Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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pflege befassen sich in Palästina die Behörden nur in sehr geringem Maße. Ich will damit keinen Vorwurf erheben, auch keineswegs mein Bedauern über diesen Umstand aussprechen, denn das System der privaten Wohlfahrtspflege hat in den fortgeschrittensten Ländern sehr gute Erfolge gezeitigt. Die Juden haben hierzulande ihre besondere öffentliche Wohlfahrtspflege, allein diese hat große Mängel aufzuweisen und funktioniert sehr unvollkommen, insbesondere wenn man die riesigen Summen in Betracht zieht, die für diesen Zweck ausgegeben werden. Die Zahl der Hospitäler und Siechenhäuser ist ungenügend, und der Zustand der bestehenden Krankenhäuser läßt viel zu wünschen übrig. Hinsichtlich der Gewährung unentgeltlichen ärztlichen Beistandes herrschen große Ungerechtigkeiten. Und wie minderwertig ist doch das Hilfspersonal, das uns zur Verfügung steht! Müßte und könnte eine Organisation jüdischer Ärzte nicht mit Leichtigkeit zur Besserung dieser Zustände beitragen? Eine derartige Organisation wäre in ganz anderm Maße als der einzelne Arzt imstande, sowohl auf die Gesellschaften, die die Anstalten unterhalten, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, als auch die berufliche Vorbildung und Befähigung des medizinischen Hilfspersonals zu regeln. Ist es nicht Pflicht der Ärzte, sich zumindest über die hauptsächlichsten Maßnahmen bezüglich der Behandlung und Verhütung der Malaria zu verständigen? Und ist es nicht ferner ihre heilige Pflicht, die nötigen hygienischen Kenntnisse unter der palästinensischen Bevölkerung im allgemeinen und unter der jüdischen im besondern zu verbreiten? Und schließlich, ist es nicht eine ebenso edle wie praktische Aufgabe, eine Standesvertretung zur Wahrung unserer materiellen und besonders unserer moralischen Interessen ins Leben zu rufen, eine Vereinigung zu bilden, die berufen wäre, das kollegiale Verhiiltnis unter den Staridesgenossen, das oft noch viel zu wünschen übrig läßt, zu befestigen, unser Ansehen durch die Kräftigung dessen, wras man ärztliche Ethik nennt, zu erhöhen? Als wir die ersten Versuche nach dieser Richtung hin unternahmen, begegneten wir hauptsächlich zwei Einwänden. Erstens sagte man uns, die palästinensischen Ärzte im allgemeinen und die jüdischen im besondern werden sich niemals untereinander einigen, sei es wegen der eigenartigen Bedingungen, unter denen sie wirken, sei es wegen der mannigfachen Verschiedenheiten der Herkunft, der Ausbildung, der Interessen, der Erziehung usw. Zweitens hielt man uns entgegen, es sei unangebracht, uns von den nichtjüdischen Kollegen abzusondern, die Wissenschaft dürfe sich nicht in die engen Grenzen konfessioneller oder nationaler Verbände einschließen und desgleichen mehr. Der erste Einwand ist nichts weiter als eine Hypothese, die allerdings einen Kern von Wahrheit in sich birgt. Diese Hypothese reicht jedoch nicht hin, unsern Bemühungen von vornherein den Erfolg abzusprechen. Es kann sich bloß darum handeln, der geplanten Organisation eine Form zu geben, die sie des Interesses und der Unterstützung unserer Besten würdig macht. Es muß ferner dafür gesorgt werden, daß die Organisation durch die Gewinnung der öffentlichen Meinung und durch die Sympathien der Institutionen, die für Palästina wirken, sich allgemeine Achtung zu verschaffen weiß. Dann werden alle Beteiligten ihre Rechnung dabei finden: die einen moralische Genugtuung, die andern gegenseitige Belehrung, herzliches Einverständnis und manche auch Befriedigung ihrer Eigenliebe oder persönlichen Eitelkeit Was den zweiten Einwand betrift, so finde ich ihn sehr natürlich bei uns Juden, die wir nichts so sehr fürchten, als das Mißfallen der Nichtjuden zu erregen. Niemals wird ein deutscher oder französischer Arzt es unangemessen finden, sich zunächst mit Kollegen gleicher Nationalität zu verbinden. Bei uns ist dies ein atavistischer Charakterzug, — die Folge zweitausendjähriger Knechtschaft und Abhängigkeit. Sind überdies nicht schon