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Die Welt · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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584 DIE3aKELT Ng. 25 wurde zum Vorort wiederum Zürich gewählt, und zwar mit Dr. Felix Pinkus als Präsident, Dr. D. Strauss, Vizepräsident und Kassierer, D. Dobranicki, Aktuar. Zu weitern Mitgliedern des Landeskomitees wurden bestimmt: Dr. C. Levy-Biel, Moritz Levy-Liestal, Dr. Bamb erger- Basel, Direktor Bloch-Lausanne. Aus dem Bericht des Vorortes ist eine Zunahme der Mitgliederzahl in den Ortsgruppen zu konstatieren, die wohl nicht zum wenigsten auf den nahenden Kongreß zurückzuführen ist. Die Schweiz wird mit 5 Delegierten auf demselben vertreten sein. Für den Nationalfonds wurden im Berichtsjahr über 1800 Frcs, abgeliefert. Besonders hervorgehoben muß wiederum die Leistung des vom Telephonchef Moritz Levy-Liestal geleiteten Shareclub werden, der regelmäßig und in immer steigenderem Maße für den Verkauf von Aktien sorgt Der Delegiertentag wurde von dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde Baden, Herrn Guggenheim, willkommen geheißen und aufs freundlichste begrüßt. Bulgarien Rustschuk. Nach jahrzehntelangen Bemühungen ist es im Januar d. J. den hiesigen Zionisten endlich gelungen, bei den Wahlen für den Kultusvorstand der sephardischen Gemeinde mit einer aus sechs organisierten Zionisten und fünf Neutralen bestehenden Liste durchzudringen. Dies erregte natürlich den Unwillen der Kahalclique, die nicht allein so lange intrigierte, bis die fünf Neutralen demissionierten, sondern auch erwirkte, daß das Kultusministerium den zionistischen Kultusvorstand auflöste und eine ausschließlich aus Mitgliedern der Kahalgrößen bestehende Kommission zur Verwaltung der Gemeinde ernannte. Diese den Landesgesetzen und -Gebräuchen ins Gesicht schlagende Entscheidung erregte, wie nicht anders zu erwarten war, den Unwillen der jüdischen Volksmassen, und bei einem am 4. Juni stattgefundenen Meeting wurde von den anwesenden 500 Steuerzahlern beschlossen, vom Ministerpräsidenten und Minister für Kultus, Geschoff, die Revozierung der Auflösung des Gemeindevorstandes zu verlangen. Diese Resolution wurde sofort nach Sofia telegraphiert und hatte erfreulicherweise das Resultat, daß das Auflösungsdekret provisorisch aufgehoben und eine Untersuchung der Angelegenheit durch den hiesigen Präfekten angeordnet wurde. Berliner Brief Gemeindetag und Rabbinertagung Weit hinten im Schwabenlande liegt ein freundliches Städtchen, Hornberg genannt. So klein es ist, so bekannt ist sein Name in deutschen Landen. Als einst ein Herzog von Schwaben durchs Land reiste und man in Hornberg erwarten durfte, daß seine Herzogliche Durchlaucht das freundliche und gastfreundliche Städtchen mit seiner hohen Anwesenheit beehren wolle, da wurde im hohen Rate selbiger schwäbischen Stadt beschlossen, zu Ehren des Herzogs ein großes Schießen, ein allgemeines Wettschießen zu veranstalten. Und damit man dem hohen Gaste auch zeigen könnte, was man leiste, wurde so fleißig geübt, daß die Hornberger bereits all ihr Pulver „zur Probe"" verschossen hatten, als der Herzog kam. So geschah es, daß man beim Hornberger Schießen zwar Gewehre die große Menge sah, aber daß kein Knall gehört und kein Pulverdampf gesehen wurde. Diese Tat hat das freundliche Schwabenstädtchen im deutschen Sprichwort unsterblich gemacht. Man kann es daher verstehen, wenn die Hornberger Lorbeeren den hohen Rat jener Organisation nicht ruhen ließen, die dazu bestimmt sein sollte, den deutschen Juden eine Organisation zu geben. Darum hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebund seinen zwölften außerordentlichen Gemeindetag nach Berlin einberufen und hat so viel vorher üben lassen, daß das Pulver der Diskussion und der Beschlüsse längst verschossen sein mußte, ehe die Abgeordneten der Gemeinden sich in Berlin zusammenfinden konnten. Der hohe Herr, dem das Schießen gelten sollte, war der Herzog uiter den Organisationen, war der noch in der Ferne befindliche Plan einer wirklichen Gesamtorganisation der deutschen Juden, mit dem Wunsche, wenigstens für Preußen ein neues modernes Judengesetz zu bekommen. Aber der Weg, den der Vorstand des D. I. G. B. zu seinem durchaus löblichen Vorhaben einschlägt, ist ein durchaus verkehrter. Es ist daher kein Wunder, daß, so lange er diesen Weg geht, sich kein anderes Resultat erwarten läßt als bei seinem Vorbilde in Schwaben. Der Weg, der von den jüdischen Großgemeinden oder vielmehr deren plutokratischen Vorständen vorgezeichnet worden, besteht darin, daß man den mittleren Gemeinden das Stimmrecht völlig zum größten Teil, den kleinen Gemeinden nehmen will. Das ist nichts Neues in der Geschichte des D. I. G. B. Man braucht sich nur der Rippnerschen Artikel