Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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gunsten der Falaschas an die Häuptlinge ergehen zu lassen, und wenn auch infolge der schweren Erkrankung des Kaisers und infolge der dadurch verursachten Veränderung der politischen Verhältnisse vielleicht der kaiserlichen Absicht noch nicht die Tat gefolgt ist, so erscheint dennoch die Hoffnung begründet, daß eine Besserung der Lage der Falaschas in dieser Hinsicht doch über kurz oder lang eintreten wird. Besonders dann, wenn wir Juden der Kulturländer nicht aufhören, mit Herz und tätiger Anteilnahme die Rettungs- und Hilfsaktion zugunsten dieser abessinischen Glaubensbrüder zu fördern. Der Falascha ist an sich arbeitsam und anstellig; er bietet ein geeignetes Material für Kulturarbeit. Aber seine eigene Kraft reicht nicht aus, um den Wandlungsprozeß aus den drückenden geistigen und materiellen Yerhältnissen selbst zu vollziehen und sich gegen die Überredungskunst und die Machinationen der Missionare bei der intensiven Missionsarbeit geistig zu wehren. Nur seine glühende Anhänglichkeit an die jüdischen Traditionen der Väter bildet noch den Schild, mit dem er den Bekehrungseifer von sich abhält. Daher ist es vor allem — und das möchte ich aus vollster Überzeugung als die Haupterfahrung meiner zweiten Abessinienreise hinstellen — dringend nötig, das geistige und kulturelle Niveau der Falascha zu heben, sie durch Unterricht in ihrem jüdischen Bewußtsein zu stärken und sie, wie betont, durch Schulen im und am Judentum festzuhalten. Die Pflicht zu dieser kulturell jüdischen Arbeit kann bei keinem Juden einem Zweifel unterliegen, denn in diesen fernen Bergen des afrikanischen Alpenlandes, inmitten rückständiger Kultur schlagen noch Tausende jüdischer Herzen, die sich danach sehnen, ihren Kindern eine Unterweisung angedeihen zu lassen, die die Gewähr zu leisten vermag, daß sie Juden bleiben werden, Söhne Israels in unerschütterlicher Treue. Sie selbst sind ohnmächtig, das Erforderliche zur moralischen Hebung zu tun, und mit der unerschütterlichen Zuversicht unverdorbenen, natürlichsten Empfindens hoffen sie auf die Bruderhand, die wir ihnen helfend reichen sollen, weniger zur materiellen als zur geistigen, zur moralischen, zur religiösen, zur guljüdischen Hilfe. Darum kann und soll sich die Hilfsaktion für die Falaschas nutzbringend und zweckentsprechend nur in der Richtlinie bewegen, die das Pro-Falascha-Komitee vorgezeichnet hat. So soll an der abessinisch-italienischen Grenze eine Schule mit Internat errichtet werden, in welchen junge Falaschas zu guten Juden erzogen werden sollen. - Eine Schar auserlesener Falaschas wird so zu Trägern jüdischer Glaubensstärke und moralischer Kulturwerte emporgehoben werden, und diesen wird dann später die Aufgabe zufallen, den Segen des Erworbenen in die Heimat zu tragen, um ihn dort weiter zu verbreiten. Der Besuch dieser Schule wird sie nicht gänzlich dem Mutterboden entziehen, sie nicht aus der Bodenständigkeit heben, sondern im engen Konnex zu ihrem Heimatlande halten. So wird sich in natürlichster, nicht sprunghafter Entwicklung eine allmähliche Annäherung dieses zersprengten jüdischen Volksstammes an die große jüdische Gemeinschaft vollziehen und er dem Judentum dauernd erhalten werden können. Sollte der Ruf zu solchem Werke nicht Widerhall bei allen Glaubensgenossen finden? Denn, wo auch immer eine^ solche Aufgabe sich darbot, fand sie die jüdischen Herzen und Hände offen. In diesen Tagen begeht eine große, vielleicht die größte jüdische Weltorganisation die Feier ihres 50. Jubiläums. Was hat die Herzen der Juden zu diesem jüdischen B ande so unwiderstehlich herangezogen, was sie in