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Die Welt · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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NO. 26 D1E3^ELT 603 tausendköpfige Menge als zu klein und deshalb mußte unter freiem Himmel im Garten des Lokales eine zweite Versammlung improvisiert: werden. In jüdischer und deutscher Sprache wurden die Vorgänge der Drohobyczer Wahl der galizischen Wahlkämpfe in leidenschaftlicher Weise von mehrern Rednern behandelt. Es sprachen der Obmann der „Poale Zion" Herr Klingenberger, jur. Arnold, Dr. Zuckermann, jur. Dichter aus Drohobycz und namens der Sozialdemokraten Herr Moritz. Es wurde in beiden Versammlungen eine Resolution angenommen, in welcher die Suspendierung des Bezirkshauptmanns Piatkiewicz und den bei dem Blutvergießen beteiligt gewesenen Kommissäre vom Amte, die Einsetzung eines Wahlgerichtshofes im Parlamente und die staatliche Fürsorge für die Hinterbliebenen Witwen und Waisen gefordert wird. Monstreversammlung im Sofiensaale Der jüdische Nationalverein für Österreich hatte für Sonntag vormittag durch Trauerplakate die Bevölkerung Wiens zu einer Monstreversammlung in die Sofiensäle eingeladen. Der größte Saal Wiens erwies sich als zu klein, um die vielen Tausenden zu fassen, die gekommen waren. Man sah Greise und Greisinnen, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen — tief gerührt mit Tränen in den Augen, und elementar waren die Ausbrüche der Empörung. Seit den Tagen von Kischinew hat dieser Saal solch tiefen Aufschrei aus der Seele des Volkes nicht gehört..... Das „offizielle" Judentum Wiens — die Repräsentanz der Gemeinde — war bei diesem Anlasse nicht vertreten — offenbar hatte es wichtigere Geschäfte zu besorgen. Möglicherweise hat den Kultusvorstand eine zu gleicher Zeit veranstaltete Siegesfeier ob der Niederlage der ehristlichsoziajen und „des Anbruches der nun wieder beginnenden „liberalen" Ära in Österreich" abgehalten. , . . Herr Dr. Ehrlich eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er der allgemeinen Trauer Ausdruck gab. Dr. Kraßny führte aus, das Juden von Juden gemordet wurden. Das blieb den Herren Loewenstein und Feuerstein vorbehalten, diesen Judenmördern von Drohobycz. (Pfuirufe!) Dr. Pachtmann aus Drohobycz berichtete als Angenzeuge über die Vorgänge bei der Wahl. Hierauf wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Versammelten ihrer tiefen Trauer über die blutigen Vorfälle von Drohobycz Ausdruck geben und die Hinterbliebenen der dort gefallenen Opfer der herzlichsten Teilnahme versichert werden. Weiter wird erklärt, die Versammlung, erfüllt vom tiefsten Abscheu über das verbrecherische Treiben des Kultuspräsidenten Feuerstein und seiner im Verwaltungsdienst stehenden Helfershelfer, verlange die strenge Bestrafung aller, welche zunächst durch betrügerische Machinationen das Wahlresultat fälschten. Die Regierung habe nichts unternommen, um den berüchtigten galizischen Wahlschwindeleien ein Ende zu setzen. Wir werden über den Verlauf dieser Versammlung noch ausführlich berichten. Die Hilfsaktion für Drohobycz Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 21. Juni hat sich in Drohobycz ein bürgerliches Rettungskomitee gebildet, um Hilfe zu bringen den armen Opfern, sowie den hinterbliebenen Witwen und Kindern, den infolge der blutigen Ereignisse am 19. Juni 1911 anläßlich der Wahl des Reichsratsabgeordneten Dr. Natan Löwenstein Verwaisten und Unglücklichgewordenen. Die Zahl der Getöteten beträgt bis nun 24, an Verwundeten liegen im städtischen Hospitale aliein 24. Die Zahl der in Privathäusern liegenden Verwundeten, welche nicht genau festgestellt werden kann, ist noch viel größer. Den ärztlichen Gutachten gemäß werden die meisten Verwundeten ihr ganzes Leben als Krüppel verbringen. Von dem Unglück sind Leute aus der ärmsten Gesellschaftsklasse betroffen worden. Komiteemitglieder sind folgende Herren: Dr. Adam Pilecki, Landesgerichtsrat, Dr. Izydor Wilder, Arzt, Dr. Bronislaw Kozlowski, Primararzt des städt. Spitals, Dr. Isidor Lauterbach, Advokat, Dr. Siegmund Kleinberg, Advokat, Isidor Kopcinski, k. k. Richter, Filaret Grabowienski, k. k. Bezirksrichter, Dr. Siegmund Eliasiewicz, Sekundararzt des städt. Spitals, Kasimir Terlikowski, k. k. Richter, Maryan Wielezynski, Ingenieur, Dr. Moritz Pachtmann, Advokat, Dr. Julian Sickalo, Advokat, Konstantin Dub, k. (c- Richter, Dr. Moritz Rappaport, Advokat und Dr. Abraham Backenroth, Advokat. Zum Vorsitzenden des Komitees ist Herr Dr. Isidor Lauterbach, zum Kassierer und Sekretär Dr. Moritz Rappaport, Advokat in Drohobycz, gewählt worden. Dem Beschlüsse obigen Komitees vom 22. d.M. gemäß wende ich mich hiermit an die geehrte Redaktion mit der höflichen und innigen Bitte um Sammlung von Gaben