in der gewiß nicht nationaljüdischen, zionistischen oder orthodoxen Rahnerschen „Israelitischen Wochenschrift" unter der bezeichnenden Überschrift „Schweigen Sie!" zu erinnern, um zu wissen, daß schon vor mehr als zwei Jahrzehnten von den Vertretern der Großgemeinden eine gleiche Politik der Entrechtung der kleinen und mittleren Gemeinden als auch der Vertreter des Rabbinerstandes beabsichtigt war. Das geschieht nicht aus bösem Willen. Die Herren glauben wirklich, damit ihr Bestes zu leisten zugunsten der Gesamtorganisation der deutschen Juden. Aber der Weg ist ein verkehrter. Denn eine Gesamtorganisation ist nur auf Grundlage demokratischer Wahlen möglich. Und solche demokratischen Wahlen finden vielleicht jetzt zum Teil wenigstens in den kleinen Gemeinden statt. In den großen Gemeinden dagegen ernennt der autokratische Vorstand einfach die Mitglieder des Gemeindetages aus den Anhängern der herrschenden Partei, ohne daß die nach Zehntausenden zählenden Minoritäten auch nur als vorhanden betrachtet würden. Daher der Widerstand gegen diese Art, eine Gesamtorganisation herbeizuführen, die statt dessen zu einer Alleinherrschaft der in Berlin und Frankfurt am Main regierenden Partei einer gemäßigten Halbassimilation führen mutt und nach der Absicht ihrer Initiatoren auch führen soll. Die so grundverschiedenen Parteien der äußersten Orthodoxie, der gemäßigten Mittelpartei und der Zionisten wurden durch die Verteidigung gegen diese Entrechtung zusammengeführt, obgleich die Hyperorthodoxie keinen Augenblick darüber im Zweifel ließ, daß sie nach wie vor in allen andern Fragen und bei allen andern Gelegenheiten den Zionismus wie bisher aufs schärfste bekämpfen werde, und obwohl auch der Zionismus durch den Mund seines offiziellen Redners Dr. Klee zu verstehen gab, daß ihm die grundsätzlichen Unterschiede gegenüber dieser jüdischen „Rechtgläubigkeit" bewußt geworden sind. Nur die Verteidigung gegen die geplante Entrechtung führte beide gemeinsam auf den Plan. Aber die Zionisten traten als geschlossene Gruppe offen auf und eroberten sich dadurch den Respekt beider Gruppen von rechts und links. Sie waren im Präsidium ebenso wie in den Kommissionen offiziell vertreten und haben in die zum Schlüsse gewählte Kommission ebenfalls ihre Vertreter, und nicht die schlechtesten oder die wenigsten, entsandt. Die Diskussion nahm zuweilen recht eigentümliche Formen an, Dazu trug besonders der aufstrebende Landtagsabgeordnete von Anhalt Dr. Cohn bei, der im Gegensatz zu seinem frühern Dessauer Liebäugeln diesmal den Zionismus in einem Tone angriff, von dem die höfliche Sachlichkeit des zionistischen Gegenredners wohltuend abstach. Vor den anhaltischen Wahlen sprach er anders und, da er ein geschickter Politiker sein will, so wird er vor den nächsten Wahlen auch wohl wieder zu einer andern Überzeugung kommen müssen. Daß ihm dabei mit dem Mandat der Ballenstedter jüdischen Gemeinde ein grober taktischer Mißgriff passierte, zeigt immerhin, daß er als Politiker nicht gerade v/eitsichtig ist. Aber in bonis voluisse sat est: ins Politische übersetzt: man kann auch einmal recht ungeschickt sein, wenn man sich gleichzeitig auch rednerisch recht geschickt zeigt. Aber wir sind noch weit davon entfernt, in Preußen für die große Judenschaft ein modernes Judengesetz zu bekommen, wie es in Sachsen trotz des Antisemitismus die kleine Judenschaft bereits bekommen hat. Schuld ist zum großen Teile der einseitige Parteigeist jener Gruppe, die sich liberal nennt und einen Horror vor wirklich demokratischem Gefüge hat. Im Zusammenhang mit dem Gemeindetag tagte der Deutsche Rabbinerverband. Die Versammlungen der deutschen Rabbiner sind nur einmal interessant gewesen. Das war in den Zeiten, wo der Rabbinerverband glaubte, den Zionismus in den großen Bann legen zu müssen. Zwar waren auch damals keine großen Männer auf den Rabbinertagen, aber die große und gewaltige Volkssache, die sie zu bekämpfen sich anheischig machten, gab dem Rabbinertage eine Folie, die ihm sonst nicht zukam. Seitdem der Zionismus über den Rabbinertag zur Tagesordnung hinweggegangen ist und damit diesen gezwungen hat, ihn vorsichtshalber von seiner Tagesordnung abzusetzen, ist diese recht arm geworden. Sie hat wieder alles Interesse verloren. Sicher war das Referat, wie man für die Juden in den Gefängnissen geistig und noch mehr geistlich zu sorgen hat, von Wert, aber der Gegenstand ist zu klein, zu unbedeutend, als daß man ihn sieht. Der Rabbinertag ist seit dem Aufhören des Rabbinerprotestes, d. h. des modernen großen Cherems wieder in der Versenkung verschwunden, aus der er einmal aufgetaucht war. Neben den Verhandlungen des Gemeindetages waren die Besprechungen auf der Rabbinerkonferenz ganz unwesentlich.

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