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Die Welt · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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612 DIE ELT aufwies. Die Vorsitzende der Vereinigung, Frau Rechtsanwalt L achmann, Königshütte, begrüßte die Anwesenden in längerer wohldurchdachter Ansprache und wies auf die hohe Bedeutung des X. Kongresses hin. Daran anschließend forderte die Rednerin dringend die hiesigen und auswärtigen Damen zur Sammlung des Schekels auf, was sie auch bereits getan haben. Die Frauengruppe wird in der Lage sein, ungefähr 135 Schekel abzusenden. Auf Anregung der Vorsitzenden waren für den Verband „Jüdischer Frauen" zur Kulturarbeit in Palästina drei neue Mitglieder zu verzeichnen. An die ins Bad reisenden Damen stellte sie das Ersuchen, an der Hand von Broschüren usw. dortselbst Propaganda für diesen Verband zu machen. Es folgte darauf der Bericht der Schriftführerin Frau Selma Cohn über die Tätigkeit unserer Frauengruppe im letzten Winterhalbjahr. Die Berichte wurden zur Kenntnis genommen, worauf Frau Münzer unter aligemeinem Beifall einige Rezitationen vortrug. Österreich Karlsbad. Die zionistischen Kurgäste treffen sich jeden Mittwoch um Vs9 Uhr abends im Restaurant Kirsch, Haus Linkoln, Egerstraße. Amerika New York. Am 4. Juni tagte hier die Jahresversammlung (Konvention) des Verbandes galizischer und Bukowinaer Juden in Amerika. Etwa 1100 Delegierte, die über 300 Ortsgruppen des Verbandes vertraten, hatten sich zur Konvention eingefunden. Der Präsident, Mr. Bernard Semmel, erstattete den Jahresbericht und entwarf ein reichhaltiges Arbeitsprogramm für das künftige Jahr. Er tadelte die Untätigkeit der Ortsgruppen, die insbesondere für die zionistische Sache herzlich wenig geleistet hätten, trotzdem der Verband vor zwei Jahren das Baseler Programm — das Credo eines jeden modernen Juden, wie er es nannte — angenommen und sich demnach ausdrücklich als zionistisch bekannt habe. Es sei Aufgabe der neuzuwählenden Exekutive, hier bessernd einzugreifen und dahin zu wirken, daß der Verband das Versäumte gründlich nachhole. In allen Ortsgruppen müsse eine rege Propaganda- und Sammeltätigkeit für die zionistischen Institutionen einsetzen und insbesondere dafür gesorgt werden, daß sämtliche Mitglieder des Verbandes den Schekel bezahlen, sowie alle anderen zionistischen Pflichten erfüllen. Mr. Semmel berührte auch im Anschluß an den Bericht über die Tätigkeit der Down-Town- Talmud-Thora — einer Schöpfung des Verbandes — das Problem der jüdischen Kindererziehung in Amerika. Er wies auf die tiefbetrübende Tatsache hin, daß von den 200000 jüdischen Kindern, die die Public Schools in New York besuchen, 160000 ohne jeden jüdischen Unterricht heranwachsen. Hierauf berichtete der Redner über die Fortschritte des vom Verbände ins Leben gerufenen Har-Moria-Hospitals, das überaus segensreich wirkte, und schloß mit dem wiederholten Appell, alle Kräfte für eine großzügige nationale Arbeit im Sinne des Zionismus anzuspannen. An den Bericht Mr. Semmels schloß sich eine lebhafte Debatte. Große Begeisterung rief die Begrüßungsansprache des bekannten hebräischen Schriftstellers Rüben Brainin hervor. Es wurde eine Reihe wichtiger Beschlüsse bezüglich der künftigen Tätigkeit des Verbandes gefaßt. Da Mr. Semmel eine Wiederwahl ablehnte, wurde Mr. Bernard Türkei zum Präsidenten des Verbandes gewählt. Die Konvention beschloß einstimmig, Mr. Semmel ins Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds einzutragen. Brief aus Ungarn No. 26 Antisemitische Expansion Alle kulturellen Bestrebungen, alle politischen und sozialen Errungenschaften, aber auch alle entgegengesetzten Bewegungen finden ihren Eingang nach Ungarn von Westen her. Von Westen über Wien kam zu uns auch der politische Antisemitismus, die judenfeindliche Richtung als einigendes Band in der Parteipolitik, als bewegendes Schlagwort für die Volksmassen, und gerade jetzt, da nach dem Tode