Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Ehre anrechnen.'* — Man sieht: dies ist denn doch ein ganz anderer Ton, als ihn das obenerwähnte Protesttelegramm aufzuweisen hatte. Und man fragt sich erstaunt, welchen Sinn und Zweck denn jene unglückselige Kundgebung hatte, die den Anschein erwecken mußte, als gäbe es innerhalb der ottomanischen Judenheit Strömungen, die mit dem Patriotismus nicht in Einklang zu bringen sind . . . In diesem Zusammenhang sei einer Rede gedacht, die der frühere Minister des Innern Talaat-Bey dieser Tage anläßlich eines von dem hiesigen nationaljüdischen „Nouveau Club" veranstalteten Festes zu Ehren der Offiziere der türkischen Flotte gehalten hat. Taiaat-Bey sprach seine tiefste Überzeugung von der unbegrenzten Treue und Ergebenheit der Juden gegenüber dem ottomanischen Vaterlande aus. „Ich habe", — so schloß er unter rauschendem Applaus seine Rede, — „dieser meiner Überzeugung stets Ausdruck gegeben, tue es hier von neuem und werde mein Bekenntnis bei jeder Gelegenheit wiederholen/' Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die internationale Lage der Türkei Die Niederwerfung des albanischen Aufstandes, die nunmehr nicht nur in der Türkei, sondern auch in Europa als eine vollendete Tatsache angesehen wird, hat die internationale Situation des Landes wieder bedeutend verbessert. Sie hat. den unzeitgemäßen und unzweckmäßigen Interventionsversuch Österreich-Ungarns gegenstandslos gemacht und es der türkischen Regierung ermöglicht, ohne sich" das Geringste zu vergeben, doch im Sinne der europäischen Wünsche den Albanern gegenüber alle mögliche Milde walten zu lassen. In Europa mag man das mit gutgespielter Genugtuung als einen prompten Effekt der der Hohen Pforte erteilten „Ratschläge" ansehen; wahr bleibt aber doch, daß die Türkei nach ihrem Programm verfahren ist, daß sie ihrer Zentralautorität die Anerkennung in Albanien erzwungen hat und daß die Sultansreise in die Gefilde Albaniens mitsamt dem Akte der Amnestie, die jetzt verkündet wurde, seit vielen Wochen schon beschlossen war. Österreich hat zwar durch die Ratschläge des „Frerndenblattes" dem Prestige der Türkei zeitweilig geschadet, mehr aber, wie bereits ersichtlich, sich selbst und seinen wirtschaftlichen Interessen in der Türkei, da es ein neues Mißtrauen, zum Teil bis zur Feindseligkeit gehend, hier gegen sich erzeugt hat. Die Autonomiefrage Die Hohe Pforte gedenkt die endgültige Beruhigung Albaniens nicht nur durch die erwähnte allgemeine Amnestie zu erreichen, die allen Malissoren und Mirditen erteilt wird, falls sie binnen zehn Tagen ihre Unterwerfung anzeigen, sondern auch durch eine Reihe reformatorischer Maßnahmen, die sie soeben publiziert und den Kabinetten Europas mitgeteilt hat. Das Reformprogramm soll umfassen: 1. Bau neuer Schulen; 2. Abänderung des Rekrutierungssystems; 3. Teilnahme des einheimischen Elements an der Provinzverwaltung; 4. Bau von Straßen und Verkehrsmitteln sowie Herstellung anderer öffentlicher Arbeiten; 5. Reform des Steuervvesens. Von diesen fünf Reformpunkten gehen der zweite, dritte und fünfte in autonomistischer Richtung, d. h., wenn sie in dem Sinne ausgeführt werden, den die Albaner und Europa wünschen. Keiner Nationalität oder Provinz des Osmanischen Reiches sind unter dem neuen Regime ähnliche Zugeständnisse bisher gemacht worden. Vielleicht hat man also hier den ersten Beginn einer neuen Entwicklung zu erblicken. Rußland Schikanierung jüdischer Wohltätigkeitsvereine Das Jekaterinoslawer Gouvernementalamt für Vereinswesen lehnte die Eintragung des Vereins zur Versorgung armer jüdischer Schüler mit Kleidern und Schuhen ab. Zum bevorstehenden Emigrations-Kongreß Aus Anlaß des vom 27. bis zum 30. August d. J. in Wien stattfindenden Kongresses für jüdische Emigrationsangelegenheiten wird im Monat Juni in Petersburg eine Vorkonferenz der Kongreßteilnehmer aus Rußland abgehalten werden. Die Petersburger Gesellschaft zur Regulierung der jüdischen Emigration macht lebhafte Propaganda für den Wiener Kongreß. — Der Vorstand der Warschauer jüdischen Gemeinde faßte den Beschluß, einen Vertreter zum Wiener Kongreß und zur Petersburger Vorkonferenz zu delegieren. Zur Kiewer Ritualmordhetze Die „Ruß