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Die Welt · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 25 DIE^ELT 585 Bedauerlich ist es aber, daß auch den Verhandlungen des Gemeindetages keinerlei Bedeutung zukommt. Das war keine Vertretung der Gemeinden, da nur von den ganz kleinen Gemeinden namentlich im hessischen Gebiet und dann vielleicht noch von einigen wenigen mitteldeutschen Mittelgemeinden wirkliche Gemeindevertreter erschienen waren. Aber nachdem man wochenlang in allen liberalen jüdischen Blättern bereits Probe geschossen hatte, wie man die Orthodoxie und den Zionismus in die Pfanne hauen werde, nachdem man in einer Provinz bereits ad Itoc vor einiger Zeit einen eignen Zweckverband geschaffen hatte, da wurde schließlich nach so heftigen Debatten der Gegenstand, wegen dessen der außerordentliche Gemeindetag überhaupt einberufen war, zu weiterer Vorberatung einer fünfzehngliedrigen Kommission überwiesen. Daß dieser Vertagungsbeschluß nicht einfach angenommen wurde, sondern eine so große Mehrheit von 470 gegen 325 Stimmen fand, ist freilich nicht allein auf die Kraft der zionistischen icnd der orthodoxen Partei zu setzen, sondern ein großer Teil des Verdienstes daran kommt doch jenem genannten Landtagsabgeordneten Dr. Cohn zu, der durch seine Rede, ebenso sehr durch ihren Inihalt wie durch ihre Form, viele echtliberale Mitglieder des GemeinrJetags veranlaßt hat, entgegen ihrer frühern Absicht für die Vertag« itg zu stimmen. Man hat also gearbeitet, und zwar so fleißig gearbeitet, daß sogar der Sabbat dieser fleißigen Arbeit keinen Einlalt getan hatte. Man hat agitiert. Man hat vorbereitet. Man hat Probe geschossen. Und als der Herzog in Gestalt einer neuen Organisation hätte erscheinen sollen, da hatte man das Pulver von der Pfanne längst verschossen. Wir sind nun in Berlin nicht mehr hinter dem kleinen freundlichen und reinlichen, schönen und gastlichen Städtchen in Schwaben zurück. Der Gemeindetag ist eben ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Eia.m-Mabbit. Die vierte ordentliche Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Deutschland fand am 7. und 8. JunHn Berlin statt. Der Vorsitzende Dr. Guttmann, Breslau, eröffnete die won ca. 90 Mitgliedern besuchte Versammlung. Er gab zunächst dem Bedauern Ausdruck, daß Professor May bäum mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand das Amt des Vorsitzenden niedergelegt habe. Sodann gedachte er der Verluste, die der Verband :s<eit der letzten Generalversammlung durch den Tod erlitten habe. Der Zusammentritt der vierten Generalversammlung sei verzögert worden durch die Schwierigkeiten, welche die Vorbereitung des Organisationsgesetzentwtirfs für die jüdischen Gemeinden Deutschlands, der den wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung bildet, im Zentralausschuß bereitete. Nach Darlegung der hierbei in Betriebt kommenden Gesichtspunkte sprach er dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und dem Verband der deutschen Juden den Dank für Ilire hingebende Tätigkeit zur Schaffung eines Organisationsgesetzes a_us. In seinem weiteren Bericht berührt der Vorsitzende noch di»e Schächtfrage, den Entwurf eines Versicherungsgesetzes für Privateamte und den Verband der jüdischen Jugendvereine. Nach Erstattung des Kassenberichtes durch Dr. Werner-München nimmt Herr Di. Rosen thal- Breslau das Wort zu seinem Vortrag: „Was war, was ist und was soll der Rabbiner sein?" Es folgt nunmehr als wichtigster Punkt der Tagesordnung die Beratung über den Orgam isationsentwurf. Hierzu spricht als erster Referent Dr. Esc hei l>a eher-Berlin. Wir nehmen — so führt der Redner aus — zum beiliegenden Gesetzentwurf eine Oppositionsstellung ein. Wir erstieben dieselben gesetzlich festgestellten Rechte, die die katholischem und evangelischen Geistlichen haben; nicht um unseretwillen, sondern zum Heile des Judentums. Deshalb legt der Zentral ausschuß des Rabbinerverbandes der Versammlung zu 27 und 28 des Organisationsentwurfs folgende Resolution vor: „Für alle Beschlüsse über religiöse Angelegenheiten, insbesondere für etwaige Änderungen in Kultus, Ritus und Religionsunterricht, ist die Übereinstimmung der Gemeindebehörden und des Rabbiners erforderlich." Als Korreferent nimmt Dr. Vogelstein-Stettin das Wort und begründet eingehend obige Resolution. In ähnlichem Sinne spricht Dr. Ja tob-Dortmund. Kopfstein-Beuthen wendet sich gegen das sogenannte „suspensive Veto". Der Rabbiner darf nicht die Entscheidungüber religiöse Angelegenheiten ganz in die Hände der Laien legen. Werner weist auf die Verhältnisse in Bayern hin. Dort steh t dem Rabbiner das Vetorecht zu, und jedermann ist damit zufrieden. Nachdem noch Frank-Köln, Neumark-Duisburg und Dr, Seligmann- Frankfurt u. a, gesprochen haben, wird über die Resolution namentlich abgestimmt. Sie wird mit 49 gegen 31 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen angenommen. Am