Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316486--54661-3348458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 25 ., ' DIE2 Zur Finanzfrage Ich kann mich der Meinung, daß der in Nr. 22 gemachte Vorschlag zur Aufnahme einer Anleihe von 2000000 Mk. zwecksSchaffung eines Organisationsfonds ein sehr glücklicher ist, nicht anschließen. Herr Dr.-Pinkus stimmt auch nur sehr vorsichtig zu: „Vorausgesetzt, daß sich die Zeichner finden." Gegen diese Voraussetzung sprechen aber so ziemlich alle unsere bisherigen Erfahrungen. Der Leitung würde mit der Annahme eines solchen Vorschlages überflüssigerweise eine doppelt schwere Last aufgebürdet werden. Sie müßte erstens für Plazierung der Anleihe sorgen und könnte zweitens dann erst recht nicht auf eine ständige sichere Einnahmequelle verzichten, um den Dienst der Anleihe aufrechtzuerhalten. Es ist also zunächst sehr zweifelhaft, ob die Aufnahme einer solchen Anleihe gelingen würde'; würde sie aber gelingen, so würden sicherlich die Jahresbeiträge und damit der Fonds für den Dienst der Anleihe ganz versiegen. Der erwähnte Vorschlag enthält allerdings eine Grundforderung, der unbedingt zuzustimmen ist. Der Leitung muß ein Fonds zur Verfügung stehen, aus dem sie auf sichere und regelmäßige Einnahmen rechnen kann. Nun scheint mir, daß unsere finanziellen (vielleicht auch moralischen) Kräfte zurzeit für die Schaffung eines wirklichen Fonds nicht ausreichen. Wir müßten uns daher begnügen, uns das Analopon eines solchen Fonds zu schaffen. Im Nationalfonds besitzen wir ein Instrument, weiches uns sichere und, wie wir annehmen dürfen, mit der Zeit immer weiter steigende Einnahmen liefert. Würden wir uns daher entschließen, den Nationalfonds zu besteuern, so hätte die Leitung denjenigen sichern Organisationsfonds, dessen sie dringend bedarf. Ich behaupte, daß der N. F. bei zweckentsprechender Inangriffnahme der Angelegenheit keinen Schaden erleiden würde. Zunächst könnte die Einrichtung der Jahresbeiträge, soweit sich Zeichner finden, weiter bestehen bleiben. Die Einnahmen hieraus sollen jedoch direkt dem N. F. zufließen. Dann aber soll es jedem Zionisten zur Pflicht gemacht werden, die Steuer, die auf den N. F. gelegt wird, selbst zu tragen. Ich glaube, daß sich auf diesem Wege auf einen Erfolg rechnen läßt. Die Haupteinnahmequelle des N. F. sind die kleinen Gaben. Hier läßt sich leicht hahin wirken, daß jeder Zionist es sich zur Gewohnheit macht, zu der beabsichtigten Gabe für den N. F. jedesmal die wenigen Pfennige für den Organisationsfonds noch hinzuzufügen, die ausreichen würden, daß der N. F. in Wirklichkeit nicht geschmälert wird. Ich glaube sogar mit der Annahme nicht fehl zugehen, daß der Eifer, der bei Sammlern und Spendern Platz greifen würde, den N. F. durch die neue Maßregel nicht geschmälert zu sehen, dazu beitragen wird, daß der N. F., so parodox es auch klingen mag, von der Besteuerung sogar profitiert. Ich glaube nicht, daß wir uns eine Gewissenspein daraus jCE LT 579 □ adien müssen, uns des Nationalfonds als Mittel zu bedienen. Hier ist Nüttel zugleich auch Zweck. Denn eine ordentlich funktionierende Organisation ist zugleich nicht nur Mittel für das Gedeihen, sondern natürlich Lebensbedingung des Nationalfonds. Dr. Oscar Nacht, Berlin. Der vom Gg. Dr. Felix Pinkus abgeänderte Vorschlag des Gg. Gustav Finzi zur Schaffung eines Aktionsfonds, dessen Zinsen dem E. A. C. zur Verfügung stehen sollen, ist in der Tat geeignet, die Finanzen der Organisation auf eine gesunde Basis zu stellen. Die Realisierbarkeit dieser „innern Anleihe" würde ganz erheblich erlekhtert werden, wenn von vornherein die Bestimmung aufgenommen würde, daß die Gelder des A. F. zu Kolonisationszwecken Verwendung finden sollen. Ich denke, daß wir mit Hilfe der A. P. C. die Gelder werbend, aber trotzdem sicher in Palästina anlegen