für die Unglücklichen. Die gesammelten Gelder bitte ich zu meinen Händen als Kassierer einzusenden. Dr. Moritz Rappaport. In der Berliner demokratischen Wochenschrift „Das freie Volk" schreibt Paul Hudec, Krakau, über die Drohobyczer Wahlen: „Ein fernes unbekanntes Land ist Galizien, des einstigen Königreichs Polen am wenigsten entnationalisierter Teil. Im ganzen übrigen nichtdeutschen Österreich hat nur der schwere Kampf der Nationen um den Staat langsam in Jahrzehnten den deutschen Charakter, die reindeutsche Sprache der Ämter und der Gebildeten zurückdrängen, noch lange nicht beseitigen können, in Galizien ist seit dem Anfang der sechziger Jahre das Polnische Amts- und Gerichtssprache. Das einzige Deutsch findet man beim Militär, in etlichen weltabgeschiedenen Farmerkolonien und in seiner mittelhochdeutschen, durch das Ghetto zugleich verderbten und galvanisierten Form bei der Million armer jüdischer Händler, Fuhrleute, Heimarbeiter, Bäcker und Schnapsschänker. Galizische Schnapsschänker . . . Noch aus der Zeit des „krulestwo", des nationalen Königreichs der Jagelionen und der Poniatowski haftet das Recht des Schnapsausschanks am Besitz der Schlachzizen. „Geschäft macht Jud." Auch das Schnapsgeschäft. 1500 jüdische Familien lebten von der „Propinazje". Jetzt hört's aber auf. Die Gewerbeordnung tritt endlich auch in Galizien in Kraft. Der Schnapsausschank wird zum staatlich konzessionierten Gewerbe. Und der Staat gibt nicht mehr Konzessionen, als höchstens eine in einem Dorf, Die übrigen muß man sich aufsparen, damit man etwas hat, wonach die Untertanen streben, dessen sie sich würdig erzeigen müssen. Hunderte jüdischer Schnapsschänker werden brotlos, müssen aus den elenden polnischen oder ruthenischen Bauerndörfern fort. Das Heer der „Luftmenschen", der kindergesegneten Erwerbslosen in den schmutzigen, industrielosen, verkehrsarmen Städten schwillt an. Wer nach Amerika will, muß doch in Ellis-Island soviel Geld vorzeigen. Das haben die Juden nicht. Und nach Whitechapel? Ebenso gut können wir daheim verhungern, unser Vaterland kann doch nicht ruhig zusehen . . . Auch hat mancher gelesen, daß es Personenzugsreisenden in Deutschland übel ergeht, wenn sie nicht das Überfahrtticket der Ballin- oder Wiegandlinie vorweisen können. Das Elend herrscht unter den beschäftigungslosen, nur gelegentlich Arbeit findenden Massen. Da kommen die Wahlen. Früher haben sie immer gewählt den gnädigen Herrn Grafen, haben die Bauern mit Schnaps und mit den Schuldtafeln bestimmt, auch den Herrn Kandidaten des . hochmögenden polnischen Zentralwahlkomitees in Lemberg zu wählen; den Grafen auf dem Lande, den nationaldemokratischen Advokaten oder Professor in den Städten. Aber was haben die Herren vom regierenden Polenklub geleistet? Das Geld fliegt hinaus für Panzerschiffe und Festungen, für uns hat man nichts. Die großen Wasserstraßen, die man so gefeiert hat, werden nicht gebaut. Und keine Eisenbahnen, denn die fünf Linien über die Karpathen nach Ungarn genügen schon, um in einem Tag die ungarischen Armeekorps den Russen entgegenzuwerfen, wenn's nötig ist. Die armen jüdischen Proletarier und Kleinbürger werden oppositionell. In Krakau, Lemberg, in der Festungsstadt PrzemysI, in der Eisenbahnerstadt Stanislau wählen sie sozialistisch, wählen den Daszynski, den Dr. Diamand, den Dr. Liebermann, — zwei Glaubensgenossen, die im Jargon zu ihnen reden, — den Staatsbahningenieur Ritter von MoraczewskL Im Osten, in der weiten kleinrussischen Ebene, wählen sie die radikalen oder sozialistischen Ruthenen, die sich gegen die Schlachzizenherrschaft aufbäumen. Und in den mittelgalizischen Gegenden, wo sie in den dichtesten Massen wohnen, wählen sie national. Nicht polnisch, nicht ruthenisch, sondern jüdisch, wie es damals der gelehrt hat, der da in Wien sich bekannt hat als Jude, obgleich er hochgeachtet war, der Dr. Theodor Herzl .. . Jüdischnationale Kandidaten treten namentlich den Polenklubjuden entgegen, besonders dem Arzt Dr. Gold und dem Advokaten Dr. Natan Löwenstein. 1907 ziehen vier jüdischnationale Demokraten ins Parlament ein. In der Petroleumstadt Drohobycz, eine Stunde von den hundert Bohrtürmen des Ölfeldes von Boryslaw, kandidiert abermals der Dr. Löwenstein. Er hält nicht zu seinem Volk, nicht zu den armen Leuten; nein, zu den Polen, zu den Schlachzizen. Sein Vater war noch Rabbiner. Er selbst hat studiert in Lemberg, Wien und auch in Leipzig. Stolz bezeichnet er sich im Parlamentsalmanach als Vorsitzender der jüdischen Ortsgruppe des Polnischen Schulvereins. Ein Verein, der gegen die Ruthenen und das seinen Jargon als historisch gewordene, vollberechtigte Sprache wertende Judenvolk etwa so vorgeht, wie drüben in Posen die Hakatisten 2

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