Treue ausharren lassen an den großen Traditionen dieser allgemeinen jüdischen Vereinigung? Ein Satz des Programms war es, für den sich jedes jüdische Herz auf dem Erdenrund begeisterte, der die tiefsten Regungen der jüdischen Seele in Schwingungen versetzt: „Überall, wo Juden um ihres Judentums willen leiden und Qualen erdulden", die helfende Hand zu reichen. Uogen dort die Taten auch nicht immer diesem Worte entsprochen haben, das Wort hat bei uns Juden doch noch immer seinen ergreifenden Edelklang und seine Zaubergewalt bewahrt. Hier bei den Falaschas aber trifft es zu, hier muß es widerklingen. Brüder des Glaubens sind sie, denen es das Edelste und Beste der Menschenseele zu bewahrengilt, den jüdischen Glauben, das Judentum. Als das Gott wohlgefälligste Werk gilt es nach der erhabenen Lehre des Judentums, auch nur eine jüdische Seele zu retten. Hier im Falaschalande aber rufen Tausende und Tausende jüdischer Seelen um Hilfe, um Rettung, nicht um materielle, sondern um geistige Rettung. Wie sollte sich da das so vielgerühmte und leider auch oft mißbrauchte „gute jüdische Herz" nicht in seinem vollen Glänze offenbaren! Die Sprache der Spaniolen Von M. J. Cohen, Konstantinopel Die spaniolische Sprache soll und wird verschwinden. Daran ist kein Zweifel mehr möglich. Der Prozeß geht auch schon unheimlich rascln und gründlich vor sich. In Griechenland war die Sprache des Cervantes bei den eingesessenen Juden nie recht heimisch geworden; nur die meistens aus Saloniki stammenden kleinen Gruppen in Thessalien tiaben sie bis zum heutigen Tage noch beibehalten. In Rumänien 'gab es bis vor einigen Jahren etliche sephardische Gemeinden, wie in Bukarest, Craiova, Turn-Severin und Giurgevo, wo spaniolisck gesprochen wurde. Obwohl an Zahl nicht bedeutend, waren diese Sephardim wegen ihres Ansehens und des im Handel erworbenen Wohlstands doch von Bedeutung. Heute noch gelten die wenigen Nachkommen jener Bankiers und Großhändler als die eigentlichen erbangesessenen Juden Rumäniens und werden von den sonst nicht gerade toleranten rumänischen Behörden besser behandelt als die große Masse der sogenannten Moldauer Juden, die als Eingewanderte aus Galizien, Bessarabien usw., mithin als „Fremde" gelben. Auch beim Volke sind die Sephardim besser angesehen als ihre askenasischen Stammesbrüder. Unter den wenigen naturalisierten Juden des Landes dürfte das sephardische Element im Verhältnis stärker vertreten sein als die Juden deulscher Zunge. Leider verlieren sich die rumänischen Spaniolen von Jahr zu Jahr immer mehr; ihre einst so blühenden Gemeinden befinden sich in voller Auflösung, und die spaniolische Mundart verschwindet gänzlich unter ihnen. Sie weicht dem Rumänischen, der Landessprache. Nicht viel anders verhält es sich mit der kleinen, aber auserlesenen Gruppe von Juden in Serbien, die im ganzen kaum mehr als 8000 Menschen zählen dürfte, mehr alszwei Drittel davon leben in Belgrad. Auch sie müssen der gebieterischen Notwendigkeit folgend, die Landessprache erlernen, und damit ist dem Spaniolischen das Urteil gesprochen. Die jüngere und jüngste Generation in Belgrad, Nisch, Schabatz und in den andern kleinen jüdischen Gruppen in Serbien verstehen wohl noch mülsam, wenn man spaniolisch zu ihnen spricht, aber sie selbst sprechen es nicht mehr. In Bosnien, wo die Spaniolen in jeder Beziehung konservativer sind als anderswo, behauptet sich noch das Spaniolische ziemlich standhaft trotz der serbischkroatischen Landessprache und trotz dem Deutschen, das im Lande sehr bedeutend an Ausdehnung gewinnt. Aber auch dort wird es schließlich doch unterliegen. In Bulgarien, wo an die 40000 spaniolische Juden wohnen, hält sich das Spaniolische noch haupt-