Luegers sein Anhang zu zerfallen beginnt, ist in Ungarn eine kräftige christlichsoziale Partei entstanden, die im Parlamente und in der Presse eine heftige Fehde entfaltet, und sich anschickt, die Früchte einer seit Jahren emsig betriebenen wühlerischen Kleinarbeit einzuheimsen. An der Spitze stehen die Vorkämpfer der ultramontanen Partei, die mit Hilfe der Geistlichkeit schon seit langem im Volke den Boden für ein klerikales System vorbereitet haben und nun den Moment für gekommen erachten, um rücksichtslos vorzugehen. Offen wird verkündet, daß in Ungarn die Juden von allen wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten, wo sie „den Platz der angestammten Bevölkerung usurpieren", verdrängt werden müssen. Die Geistlichkeit organisiert auf dem flachen Lande überall den „Volksbund", der sich die „Rettung des ungarischen Volkes" vor den Eindringlingen zur Aufgabe macht. In diese bereits seit einiger Zeit immer schärfer hervortretende Bewegung hat das Auftreten des ehemaligen Justizministers Geza Polönyi eine neue Note gebracht. Dieser dunkle Ehrenmann, der sich als politischer Wortverdreher und Seiltänzer erwiesen hat und wegen seiner anrüchigen Geschäfte selbst von seinen engsten Waffenbrüdern fallen gelassen werden mußte, obwohl ihm vor Gericht der Vorwurf der Bestechlichkeit aktengemäß nicht nachgewiesen werden konnte, hat den Antisemitismus als ultima ratio in seiner Rüstkammer aufbewahrt, um ihn nun hervorzuholen. Schon zu jener Zeit, a ls er fürchten mußte vom Ministerfauteuil aus etwas unsanft in e/ne weit unangenehmere Umgebung versetzt zu werden und mit dem Strafgesetz nähere Bekanntschaft zu machen, ließ er die Bemerkung verlauten, er allein habe den Ausbruch eines Pogroms (!) in Ungarn verhindert, werde sich aber nicht ein zweites Mai in die Bresche stellen. Ob nun diese geschickte Drohung es bewirkt hat,daß einigeBelastungszeugen gegen Herrn Polönyi der Reihe nach versagten, mag dahingestellt sein. Sicher ist, däÜ der Herr Exminister, nachdem seine frühern Parteigänger ihn energisch abgeschüttelt haben, sein Herz für das christliche Ungarfum und seinen Haß gegen das Judentum entdeckt hat. Als ausgezeichneter Agitator und Redner fand er auch sofort den richtigen demagogoischen Ton und überzeugte die Teilnehmer einer kürzlich von ihm veranstalteten Volksversammlung davon, daß die Hauptstadt gänzlich unter jüdischem Einflüsse stehe und von diesem befreit werden müsse, wobei vor keinem Mittel zurückgeschreckt werden dürfe. Wenn sich bisher keine Ausschreitungen gegen die Juden ereignet haben, so liegt die Schuld wahrlich nicht an Herrn Polönyi und seinen Genossen. Die Kampagne wurde in einer im Parlamente gehaltenen fulminanten Rede gegen das Judentum fortgesetzt, in welcher Herr Polönyi, wie die „Welt" damals berichtete, allem, was irgendwie mit Judentum zusammenhängt, den Krieg bis aufs Messer erklärt. Am schlimmsten kamen die Freimaurer weg, da sie „destruktive Tendenzen" verfolgen, dann aber wurde die jüdische Rasse und Konfession verurteilt. Schließlich machte der Herr Ex-Justizminister einen logischen Sprung und erklärte den Zionismus, 3um üuartalsfcfjluj? erfuchen wir alle jenen Abonnenten, beren Bezugszeit am 30* Juni 1911 abläuft, um rechtzeitige Ginfenbung bes Bezugspreifes unb machen nachbrücklichft barauf aufmerkfam, bafi nur jene Abonnenten flnfprud] auf kostenlofe Eieferung ber täglichen Kongreßausgabe haben, bie mit ber Einzahlung bes Flbonnementsbetrages nicht im Kucfrftanbe finb. Den Abonnenten in Deutfdjlant) unb öfterreldj* Ungarn haben n?ir 3atjlkarfen bzto. Pofterlagfcheine birekt zugehen laffen, bie roir zur koftenlofen Ubercpeifung ber FIbonnementsbeträge zu benutzen bitten. In allen übrigen CänDern empfiehlt es [ich, ben Bezugspreis entipeber burch Poftamreifung per Scheck auf beutfdie ober englifche Banken ober öelbbrief zu überreifen. Uerlag „Die IDelt", Köln, Karolingerring 31.

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