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Die Welt · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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602 DIEMKE LT No. 26 missäre die Blutschuld, wie sie nicht schwerer gedacht werden kann. Aber man vergesse nicht: Die eigentlich Schuldigen sind der Wahlmacher Jakob Feuerstein, der Präsident der jüdischen Kultusgerneinde in Drohobycz, und sein Brot- und Auftraggeber, der adelige Demokrat Dr. Nathan von Löwenstein. Der Moschkojude Feuerstein hat die Wahlagitation geleitet, die Wählerlisten mit längst Verstorbenen, Minderjährigen oder Verbrechern gefüllt. Er hat die Provokateurs ausgesendet, die sich unter die Menge verteilten, Streit anfingen und Steine warfen, Bauernknechte aus der Umgebung, die für einige Heller Sold oder für ein Glas Schnaps alles tun, was man ihnen aufträgt. Aber das Geld hierzu hatte er von Löwenstein erhalten. Die Opfer von Drohobycz Die Zahl der bisher ihren Verletzungen erlegenen Personen beträgt 24. 50 Personen sind schwer verwundet. Bei einigen von diesen besteht wenig Aussicht, das Leben zu retten. Andern mußten die Füße amputiert werden, so daß sie für ihr ganzes Leben zu Krüppeln geworden sind. Die Berichte sämtlicher nach der Katastrophe in Drohobycz eingetroffenen Journalisten konstatieren übereinstimmend, daß die Verletzungen von rückwärts erfolgt sind. Es sind zumeist Kopfschüsse. In der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht der bekannte Maler Jehudo Epstein, der am 19. Juni in Drohobycz weilte, einen Bericht über die blutigen Vorfälle. Aus seinem Brief geht hervor, daß zur Zeit der Salven vollkommene Ruhe herrschte, und daß etwa 200 Schüsse von den Soldaten, die in zwei Reihen quer über die Straße standen, abgegeben .wurden. Die öffentliche Meinung Österreichs befindet sich in lebhafter Aufregung über die Art der amtlichen Berichterstattung. Es wurden sofort nach dem Unglück drei verschiedene amtliche Relationen ausgegeben und in das Ausland lanciert, die einander vollkommen widersprachen. Die erste sprach von einem Sturm der Zionisten auf das Wahllokal, die zweite erzählte, daß die Zionisten das Militär mit Steinen beworfen hätten, in der dritten verwendete man (ganz nach russischem Muster) einen legendären Revolverschliß, der von einem Unbekannten auf das Militär abgegeben worden sei, als Ausrede. Durch diese widerspruchsvollen Communiques ist es erreicht worden, daß die ausländische Presse ihre Leser durch entstellte und gefälschte Berichte informierte. Doch haben diese Zeitungen nachträglich der Wahrheit Raum gegeben und — bis auf einige antisemitische Blätter — die Schuldlosigkeit besonders der Zionisten nachgewiesen. Peinlich berührt es, daß einige jüdische Zeitungen gerne die Gelegenheit wahrnahmen, den Zionismus als den intellektuellen Urheber der entsetzlichen Vorfälle anzuklagen. Sie haben absichtlich übersehen, daß Juden, Polen und Ruthenen erschossen wurden. Sie haben die ersten Berichte der polnischen und Wiener Zeitungen dazu benutzt, um ihrer stets bereiten Wut gegen den Zionismus freien Lauf zu lassen und ihn zu verleumden. So schreibt „Der Israelit" in Frankfurt a. M., nachdem er selbst die Meldungen über die Zionistenausschreitungen als ungeheuerlich erklärt, wörtlich: „ .... In Galizien aber, wo sie (die Zionisten) zum Teile die Massen hinter sich haben, mußte ihr Treiben zu den obenerwähnten bedauerlichen und dem Judentume gewiß nicht zur Ehre gereichenden blutigen Skandalszenen führen. In Drohobycz gelang es ihnen, die Arbeitsmassen aus den Bergwerken im nahen Boryslaw — im Grunde harmlose, aber durch die Not des Lebens erregte Menschen — mobil zu machen, um mit Hülfe ihrer derben Fäuste das Wahllokal, in dem hinter geschlossenen Türen in scheinbar nicht ganz legaler Weise für den „jüdischen" Allpolen Löwenstein „gearbeitet" wurde, zu erstürmen. Es war vielleicht nicht vorauszusehen, daß die in diesem Falle zweifellos übereifrige Soldateska gleich fünf Salven in die mehr lärmende als wirklich revolutionierende Menge hineinsenden werde. Auf jeden Fall haben diejenigen, die die Volkserregung in ganz unnützer Weise — denn der Ausgang der Wahl war bereits gesichert — geschürt und die Familienväter in den völlig aussichtslosen Kampf schickten, die Opfer auf dem Gewissen. Sie haben damit auch ihrer Partei und dem Gesamtjudentum einen denkbar schlechten Dienst geleistet." Herr Geiger läßt sich aus Österreich für seine „Allgemeine Zeitung des Judentums" schreiben: „ . . . aus Ostgalizien, wo die zionistische Agitation zu so bedauernswerten Zusammenstößen mit der Staatsgewalt geführt hat. . Der Dritte im Bunde ist die vom Distriktsrabbiner Dr. S. Meyer in Regensburg herausgegebene „Deutsche Israelitische Zeitung", die einen Bericht der „Vossischen Zeitung" abgeändert „übernommen" hat. Wir zitieren folgendes: „Vor dem Bürgermeisteramt kam es zu Zusammenrottungen, so daß Kavallerie zum Schutze des Burgermeisters ausrückte. Sie wurde mit einem Steinhagel empfangen und ein Offizier und mehrere Soldaten verletzt. Die Gendarmerie erwies sich ebenfalls als machtlos, so daß Infanterie herbeigeholt werden mußte, die mit gefälltem Bajonett gegen .die Demonstranten vorrückte. Aber auch sie wurde mit Gejohle und Steinwürfen empfangen. Besonders die Zionisten gebärdeten sich wie toll. Kein Zureden des Bezirkshauptmanns und der Wahlleiter vermochte sie zu beruhigen. Die zionistischen Agitatoren reizten die Zionisten noch mehr auf, so daß diese ihr Kampflied „Heil Zion!" anstimmten und das Bürgermeisteramt mit Stein würfen bomba rdierten, so daß keine Fensterscheibe mehr ganz blieb. Die rasenden Fanatiker traten den Gendarmen entgegen und versuchten, ihnen die Gewehre zu entreißen. Der befehlhabende Infanterieoffizier mußte schließlich „Feuer!" kommandieren, worauf mehrere Salven abgegeben wurden. Unter Wehgeschrei flüchtete die Menge. 18 Tote blieben am Platze, die Zahl der Schwerverletzten wird mit 37 angegeben. Unter den Toten, meist zionistische Arbeiter der Petroleumgruben, soll sich auch ein durchreisender Pariser Kaufmann befinden. Der durch Salven gesäuberte Platz wurde dann militärisch besetzt gehalten. Im Krartkenhause starben alsbald noch drei der Verletzten." Wir nageln dieses Trifolium zum ewigen Gedächtnis fest. Trauer- und Protestkundgebungen In ganz Galizien haben in den letzten Tagen jüdische Versammlungen stattgefunden, in denen die Vorfälle in Drohobycz besprochen wurden. In Wien versammelten sich am 24. Juni die jüdisch-nationalen Studenten zu einer Trauerkundgebung. \Es war eine imposante Versammlung, von JUC Adolf Brand geleitet wurde. Die farbentragenden Korporationen waren mit umflorten Abzeichen erschienen. Herr jur. Sternberg gab eine Darstellung der Ereignisse- Der nächste Redner, Herr Adolf Böhm, wandte sich gegen das System, welches das Ereignis verschuldet habe, Bs sei ein Wunder, daß sich derartige Bluttaten nur in Drohobycz ereigneten, denn ganz Galizien sei ein Land, dessen Typus Drohobycz sei: „Die öffentliche Meinung, das öffentliche Gewissen Europas macht Halt vor Galizien" — sagte der Redner. „Um lumpiger Titel und Orden haben Volksgenossen ihr Volk verraten, und es knattern die Gewehre, weil Juden es wagen um ihre primitivsten Menschenrechte zu kämpfen. Die Gewehrsalven von Drohobycz konnten ein paar Zionisten töten, den Zionismus konnten sie nicht töten! An diesem Tage trauern wir um die Opfer unserer Sache, unser Ruf aber ist und bleibt: „Vorwärts gegen alle Bedrückung! Vorwärts gegen alle Verräter unseres Volkes! Vorwärts für die Zukunft unseres Volkes? Es sprachen noch Techniker Freundlich, welcher verlangte, daß die Schuldigen und die der Mitschuld verdächtigen Organe aus dem Amte suspendiert werden, damit man zu der eingeleiteten Untersuchung Vertrauen haben könne, und namens der ukrainischen Studentenschaft jur. Petrusziewitsch, die sich der Trauer und der Empörung der jüdischen Studentenschaft anschloß. Auch die polnischen freiheitlichen Studenten erklärten ihre Solidarität mit den Jüdisch-nationalen im Kampfe um Recht und Freiheit. Die einzelnen Reden wurden mit minutenlang andauerndem Beifall aufgenommen und stellenweise durch erbitterte Kundgebungen der Empörung unterbrochen. Die Versammlung beschlof3 einstimmig folgende Resolution: „Aufs tiefste erschüttert durch die unerhörten Drohobyczer Ereignisse, welche den bisherigen landesüblichen Wahlterror als ein Kinderspiel erscheinen lassen, weiß sich die jüdischnationale Studentenschaft eins mit der gesamten öffentlichen Meinung in der Trauer um die unschuldigen Opfer eines Systems, das hinweggefegt werden muß, wenn Österreich noch weiter unter die Kulturstaaten gezählt werden soll. Die jüdischnationale Studentenschaft fordert Sühne für das vergossene Blut dieser Unschuldigen, die da auszogen, um ihr Recht zu suchen, und den Tod fanden." Nach der Versammlung formierten sich die Teilnehmer zu einem zirka zweitausendköpfigen Zuge und marschierten ruhig in Viererreihen über den Franz-Josefs-Kai auf die Ringstraße bis zur Universität. Das beabsichtigte Mitführen von Trauerfahnen hatte die Polizei untersagt. Der Zug erregte während seines Marsches über die Ringstraße, die um diese Zeit überaus belebt war, großes Aufsehen. Vor der Universität löste sich der Zug gemäß der mit der Behörde getroffenen Vereinbarung auf. Die Kundgebung der „Poale Zion" Die zionistische Arbeiterorganisation „Poale Zion" hatte für den 24. Juni abends eine Versammlung zum „goldenen Widder" einberufen. Auch hier erwiesen sich die Räumlichkeiten für die

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