeitslosen soweit als möglicft nach den Kolonien zu bringen und ihnen dort Beschäftigung zugeben. Der neue zischkenasische Gemeindevorstand in Jerusalem Am 15. d. M nahm das von den Angehörigen aller aschkenasischen Gemein den gewählte Kollegium der 80 Wahlmänner in Jerusalem die Wahl des neuen Gemeindevorstandes, des sogenannten VUTaad-Hai'r, vor. Es wurdenin geheimer Abstimmung 23 xMänner aus den verschiedenen Landsmannschaften zu Mitgliedern des Waad-HaTr gewählt. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht grofll-er Jubel, daß diese seit langer Zeit schwebende Angelegenheit zur allgemeinen Zufriedenheiterledigt worden ist. Man setzt in weiten Kreisen große Hoffnungenauf die Tätigkeit des neuen Waad, der berufen ist, der trostlosen Zerfahrenheit in den hiesigen Gemeindeverhältnissen ein Ende zu machen und insbesondere auch die Berufung eines Oberrabbiners der Aschkenasim in die Wege zu leiten. Die Oberrabbinerstelle ist bekanntlich seil dem Tode R. Samuel Salants unbesetzt. Die Abreise R. Jacob Meirs nach Jerusalem Der Großrabiwner von Saloniki, Rabbi Jacob Meir, schiffte sich Sonntag der 25. d. M. nach Jerusalem ein, um seine Stelle als religiöses Obenhaupt der dortigen sephardischen Gemeinde anzutreten. Rußland Zur Frage des Aufenthaltsrechts der amerikanischen Juden in Rußland Diese Frage hat in letzter Zeit eine ganz eigenartige Wendung genommen. Die rassischen Konsulate in Amerika visieren anstandios die Reisepässe der nach Rußland reisenden Juden, auf der russischen Grenze wird aber den nichtsahnenden Passagieren ganz einfach das Oberschreiten der Grenze verboten. Wohnrechtsschikanen Der Gehilfe 'des Ministers des Innern Kryshanowsky hat den jüdischen Lehrern verboten, an den in Petersburg stattfindenden Ferialkursen für Jutien teilzunehmen. Die Polizei erhielt den strengen Befehl, die zugereissten jüdischen Lehrer unnachsichtiieh auszuweisen.

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