und eine gute Verzinsung erzielen können. Wenn z. B. einer Häuserbaugenossenschaft der Bodenwert und ein Teil der Baugelder, oder einer landwirtschaftlichen Genossenschaft der Bodenwert mit möglichster Vorsicht aus diesem Fonds geliehen würde, so würde das Kapital beim hohen palästinensischen Zinsfuß nicht nur gute Zinsen tragen, sondern zugleich den Jischuw iordern und für den Jischuw weiter werben. Das Bewußtsein, daß das Geld produktiv in Palästina arbeitet, würde jedem Gesinnungsgenossen das Opfer leicht machen und auch solche Gesinnungsgenossen zur Übernahme von Anteilen werarilassen, die sonst für die Organisation nichts geben würden. Die Schaffung eines Fonds könnte vielleicht als Vorarbeit Rir den kommenden Agrarkreditfonds aufgefaßt und darf nicht hinausgeschoben werden. Der X. Kongreß muß diesen Aktionsfonds schaffen, wie der IX. die Siedlungsgenossenschaft geschaffen hat. Was die Tilgung der schwebenden Schuld des E. A. C. anbetrifft", so kann diese nicht mit einem Male, sondern erst nach und nach geschehen, vielleicht in einem Zeitraum der ersten zehn Jahre. Ob hierzu der von opferfreudigen Gesinnungsgenossen auf Vorschlag unseres Präsidenten geschaffene Organisationsfonds, oder ob eine den Aufsichtsratsmitgliedern des I. C. T. auszusetzende Tantieme, welche die Herren dem E. A. C. zur Verfügung stellen würden, oder □I) ein Teil der Zinsen des A. F. Verwendung finden soll, wird bei näherer Beratung des Vorschlages Finzi in einer zu diesem Zwecke einzusetzenden Kommission festzusetzen sein. Nicht ratsam wäre es, m. E. die Institutionen zu besteuern oder gar ältere Bankdividenden für verfallen zu erklären. Die Schwere dieser Aufgabe darf uns nicht zurückhalten an deren Lösung mit aller Energie heranzugehen. Von der Schaffung einer gesicherten Einnahmequelle für das E. A. C. und der intensiven iolonisatorischen Tätigkeit hängt unsere größere Aufgabe ab, die Schaffung einer Heimat für ein zu schaffendes Volk. Dr. A. Chwolles, Hamburg. t ( □□□□□□ xs=^= FEUILLETON DIASPORAEINHEIT (Von der Kontinuität des jii (fischen Seelen wollens*) □ □□□ SD Das Wort „Diaspora" birgt das Grauen in sich, das Grauen vor der Zerrissenheit. Nebelhafte Zerrissenheit, wirres Flackern eines Volkslebens, gespenstisches Vorbeihuschen , Aufflammen und Verlöschen eines Nationsdaseins, niemals Vollheit und Kontinuität, stets Zufall und Augenblickswesen, das ist das Bild der Diaspora; ein nie bleibendes, stets zerfließendes Bild eines Volksvegetierens, grauenerregend. Und die bange Frage: „Was ist der Sinn?" wird übertäubt durch den Schreck der Sinne. Das Grauen läßt die Hand zögern und zagen, die mit festem Griff das wandelnde Gespenst „Diaspora" packte und rief: „Was für ein Wesen bist du?" Es gehört Mut dazu, Lebensmut. Den bringt nur der Jude auf, der in der Diaspora die Diaspora vergessen, sich aus *) Dr. Daniel Pasmanik: Die Seele Israels. (Zur Psychologie des Diasporajudentums.) Jüdischer Verlag Köln u. Leipzig. 1911. ihr hinausdenken kann. Und das Wesen der Diaspora zu ergründen, wagten bisher nur die, welche über die Diispora hinaus das Judentum als Wesen, und die Diaspora nur als Phänomen des Judentums, nicht als Judentum •erkannten und erfühlten. Das Wunder geschah: Das •Gespenst ward ihnen ein lebendes Wesen. Ihnen enthüllte sich das Wesen jenes wesenlosen. «Gespenstes zuerst rein körperlich. Die zufälligen Belegungen, das „irrlichtelierende" Zucken und Wirren «Ler Diaspora, die unzusammenhängenden Ereignisse •ordneten sich dem mutigen Schauenden zu einem wohlgesetzten Weg, einer notwendigen Bewegung, einer geschlossenen Kette des Geschehens. Die Erscheinung •der Diaspora war gelöst als eine natürliche Reihe von Erscheinungen. So war zunächst die scheinbar zusammenhanglose Bewegung des Gespenstes erklärt; aber das 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.