k oje 5 n am ja" verlangt die Heiligsprechung des ermordeten Knaben Juschtschinsky, der ein Märtyrer des Glaubens geworden sei. Sollte die heilige Synode dieses Ansuchen ablehnen, so solle man sich diesbezüglich an den Zaren wenden. — Die unermüdliche „Semschtschina" hat bereits einen neuen Ritualmord in Kiew entdeckt. In der Nummer vom 5. Juni bringt das kampfeslustige Patriotenblatt das Schreiben eines gewissen „Kiewer", welcher berichtet, eine Waschfrau namens Wiadimirska ja habe ihn besucht und ihm bitter weinend erzählt, daß ihr elfjähriger Sohn Maxim am 27. Januar 1910 in Kiew spurlos verschwunden wäre. Die von der Polizei. angestellten Recherchen hätten zu keinem Ergebnis geführt. Die arme Frau wolle nun an den Zaren ein Bittgesuch wegen Ausfindigmachung ihres Sohnes richten. Der Verfasser des Briefes beteuert natürlich, daß man es hier mit einem Ritualmord zu tun hätte. Auch die „Russkoje Snamja" hat einen Ritualmord entdeckt. In der Nummer vom 9. Juni berichtet dieses Patriotenblatt, daß der Witebsker Schächter Poljakow von den Eltern seines christlichen Dienstmädchens angeklagt worden sei, daß er ihre Tochter nach einem Badehause gebracht, wo er sie im Keller eingeschlossen und sich bereits angeschickt hätte sie zu schlachten, als er durch einen Zufall daran verhindert wurde. Poljakow sei auf die Geheimpolizei vorgeladen worden, die eine Untersuchung über die Angelegenheit eingeleitet habe. Die Semschtschina hat ein altes Gesetz ausfindig gemacht, welches den Juden den Besitz anderer als jüdischer Druckereien verbietet. Das Blatt fordert die strenge Handhabung dieses Gesetzes. Den Juden soll u. a. auch verboten werden, Zeitungen in russischer Sprache herauszugeben. In Petersburg wurden massenhaft Proklamationen verbreitet, die drei Abbildungen von „Ritualmorden" und die Bilder der „von den Juden zu religiösen Zwecken ermordeten christlichen Kinder'* enthielten. Neue Ausweisungen Aus Porietsche, Gouvernement Smolensk, wurden sämtliche jüdischen Handwerker, Dentisten und Pharmazeute, die angeblich, ihren Beruf nicht ausüben, ausgewiesen. Unter andern wurde auch über den lokalen Rabbiner die Ausweisung verfügt. Der Generalgouverneur von Wladiwostok hat an die ihn; unterstehenden Behörden ein Rundschreiben versandt, in welchem sie angewiesen werden, das Wohnrecht der Juden in ihren bezüglichen Distrikten einer strengen Prüfung zu unterziehen. Infolge dieser Verordnung begann hier überall die famose „Wohnrechtsrevision" mit ihren üblichen Begleiterscheinungen. In Kiew kommen die nächtlichen Jagdhetzeu auf wohnrechtslose Juden immer mehr in Schwung. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni wurden bei derartigen Hausdurchsuchungen in jüdischen Wohnungen 11 wohnrechtslose Juden festgenommen und darauf per Schub nach ihrer Heimat abgeschoben. Diese Art der Fahndung auf wohnrechtslose Juden, die eine Erfindung der Kiewer Behörden ist, findet in der letzten Zeit immer größere Verbreitung in den weiten Gauen Rußlands und ist bereits von der Peripherie aus nach dem Zentrum des Reiches gelangt. Russische Staatsweisheit Am 14. Juni wurde in Petersburg der Kongreß für Bibliothek wesen unter dem Vorsitz des gewesenen Ministers für Volksauf klärung Graf Tolstoi eröffnet. An den Verhandlungen des Kon gresses nehmen 260 Vertreter verschiedener Bibliotheken, vornehmlich städtischer, kommunaler und akademischer, Teil. Das vorbereitende Komitee des Kongresses hatte sich an Stolypin mit der Bitte gewandt, jüdischen Delegierten, die durch ihre Erfahrung um Sachkenntnis dem Kongresse großen Nutzen bringen könnten, für die Dauer des Kongresses das Aufenthaltsrecht in Petersburg zu gewähren. Dieses Gesuch wurde aber abschlägig be schieden. Ausweisung eines jüdischen Advokaten aus Smolensk Advokat Israelitan, eines der angesehensten und geachtetsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Smolensk, der sich um die öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinde und um die Propagierung der national-jüdischen Idee große Verdienste gemacht hat, wurde dieser Tage aus Smolensk, wo er mehr als 30 Jahre verlebte, ausgewiesen. Als Grund für die Ausweisung wurde offiziell sein Eintreten für ausgewiesene Juden angegeben.