zweiten Verhandln ngstage wurde über eine Anzahl weiterer Paragraphen des Organisationsentwurfs, die die Aufgabe und Stellung des Rabbiners, die Regelung des Religionsunterrichts usw. zum Gegenstand haben, verhandelt. Der Rest der Sitzung wird durch Anträge auf Abänderung einiger Verbandssatzungen ausgefüllt. Eine Reihe von Wünschen und Anträgen wird dem neugewählten Zentralausschuß übertragen. Der Vorsitzende schließt die Verhandlungen mit einer Ansprache, in der er seiner Befriedigung über den ganzen Verlauf der Versammlung Ausdruck gibt. * Wir erhalten folgende Zuschrift: In der Tagung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes vom 11. Juni d. J. hat Herr Senator Fischer erklärt, die Gemeinde Walsrode habe bei ihm Protest dagegen erhoben, daß der von ihr mit der Vertretung beauftragte Unterzeichnete der Opposition gegen die Statutenänderung sich angeschlossen habe, sie betrachte das als einen Mißbrauch des Mandates. Nach einem mir zugegangenen Schreiben des Vorstehers der Synagogengemeinde Walsrode, des Herrn Richard Seckel, ist jene Erklärung des Herrn Senator Fischer unwahr. Nach diesem Brief hat Herr Senator Fischer am Sitzungstage morgens den Vorsteher angeklingelt und ihm erklärt, daß ich gegen den Gemeindebund, von dem die Gerneinde Beihilfe erhalte, „zionistisch" agitiere. Der Vorsteher, Herr Seckel, hat darauf erwiedert, daß er davon nichts wisse und das nicht billigen würde. Er hat die ihm empfohlene Annullierung des Mandates abgelehnt und Herrn Senator Fischer lediglich ermächtigt, zu erklären, daß, wenn ich gegen den Gerneindebund zionistisch agitiere, ich nicht im Sinne meiner Auftraggeber handele. Es waren danach sowohl die Mitteilungen, die Herr Senator Fischer dem Herrn Vorsteher Seckel gegenüber, als die er in der Versammlung des Gemeindebundes gemacht hat unwahr. Hochachtungsvoll! Sammy Gronemann, Rechtsanwalt. Brief aus Saloniki (Von unserrn Berichterstatter) Einige Mitglieder des hiesigen Vereins „Makkabi", die das Ziel verfolgen, innerhalb der jüdischen Bevölkerung unserer Stadt Verständnis für jüdische Gegenwartsfragen wachzurufen und das nationale Empfinden zu kräftigen, haben es unternommen, eine Reihe monatlich erscheinender Broschüren über aktuelle Fragen des jüdischen Lebens herauszugeben. Diese Sammlung trägt den Namen „Bibliothek der jüdischen Familie". Bisher sind zwei Hefte erschienen. „In diesen Veröffentlichungen", — heißt es im Vorwort, zum ersten Heft, — „werden unsere Brüder einen kleinen Ausschnitt aus dem intellektuellen und moralischen Leben des jüdischen Volkes in der Gegenwart finden." Das erste Heft enthält einen unlängst von Herrn Mercado Covo im „Makkabi" gehaltenen Vortrag über „Die Juden als Soldaten im Laufe der Jahrhunderte". Der Verfasser weist an der Hand geschichtlicher Tatsachen aus verschiedenen Epochen nach, daß der heldenmütige Geist der Makkabäer allezeit und auch heute noch unter den Juden lebendig sei. Die Tapferkeit und der Heldensinn des jüdischen Volkes werden in dieser Broschüre nach Gebühr gewürdigt. Das zweite Heft bietet eine gedrängte Übersicht über die Geschichte und das gegenwärtige Leben der Juden in Rußland. Es zerfällt — nach einer kurzen Einleitung, die das historische Material enthält — in folgende fünf Teile: 1. Die Jüdische Bevölkerung. 2. Jüdische Arbeiter. 3. Jüdische landwirtschaftliche Kolonien. 4. Handel und Industrie. 5. Militärdienst. Jeder dieser fünf Teile ist von höchst interessanten und lehrreichen statistischen Tabellen begleitet, die den Inhalt der einzelnen Abschnitte wirkungsvoll illustrieren. Man sieht in hiesigen jüdischen Kreisen dem Erscheinen der weitern Hefte dieser vortrefflichen Sammlung mit großem Interesse entgegen. Die jüdische Gemeinde von Saloniki überreichte Sr. Majesiät dem Sultan bei seiner jüngsten Anwesenheit in unserer Stadt eine auf einer Pergamentrolle geschriebene, mit verschwenderischer Pracht ausgestattete Huldigungsadresse. Die Adresse enthält eine Stelle, die es mit Rücksicht auf das berüchtigte Telegramm an den Großwezier (worin die Notabein der hiesigen jüdischen Gemeinde sich gegen den Verdacht, Anhänger des Zionismus zu sein, verwahrten), wohl verdient, hier wörtlich angeführt zu werden. Die betreffende Stelle lautet: „Wir schätzen uns glücklich, Ew. Majestät versichern zu können, daß es in Ihrem ganzen Reiche keinen einzigen Juden gibt, der das ottomanische Vaterland nicht mit ganzer Seele liebte . . Alie Glieder unserer Nation sind bemüht, die Entwicklung des ottomanischen Reichs nach Kräften zu fördern . . . Geruhen Ew. Majestät den Ausdruck unserer treuen Anhänglichkeit entgegenzunehmen, den wir nicht als die Kundgebung einer Gruppe oder eines Teiles der Bevölkerung anzusehen bitten, sondern als das aufrichtige und tiefgefühlte Bekenntnis sämtlicher Glieder unserer Gemeinschaft, deren Gefühle zu verdolmetschen wir uns zur

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