Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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zu uns zurückgekehrt, wir vertrauen dir von Herzen." Je tiefer ich in das Innere eindrang und auf alte Freunde und Bekannte stieß, desto größer ward der Enthusiasmus, und von Dorf zu Dorf, von Siedlung zu Siedlung drang die Kunde meiner Rückkehr, lange bevor ich selbst dort eintraf, und weckte überall Freude und Hoffnung. Ich war ihnen jetzt kein Fremder mehr, ich war einer der Ihrigen, den sie als Bruder betrachteten und vor dem sie ihr ganzes Herz erschlossen. „Jakob ist gekommen," diese Nachricht durchzog mit Windeseile alle Falaschadörfer, und von allen Seiten strömten sie herbei, auch die mich bisher nicht kannten, um mich zu sehen, zu begrüßen, zu sich einzuladen. Meilenweit durchwanderten einzelne das Land, nur um mich kennen zu lernen und mir dasjenige vorzutragen, was ihr Herz bewegte und beschwerte, oder auch, um mich einzuladen, ihr Gast zu sein und bei ihnen zu weilen. Nur ein Ruf drang von allen Seiten an mein Ohr: ,,Juden sind wir, Juden wollen wir bleiben, wir wollen in Verbindung mit euch treten! Hilf uns, daß wir nicht zugrunde gehen!" Trotz der Verschiedenheit der Tradition fühlen sich die Falaschas als ein untrennbares Glied Israels, und ihr Bewußtsein, Abkömmlinge unserer Stammväter zu sein, ist so groß wie bei uns. Die Differenzierung in einzelnen jüdischen Bräuchen, über die ich sie aufklärte, hat der Sehnsucht, den Anschluß an die große Judenheit wiederzufinden, keinen Augenblick Abbruch getan. So sagte mir ein geistlicher Führer der Falaschas, Abba Aren in Quraba, mit dem ich eine eingehende Unterhaltung über den abweichenden religiösen Zeremonialdienst hatte: „Wie und was dereinst unsere Kinder und Enkel auch von euch annehmen werden, ist gleich, nur Juden sollen sie bleiben, rettet uns bloß vor den Missionaren, die uns vernichten werden, wenn ihr uns nicht helfet." Dieser Ausspruch ist verständlich, wenn man die verheerende Arbeit der Missionare unter den Falaschas in Betracht zieht, die in Abessinien unterstützt wird durch die Willkür und Unterdrückungen der Häuptlinge. Dazu tritt die bisherige völlige Hilflosigkeit gegenüber der auch vor Unwahrheiten nicht zurückscheuenden abessinischen Missionsmethode. Durch -die Missionare hatte sich die Ansicht festgesetzt, daß es in der ganzen Welt keinen Juden mehr gebe, sie, die Falaschas, seien die einzigen verstockten Überbleibsel Israels, und sie sollten daher auch ihren Glauben aufgeben, wie ihre einstigen Brüder in der ganzen Welt. Die verheerende Wirkung der ungehemmten Missionsarbeit unter den Falaschas ist allgemein bekannt. Sie hat fast zu einer Dezimierung dieses einst nach Hunderttausenden zählenden jüdischen Stammes geführt. Gleich nach meiner ersten Reise zu den Falaschas wurde das glücklicherweise anders. Ich habe die große Freude gehabt, in den Missionszeitschriften zu lesen, daß seit meinem ersten Verweilen unter den Falaschas das Bekehrungsgeschäft der Mission unglaublich schlecht gehe und daß „seit der Anwesenheit des Juden Faitlovitch", wie es dort heißt, keine Taufe mehr stattgefunden habe. Und ich bin auf Grund meiner eignen Wahrnehmungen und Informationen nicht in der Lage, diese „Klagelieder" der Missionszeitschriften zu dementieren. Im Gegenteil, den Bankerott dieses Seelenfängergeschäftes herbeigeführt zu haben, darf ich mir in aller Bescheidenheit