Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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610 DIEl^ELT: Nö. 26 ' sächlich dank der jüdisch-nationalen Bewegung, welche in diesem Lande viel mehr in die Breite und Tiefe dringt als in den andern Balkanländern, wo Spaniolen leben. Aber auch in Bulgarien muß das Spaniolische allmählich vor der Landessprache weichen. Als ich im vorigen Sommer in der bulgarischen Hafenstadt Varna dem Kongresse der jüdischen Turnerschaft von Bulgarien beiwohnte, bemerkte ich, daß von den Hunderten junger Leute, die aus den meisten Gemeinden dort zusammengekommen waren, verhältnismäßig wenige spaniolisch miteinander sprachen; es wurde fast nur bulgarisch gesprochen. Auch beim Kongresse der zionistischen Landesorganisation war das Bulgarische die eigentliche Verhandlungssprache. Wir sehen also, daß die spaniolische Mundart unaufhaltsam und rapid an Terrain verliert. Wenn man bedenkt, daß dieser Prozeß erst vor 30 oder 40 Jahren eingesetzt hat, so kann man mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, daß es nach weitern fünfzig Jahren in den Balkanländern kaum noch Juden geben wird, die spaniolisch mit einander sprechen werden. Anders verhält es sich damit mit den türkischen Juden, mit den Spaniolen, also die im ottomanischen Reiche, in Mazedonien, Rumelien, am Schwarzen Meer und an den Küsten des Mittelländischen Meeres leben. Bei diesen wird sich das Spaniolische vielleicht denn doch länger zu behaupten vermögen, als bei ihren Stammesbrüdern in den Balkanstaaten. Die Gründe sind leicht ersichtlich. Zunächst sind sie bedeutend zahlreicher — die Zahl der spaniolisch-sprechenden Juden in der Türkei dürfte mit 250 000 Köpfen nicht zu hoch beziffert sein, — dann aber leben sie in großen kompakten Gruppen neben einander, ihre Kohärenz ist also viel stärker. Viel wichtiger ist jedoch die Tatsache, daß die Juden in der Türkei bisher wenigstens keinen vollwertigen Ersatz für die spaniolische Verkehrssprache hatten. Das Türkische als Landessprache erlernten sie nur aus der Praxis, soweit sie eben mit Türken in Berührung kamen. Ein Zwang, die Landessprache in Wort und Schrift auf der Schulbank zu studieren bestand für sie nicht, er besteht heute auch, noch nicht; diejenigen, welche die Aufgabe auf sich nahmen den türkischen Juden eine primitive Elementarbildung beizubringen, waren auf alles andere eher bedacht als auf den Unterricht in der türkischen Sprache. Man muß unter diesen Verhältnissen wirklich staunen, daß es trotzdem unter den türkischen Juden verhältnismäßig viele junge Leute gibt, die das Türkische gut beherrschen. Einen gefährlichen Rivalen hat die spaniolische Mundart in der Türkei aber dennoch: das Französische. In der Tat ist die Sprache Voltaires unter den türkischen Juden außerordentlich stark verbreitet, ganz besonders unter den besser situierten Klassen, in den größern Städten. In vielen „bessern" Familien hat das Französische teilweise das Spaniolische schon verdrängt; die Leute sprechen das Idiom nicht gerne, welches sie von der Wiege auf gehört und erlernt haben, ja sie schämen sich desselben. Man braucht nur eine Gruppe der Konstantinopeler jüdischen „haute-volee" zu beobachten, zu sehen, wie Männlein und Weiblein sich die größte Mühe geben, um nur recht ä la Parisienne zu erscheinen. Nicht nur im Schnitt der Kleider und in der tadellosen Hosenfalte — darin sind unsere Spaniolen unübertroffen Meister, — sondern auch in ihrem affektiert vornehmen Getue, in ihren Manieren und Gesten, in der sprudelnden Art, das Französische auszusprechen, in ihrer Vorliebe für die Pariser Witze und Gassenhauer. Viele gehen darin so weit, daß sie sich geradezu lächerlich machen. Man hört aus der Ferne heraus, daß das alles maniriert und unecht ist. Echt und wahr werden diese Talmi- Pariser, wenn sie irgend eine tiefere Regung ausdrücken wollen, wenn sie beispielsweise in Zorn geraten, sich im Affekt gegenseitig beschimpfen. Da greifen sie instinktiv zum Spaniolischen. Unter den minder bemittelten Juden dagegen hört man fast ausschließlich das Spaniolische als Umgangssprache. Ein Fremder, der die Verhältnisse nicht kennt und nach Haskeny verschlagen würde, müßte sich in irgend einem turbulenten weltfremden Orte in Spanien oder in Südamerika glauben. So unrichtig es auch gesprochen wird, so viele fremde Worte und Redewendungen es auch enthält, das Spaniolische klingt trotzdem