Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 26 607 anwenden als die Besteuerung. Ich möchte da auf einen Vorschlag hinweisen, den ein Mitglied des deutschen Zentralkomitees, Arnold Wiener, diesem unterbreitet hat, dort aber keinen Anklang fand: Der N. F. trete für die Zwecke der zionistischen Organisation dieser für ein oder zwei Jahre eines seiner Sammelmittel ab, und zwar die bisherigen N. F.-Marken. Aber nur für die Zeit bis zum Ausbau der Selbstbesteuerung! Ich fasse noch einmal meinen Standpunkt zusammen: Besteuerung nicht der Institutionen, sondern der einzelnen Zionisten durch Einführung von SchekeLklass en. Bis zum Ausbau dieser Neuerung: Abgabe von i;ehn oder zwanzig Prozent des Reingewinnes des J. CT- Wenn das nicht langt: Abtretung der N. F.-Marken für ein oder zwei Jahre an die Organisation. [□□□□□□ FEUILLETON □ □ □ □ □ \ü HO --JJ n DIE JUDENFRAGE IN ABESSINIEN Von Dr. Jacques Faitlovitch Einem christlichen Gelehrten des XVII. Jahrhunderts, Julio Bartolocci, gibt die Tatsache, daß die Juden seinerzeit an die Erzählungen und Berichte über die Existenz von Stammesgenossen in fernen unbekannten Ländern glaubten, den Anlaß zu dem Ausspruch, sie glaubten leichter an solche Mythen und Legenden als an jene Wahrheiten, die, nach seiner Meinung, ihrer Seele Heil sein sollten. Inzwischen haben die geistige Entwicklung und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung gerade in unsern Tagen den Gelehrten kräftig dementiert. Jene ,»Legenden" und „Fabeln" über die Existenz von Juden in fernen Ländern haben angefangen, sich zu bewahrheiten. Der Schleier über den Juden Afrikas beginnt sich zu lüften, in andern Teilen der Welt dürften die Forschungen vielleicht auch noch manche Überraschungen bringen. Unsere Vorfahren waren keineswegs die leichtgläubigen Leute! Sie hatten durchaus die Berechtigung, die Existenz von Juden in allen Weltfernen zu glauben. Insbesondere gilt dies von dem Vorhandensein von Juden in Abessinien, wie die neusten Forschungen dies einwandfrei festgestellt haben. Und wenn es auch, selbst in unsern Tagen, in jüdischen Kreisen nicht an einzelnen Leuten fehlt, die, sich vor dem Bartoloccischen Vorwurfe ängstlich hütend, der Kunde von der Existenz von Juden in Abbessinien skeptisch gegenüberstehen, so ist doch zweifellos, nachdem die Ergebnise meiner Reisen in Abessinien in der Öffentlichkeit vorlagen, ein bedeutsamer Umschwung eingetreten. Heute gibt es unter der Judenheit der Welt — ausgenommen ein paar Kreise, die zu zweifeln ein rein individuelles, aus ihrer Gesamtanschauung über das Judentum entspringendes Interesse haben — kaum noch Glaubensgenossen, die nicht wüßten, daß dort im afrikanischen Alpenlande Tausende von Glaubensbrüdern in den tiefsten Niederungen der Menschheit ihr Judentum durch die Jahrtausende gewahrt und ein Martyrium ertragen haben, das hinter dem der europäischen Judenheit nicht zurücksteht. Freilich, die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die sich von Seiten dieser Zweifler der Anbahnung einer Verbindung der Judenheit mit den Falaschas entgegensetzten, waren nicht gering. Aber trotz aller Widerstände der Herren im Pariser Bureau der Alliance Israelite Universelle, der die Förderung meiner Aufgabe vor allem statutarisch festgelegte Pflicht gewesen wäre, gelang es mir doch, die durch Jahrtausende gelöste Verbindung und Fühlungnahme der europäischen Judenheit mit diesem abgesprengten jüdischen Stamm anzuknüpfen. Auf Art und Umfang der Hemmnisse und deren Motive will ich hier nicht eingehen, obwohl es nicht des allgemeinsten Interesses entbehren würde, aiuf diese Vorgänge das vollste Licht der Öffentlichkeit auszubreiten. Sie konnten nicht verhindern, daß die Palascha-Angelegenheit eine Sache der Judenheit wurde, daß die Popularisierung des Gedankens einer Rettung dieser in den elendesten sozialen umd wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden Glaubemsbrüder gelang, deren Gewissensbedrängung so groß ist, daß die Gefahr ihrer völligen Vernichtung als Juden eminent erscheint. Gleich nach meiner Rückkehr von der ersten Reise Ende 1905 versuchte ich mit allen meinen Kräften, die Judenheit für diese von aller Kultur und allem Zusammenhang losgelösten Glaubensbrüder zu interessieren. Es gelang mir, eine größere Anzahl bedeutender Persönlichkeiten der Judenheit aller Länder für diese gutjüdische Sache zu gewinnen. Es «entstand das Pro-Falascha-Komitee, das mir meine zweilte Reise zu den Falaschas ermöglichte. Und es erfüllt mich nun mit Genugtuung und Freude, daß jetzt in den großen Komplex jüdischer Gemeinschaftsfragen„ die zu lösen sind, auch die Falaschafrage ganz allgemein eingeschlossen ist, der Blick auf leidende Juden, wie nach Osten, so auch nach den abessinischen Bergen gerichtet ist, wo Tausende unseres Stammes gleichfalls nm ihres Judentums willen unsäglich leiden uitid sich uach geistiger und religiöser Befreiung sehnen., Dieser Umschwung der Auffassung innerhalb der Judenheit der Kulturländer hat seine Rückwirkungen auch auf die Falaschas ausgeübt. Bei meiner zweiten Reise zu ihnen gehörte es zu meinen rührendsten Erlebnissen, daß auch die Falaschas von brennendstem Interesse für uns erfüllt sind und ihre Hoffnungen auf Erlösung aif uns setzen. Das Mißtrauen, das sie mir während meiner ersten Reise entgegenbrachten, als sie mich teilweise als Missionar, als Schwindler, ja als Sklavenhändler, verdächtigten und eine Zurückhaltung übten, die meine Aufgabe zu einer unendlich schwierigen gestaltete, war bei meiner zweiten Reise geschwunden; überall fand ich einen fast enthusiastischen begeisterten Empfang, ihre Herzen hatten sich geöffnet, ich hatte ihr volles persönliches Vertrauen gewonnen, das allein in den Stand setzt, durch die äußere Schale auf den innern Kern ihres Wesens, ihres Fühlens, Denkeiis und Empfindens zu gelangen. Gleich als ich in dem ersten Dorf Maituaru im. Tigre eintraf, empfing man mich jubelnd und mit lauten, innigen Begrüßungsworten: „Du bist wirklich Jakobs und Abrahams Sohn, du hast Wort gehalten und bist