Versuche sowohl in Jaffa wie in Jerusalem gemacht worden, eine allgemeine Ärztegesellschaft ins Leben zu rufen? In Jaffa widersetzte sich die große Mehrheit der Ärzte diesen Bestrebungen, in Jerusalem hatte die geplante Gründung, soviel ich weiß, auch nicht mek Glück. Und alle Welt stimmt darin überein, daß der Hauptgrund dieses Mißerfolgs in der großen Verschiedenheit der Elemente zu suchen ist, aus denen die Gesellschaft sich hätte zusammensetzen sollen. Es ist viel leichter, im engern Kreise Übereinstimmung zu erzielen. Wir jüdischen Ärzte haben naturgemäß mehr gemeinsame Berührungspunkte untereinander, als mit den nichtjüdischen Ärzten. Es gibt gewisse jüdische Interessen, deren Pflege unsere gemeinschaftliche Tätigkeit erfordert, die aber den andern gleichgültig sirnd. Und dann, was hindert uns denn, die Pforten unserer medizinischen Vereine, die Spalten unserer Fachzeitschriften, wenn wir solche gründen, den Kollegen ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Nationalität zu öffnen? Dankend werden wir ihre Mitteilungen entgegen nehmen und werden ihnen die Ergebnisse unserer Arbeiten stets mit Freuden bekanntgeben. Wenn die Mitwirkung der Nichtjuden später einmal durch die veränderten Umstände bedeutsamer oder ausschlaggebender werden wird, wenn das Land im allgemeinen, die jüdische Bevölkerung im besonderen, von der gemeinsamen Arbeit aller Ärzte einen größern Nutzen ziehen wird, werden wir uns glücklich schätzen, unsere Organisation in eine allgemeine Gesellschaft der palästinensischen Ärzte umwandeln zu können. Und nun wollen wir uns dem Arbeitsprogramm der geplanten Organisation zuwenden. Ich für m& ine Person möchte die Satzungen wie folgt kurz skizzieren: Ziele des Ärzteverbands; l. Sammlung des medizinischsanitären statistischen Materials am allen Orten, wo dies möglich ist, und zwar nach einheitlichen Gesichtspunkten. 2. Festsetzung allgemeiner Maßnahmen zur systematischen Bekämpfung der endemischen und epidemischen Krankheiten. 3. Regelung und Vervollkommnung der öffentlichen Wohlfahrtspflege in den jüdischen Zentren, Vorkehrungen zum saaiitären Schutz des jüdischen Proletariats. 4. Heranbildung des medizinischen Hilfspersonals und Überwachung seiner Tätigkeit. 5, Teilnahme an den Studien zur Erforschung der verschiedenen Krankheiten im allgemeinen und der Krankheiten des Landes im besondern. Anlage medizinischer Bibliotheken. 6. Verbreitung der notwendigen hygienischen Kenntnisse unter den Volksmassen. 7. Schaffung und Aufrechterhaltung freundschaftlicher oder wenigstens korrekter Beziehungen zwischenden Kollegen, solidarischer Zusammenschluß zur Verteidigung der Standesinteressen, wo sich dies als notwendig erweist. Mittel zur Erreichung dieser Ziele: 1. Direkte Tätigkeit: a) Schriftliche Mitteilungen, Diskussionen, wissenschaftliche Vereinigungen, b) Veröffentlichung von Rechenschaftsberichten und populärwissenschaftlichen Schriften,, öffentliche Vorträge, c) Unterbreitung konkreter Vorschläge an Behörden, Wohlfahrtsgesellschaften und einflußreiche Privatpersonen beln der Verbesserung der sanitären Zustände an bestimmten Orten.—2. Indirekte Tätigkeit: Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zu verschiedenen Institutionen, die mit unsern Bestrebungen sympathisieren. (Auf diese Weise kann die Organisation Einfluß gewinnen auf die Gründung und Einrichtung einwandfreier Krankenhäuser usw.) Gewinnung der interessierten Kreise für die Schaffung einer wissenschaftlichen Zentralanstalt zur Erforschung der im Lande häufig auftretenden Krankheiten. Verwaltung: Es wird ein Bureau eingerichtet, bestehend aus 3 Mitgliedern der Organisation und einem bezahlten Sekretär (der kein Arzt zu sein braucht) zur Erledigung der laufenden Angelegenheiten. Die Geldmittel des Verband es sollen sich zusammensetzen aus Beiträgen der Mitglieder, freiwilligen Spenden, Beihilfen verschiedener Palästinagesellschaften für bestimmte Zwecke, wie wissenschaftliche Publikationen, Ausbildung ärztlichen Hilfspersonals, Gründung von Bibliotheken, Anschaffung von medizinischen Appa- . r