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Die Welt · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 26 DIEE^ELT 613 dessen ideale Bestrebungen er gnädigst anerkennt, als gegen die Staatsgesetze verstoßend in Acht, da die Bildung einer neuen Nationalität nicht geduldet werden dürfe. Es ist schwer abzusehen, was nach des ehrenwerten Exministers Meinung die Juden eigentlich tun^ sollten, um dem Ungartum des Herrn Polönyi kein Dorn im Auge zu sein. Als gleichwertige ungarische Bürger läßt er sie nicht gelten, ihre Religion verspottet und beschimpft er, ihre Moral zieht er in Zweifel, all das mit Berufung auf ihre Rasseneigenschaften; aber die jüdische Nationalität und den Zionismus will er von Gesetzes wegen unterdrücken. Löw-Gedenkfeier Weit und breit im Lande wurden in den vergangenen Tagen anläßlich des hundertsten Geburtstages des berühmten Leopold Low Gedenkfeiern veranstaltet. Leopold Low war in der Tat ein hervorragender Mann, jedoch von der reinsten mendelssohnschen Schule. Ein gebürtiger mährischer Jude, kam er in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als 23jähriger junger Mann nach Ungarn, erlernte Ungarisch und begann für die völlige Anschmiegimg der Juden an die Ungarn Propaganda zu machen. „Werdet ihr Ungarisch erlernen und euch der ungarischen Lebens¬ und Denkweise anpassen, so werden die Scheidemauern, die euch von den Nichtjuden trennen, von selbst fallen!" hieß es fast in jeder seiner Predigten und in jedem seiner Werke. Während des ungarischen Freiheitskrieges 1848 49 war er als Feldrabbiner tätig und wurde nach der Niederlage der Ungarn von den Österreichern zum Tode verurteilt, dem er nur durch hohen Schutz entkam. Er ward später Rabbiner in Szeged, wo er die seinerzeit allbekannte Zeitschrift „Ben-Chananja" fast bis zu seinem Tode (1875) herausgab. Er war auch wissenschaftlich tätig und hat insbesondere auf dem Gebiete der talmudischen Archäologie Tüchtiges geleistet. Low seUte sich auch für die religiöse Reform ein, die für ihn jedoch nur ein Zweck zur Erreichung des Zieles der völligen Magyarisierung der ungarischen Juden war. Low hat das völlige Fiasko seiner Ideen nicht erlebt. Kurz nach seinem Tode ließ der Tisza-Eszlärer Ritualmordprozeß darauf hindeuten, daß die Juden noch immer nicht als vollwertige Bürger des Landes angesehen werden. Die alierneueste Zeit läßt aber den mangelhaften historischen Sinn Löws in geradezu kläglicher Weise erscheinen. Gerade in der Stadt, wo er wirkte, in Szeged, ist jetzt der Antisemitismus in brutaler Weise zum Ausdruck gekommen. Einige Tage vor der Löw-Feier waren die Assimilantenblätter voll vom „konfessionellen Frieden", der in Szeged die Brust aller Sterblichen erfülle. Und siehe da! Durch den Tod des Barons Bänffy wurde in Szeged das Reichstagsmandat irei. Die Regierungspartei stellte als Kandidaten den dortigen jüdischen Advokaten Isidor von Rösa, einen Mann, der seit über 40 Jahren für die Magyarisierung der Juden eintritt, auf. Kaum waren zwei Tage vergangen, verrauschte der konfessionelle Friede wie Schall und Rauch. Der Obmann der Szegeder Regierungspartei, ein Abtpfarrer, erklärte, daß er, falls die Kandidatur Rösas aufrechterhalten wird, demissionieren müsse, und seine katholischen Anhänger würden in diesem Falle einen Jesuitenpater gegen Rösa als Kandidaten aufstellen, da es sich die Katholiken nicht können gefallen lassen, daß diejsatholische Stadt Szeged den Präsidenten der jüdischen Gemeinde ins^ Parlament entsende. Großa Konsternation entstand, der Ton der Löw-Feier, wobei fortwährend von einer gesellschaftlichen Assimilation gesprochen wurde, ward gedämpft, und — Rösa trat von der Kandidatur zurück. Einige Tage darauf, da ihn die Regierung nach einiger Überlegung hierzu aufgefordert hatte, kandidierte er zwar von neuem, mußte wieder zurücktreten und wurde durch einen christlich-antisemitischen Anhänger der nationalen Arbeitspartei, in deren Lager fast alle Juden stehen, ersetzt. Ein lehrreicher Epilog zur Löw-Feier. Vom Reichstag und einem Stuhlrichter Überhaupt sind die Juden jetzt sehr in die Mode gekommen. Es vergeht keine Reichstagssitzung, ohne daß man von den Juden spräche. Bei der Kultusbudgetdebatte wird energisch die Einigung der Organisationen der neologen und orthodoxen Juden verlangt. Es fol^ eine heftige Debatte, wobei sich die Juden Bakonyi und Kelemen als echte Liberale und Demokraten entpuppen, aus den Reden der nichtjüdischen Redner aber Judenhaß oder im besten Falle Verachtung der Juden hervorlugt. Der sich so liberal gebärdende, in der Wirklichkeit aber noch immer klerikale und antisemitische Kultusminister hat sich in seiner großen Budgetrede unvorsichtigerweise verschnappt. Als Grundlage des Unterrichts könne — sagte dieser Führer der Liberalen — nur die christlich-katholische Religion in Betracht kommen. Von Polönyi sprachen wir vorhin. Leider