zur Ehre anrechnen. Schon mein wiederholtes Erscheinen bei den Falaschas übte einen erheblichen moralischen Einfluß auf sie aus. Ihre Mutlosigkeit wich neubelebter Hoffnung, der wankende Glaube und die vielfach erschütterte Treue zum angestammten Vatergla.uben wurden gestärkt, ihre Widerstandskraft gegen die Mission gestählt. Es bedarf zur dauernden Befestigung dieses Erfolges aber vor allem einer grundlegenden Tat kultureller Art. Es bedarf der Errichtung von im jüdischen. Geiste geleiteten Falaschaschulen. Das wäre nicht nur eine dankbare, im allgemein-jüdischen Interesse gelegene, sondern auch eine statutarische Aufgabe der großen jüdischen Weltorganisation, der Alliance, gewesen. Die kulturelle und geistige Hebung der Glaubensbrüder in den Ländern minderer Kultur war ja eines der erhabensten Ziele ihrer weitblickenden Begründer. Der Verwirklichung dieses Gedankens der Errichtung einer Falaschaschule war eben meine zweite Reise bestimmt. Leider aber traten wiederum die Herren in Paris nicht nur nicht fördernd dazwischen, sondern suchten durch die Ausrüstung einer Parallel- und Gegenexpedition meine Pläne zu durchkreuzen. Man konnte aber trotzdem nicht verhindern, daß die Ergebnisse meiner Reise als recht bedeutungsvoll zu bezeichnen sind. Die Vorbereitungsarbeiten für die Errichtung einer ersten Falaschaschule, die wegen der zurzeit in Abessinien herrschenden politischen Verhältnisse an der italienisch-abessinischen Grenze als Wanderschule in der Erythräischen Kolonie gedacht ist, sind dank dem wohlwollenden weiten Entgegenkommen der italienischen Regierungsbehörden und der enthusiastischen Aufnahme des Gedankens bei den Falaschas selbst so weit gediehen, daß die Ausführung des Planes heute nur noch eine Frage der rn a t e r i e 11 e n Mittel ist, die ich damit allerdings nicht als eine nebensächliche bezeichnen will. Als ein weiteres positives Resultat darf ich wohl die Tatsache bezeichnen, daß eine von mir in der abessinischen Landessprache verfaßte Broschüre, die — in Massen verbreitet — die begeisterungsvollste Aufnahme beider männlichen wie weiblichen Falaschabevölkerung gefunden hat, eine intensive Konzentration des jüdischen Interesses und der Geistesrichtung unter den Falaschas herbeigeführt hat. Selbst viele Getaufte sind von Sehnsucht erfaßt worden, zum Glauben ihrer Väter zurückzukehren. Mir selbst gegenüber wurde diese Absicht von vielen kundgegeben. Neben der geistigen Not, unter der die Falaschas leiden, ist ihre soziale und wirtschaftliche Lage eine außerordentlich schlechte. Obwohl sie im allgemeinen das intelligentere und höherstehende Element der abessinischen Bevölkerung bilden, sind sie doch besonders den Willkürlichkeiten und Gewaltakten der Lokalgewaltigen, der Häuptlinge, ausgesetzt, da diese bei dem Mangel jeder straffen Organisation der Zentralgewalt frei schalten und walten können. Die teilweise erschütternden Klagen hierüber verdichteten sich zu dringenden Bitten, die mir während meines dortigen Aufenthalts immer wieder vorgetragen wurden. Ich habe ihnen das Versprechen gegeben, ihre Bitten zu erfüllen. Und als ich in Addis Abeba dann später vom Kaiser Menelik empfangen wurde, habe ich dies Versprechen auch eingelöst.*) Der Kaiser Menelik gab mir damals die feste Zusicherung, einen Erlaß zu- *) Siehe J. Faitlovitch, Quer durch Abessinien, Meine zweite Reise zu den Falaschas, Berlin 1910. Verlag Poppelauer, S. 133 ff.