sehr schön und ausdrucksvoll. Es ist trotz allem eine wohlklingende Sprache. Wie immer die fernere Entwicklung der neuen Lage sich auch gestalten möge, die spaniolische Sprache hat keine Zukunft mehr, sie wird verschwinden, selbst in der Türkei kann sie sich nicht behaupten. Alles was ist und werden kann, stellt sich ihr entgegen, behindert und bekämpft sie. Sie hat keine Zukunft mehr. Sie soll auch verschwinden. Wir nationale Juden wollen es; wir streben und*wirken dahin. Aber wir müssen dabei äußerst behutsam und taktvoll vorgehen, denn sonst könnten wir großes Unheil stiften. Wir wollen das spaniolische Idiom ausjäten, nicht um an dessen Stelle das Französische oder Deutsche oder sonst eine andere fremde Sprache einzuführen, sondern um für unsere eigene Nationalsprache, für das Hebräische den Platz freizumachen. Hier bei den sephardischen Juden des Orients muß das große Problem der Neubelebung des Hebräischen als jüdische Volks- und Verkehrssprache ansetzen, hier muß die Probe auf das Exempel zuerst gemacht werden. Die schönen Erfolge in Palästina sind noch kein vollwichtiger Beweis für das Gelingen der großen Aufgabe, weil dort die religiösen und idealen Momente zu schwer in die Wagschale fallen. Hier liegen die Dinge aber anders: Zweihundertfünfzigtausend Juden stehen vor einer hochbedeutsamen Entscheidung; sie müssen die Mundart aufgeben und vergessen, die ihnen vieie Jahrhunderte hindurch als eigentliche Muttersprache gedient und gegolten. Was sollen sie an ihrer Stelle wählen? Viele mächtige und reiche Angebote werden ihnen gemacht; die größten und mächtigsten Kulturvölker umschmeicheln sie und machen ihnen die verlockendsten Anträge und Versprechungen. Was bieten wir dagegen diesen teilweise bereits bestochenen Brüdern.....? Vorläufig nicht viel mehr als ein hohes schönes Ideal, ein Ideal, das vielleicht morgen schon praktischen Wert haben wird, momentan jedoch noch nicht realisierbar erscheint, nicht eskomptiert werden kann. Daraus geht hervor, daß unserseits vorläufig nichts geschehen darf, um dasSpaniolische auszumerzen. Solange das Hebräische noch nicht so weit ist, daß es im Leben der türkischen Juden vollwertig das Spaniolische zu ersetzen vermag, muß dieses Idiom erhalten b]eiben. Es ist und bleibt für absehbare Zeit noch das mächtigste Bindemittel, das die ohnedies leicht abbröckelnden Massen des Volkes beisammen hält. Wird dieses Band vorzeitig aufgelöst, so entsteht eine heillose Zersplitterung. Man darf auch nicht vergessen, daß das Spaniolische dem Volke immer noch als etwas spezifisch Jüdisches gilt. Das Volk nennt diese Sprache nicht die spanische, sondern die „jüdische" Sprache; es hat seine Lieder und Balladen, seine Bücher und Zeitungen in dieser Sprache. Die wichtigsten Gebete, die Bibel und die Psalmen liest das Volk nicht nur im hebräischen, sondern auch im spaniolischen Text. Diesen Tatsachen muß unbedingt Rechnung getragen werden. Es klingt deshalb höchst prahlerisch und zeugt von Unbedachtsamkeit, wenn gerade aus zionistischen und jüdisch-nationalen Kreisen der Vernichtungskrieg gegen das Spaniolische verkündet wird. Sind wir denn in der Türkei bereits so stark und mächtig, daß wir den jüdischen Massen das Hebräische als Ersatz aufzwingen können? Ich sehe nichts davon. Gewiß, einige wichtige Schritte nach vorwärts sind dank der nationalen Strörnmung bereits gemacht worden, das Hebräische als Schrift- und Umgangssprache beginnnt schon hier und dort in der Türkei aufzukeimen. Es wird jedenfalls mehr beachtet als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Aber wir sind noch im ersten Anfangsstadium, wo jeder Mißgriff, der kleinste Frost Vernichtung bringen kann. Wir haben ein wichtiges, ein kolossales Problem zu lösen: Wir wollen einem wichtigen Bruchteil unseres Volkes das Hebräische als Sprache fürs Leben einimpfen. Das erfordert nicht nur viel Geduld und viel Arbeit, sondern auch große Klugheit und Vorsicht. Die Klugheit und Vorsicht gebieten, daß das Spaniolische vorläufig noch erhalten bleibe. o o o o o o o C O O O O O O O J AUS DER BEWEGUNG l o o o o o o o **^x 3 o o o o o o o SCHKKKL AUSWEIS verein Emunah, Czernowitz ............. 67.91 Schekelsammlung für das Jahr 5671 Deutschland (VII. Ausweis) Trier <M 12.—, Stuttgart 5.—.......*....„ 17.— Kroatien=SIawonien-Bosnien Australien (Spezifikation fehlt)................Jt 414.94 Auckland...................£ 4.0.0 „ 81.60