stehen die ungarischen Juden ganz unvorbereitet da und denken gar nicht an eine Gegenwehr. Als in der letzten Generalversammlung des Ungarisch-Israelitischen Landes-Kulturvereins einer der zionistischen Redner anregte, eine jüdische Protestversamrnlung gegen die von Polönyi eingeleitete judenfeindliche Aktion zu veranstalten, meinte einer der offiziellen Herren: „Wir dürfen uns ja nicht politisch betätigen! ..." Es ist in den letzten Jahren sehr viel von der Verstaatlichung der Kornitatsverwaltung gesprochen worden, da die dort vorherrschenden miß'ichen Verhältnisse nur auf diese Weise aufgehoben werden könnten. So ein Stuhlrichter auf dem Lande ist der kleine Herrgott, der nicht immer judenfreundlich gesinnt ist und seine Macht nicht selten mißbraucht. So ließ der Szerencser Stuhlrichter Andor von Gortvay vor einigen Tagen die Jeschiwa zu Mad behördlich schließen und 42 Talmud jünger aus dem Orte ausweisen mit der seltsamen Begründung, „daß sie weder von Hause eine Unterstützung erhalten, noch auch sonst eine einträgliche Beschäftigung haben". Das gewalttätige Vorgehen des Stuhlrichters hat bei den Juden große Erbitterung hervorgerufen, die nunmehr den Beschwerdeweg betreten Brief aus Konstantinopel (Von unserrn Berichterstatter) Die Konstantinopeier Gemeinde Die Erwartungen, die an den neuen Medschliss dschismani gestellt wurden, haben bisher keine Enttäuschung erfahren. Es wird heute im Konsistorium energisch gearbeitet, obwohl es infolge der durch Intrigen herbeigeführten Demissionen zweier Mitglied e immer noch nicht vollständig ist. Mit dem Ausscheiden von Abraham Farchi ist der letzte Rest des alten Medschliss aus der Versammlung verschwunden, seitdem ist sie aber immer noch ohne Präsidenten. Im Interim leitet der Vizepräsident Nissim Russo Effendi kräftig und vorsichtig die Geschäfte. Bevor der Medschliss seine eigentliche positive Arbeit beginnen konnte, hatte er zwei Krisen zu überwinden. Die eine bestand in dem ebenso heftigen wie unverständlichen Kampfe, den der Großrabbiner HaimNahum gegen die Organisation der Rabbiner eröffnete. Es war offenbar das Streben Rabbi Nahums, den Medschliss zu seinen Gunsten in diesen Kampf mit hinein zu zerren, um so die beiden geistig zusammengehörigen und einander unterstützenden Kräfte, das Laienkonsistorium und den Waad Ruchani der Rabbiner, zu entzweien und gegeneinander zu werfen. Zu diesem Zwecke führte er vor dem Konsistorium heftige Klage gegen die Rabbiner, erklärte ihren Bund als eine geheime und gesetzwidrige Gesellschaft und drohte, bei der Regierung und durch das Kriegsgericht gegen sie einschreiten zu wollen. Der Medschliss hat sich jedoch nicht aus seiner Ruhe und Mäßigung locken lassen und lud eine Abordnung des Waad Ruchani vor mit der Bitte um Aufklärung über den Charakter der neuen Organisation und über die von Rabbi Nahurn als gesetzwidrig inkriminierten Artikel ihrer Statuten. Die Rabbinerabordnung, in deren Mitte sich der erste Sekretär des Großrabbinates selbst befand, gab die Erklärung ab, die Organisation des Waad Ruchani sei eine Parteigruppe im großen Medschliss Uniumi, deren Statuten ein inneres Reglement darstellen, das keiner Legalisierung bedürfe, zu der übrigens weder der Großrabbiner, noch das Konsistorium kompetent seien; ihre Tätigkeit sei keine geheime und vollkommen den Gesetzen entsprechend. Die Obersetzung, die das Großrabbinat von ihren Statuten angefertigt habe, sei fehlerhaft; in der wahren Fassung sei nichts enthalten, was dem Geiste des Gesetzes zuwider sei. Sollte jedoch irgendeine Nuance mit Recht als anstößig erachtet werden, so seien die Rabbiner natürlich bereit, eine entsprechende Änderung des Buchstabens der Statuten vorzunehmen. Das Konsistorium fand diese Erklärungen vollkommen ausreichend und retournierte Rabbi Nahum seine Aufforderung, gegen die Rabbiner einzuschreiten, mit dem Hinzufügen, es habe nichts Illegales entdecken können und müsse sich überhaupt für die Beurteilung des Vorgehens einer Partei des ihm übergeordneten Medschliss Umumi als unkompetent erachten. Damit ist die Kampagne als beendigt und dieses Intermezzo, das sehr viel Staub aufwirbelte, als bis auf weiteres erledigt zu betrachten. Die zweite Krise, die das Konsistorium durchzumachen hatte, war eine finanzielle. Noch immer ist die Koscherfleischsteuer „Gabella" die Haupteinnahmequelle der Gemeinde, immer aber noch zugleich ihr Schmerzenskind. Seit jeher haben die Fleischer der Zahlung Schwierigkeiten bereitet und oft durch Zahlungseinstellungen und Streiks die Kasse des Großrabbinats geschröpft. In den letzten Monaten des alten Rabbinatsregimes, d. h. unter dem früheren Medschliss, herrschte überhaupt eine vollkommene Agonie in den Gemeindefinanzen. Die Herren Räte betrachteten sich kaum noch als amtierend und dachten herzlich wenig an ihre Nachfolger.

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