Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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580 DIEX^ELT No. 25 Bewegende, die Triebkraft der Bewegung, der Geist und Sinn der Diaspora blieb noch unergründet. In dem notwendig geregelten Ablauf der Erscheinungen ist nicht restlos alles das enthalten, was Diaspora heißt; es bleibt ein Rest, der in Anfang und Ende über die Diaspora des Judentums hinausgeht. Jene geschlossene Kette, mag man sie nun „Ausfüllen der Wirtschaftslücken" oder anders nennen, haftet in ihrem Anfang nicht an einem sichtbar körperlichen Stützpunkt, kann sich nicfrt endlos hinziehen, ohne durchbrochen zu werden, ja sie wird eben jetzt sichtbarlich durchbrochen — und die Diaspora besteht, das Judentum existiert. „Warum? Wohin?" Zwei Fragen sind es, welche alles, was an dem grauenvollen Rätsel der Diaspora gelöst war, immer wieder verdunkeln. „Was ist der Sinn?" Die bange Frage besteht noch. Und sie faßt alles, was über die Diaspora hinausgeht vor ihr, in ihr und nach ihr und ordnet die Diaspora ein in den Prozeß des Judentums. Um sie zu lösen, muß im Ablauf der Erscheinungen das Dauernde, Verbindende gesucht werden. Dieses liegt nicht in den Erscheinungen selbst, die wir Diaspora nennen, aber es bildet sie; es ist nicht das Gesetzmäßige der Erscheinungen, sondern sozusagen ihr Bewußtsein, das in seiner Veränderung die Erscheinungen wirkt. Dieses Bewegende finden, heißt die Diaspora über sich selbst hinausführen,—und der letzteRest des Grauens schwindet. So mag wohl jenes Buch entstanden sein, das jüngst erschien, aus dessen einfach-vornehmem Umschlage rote Lettern die Worte „Die Seele Israels" leuchten. Nur in der „Seele Israels" kann der Sinn der Diaspora liegen, der ihr zufälliges, vielspaltiges Wesen zur Einheit formt, ihre Geschichte aus dem Geschehen erst zur Geschichte macht, jene Geschichte, deren ewige Passivität unbegreiflich wäre, und dazu drängt, zu ergründen, was das Aktive sei, das in dieser Geschichte liegt und sie bildet. Das sonderbare Wesen einer 2000jährigen Geschichtspassivität — nein, Passivgeschichte eines Volkes läßt sich nicht mehr aus einem gewissermaßen körperlichen Grund erklären; denn eine Lebensfunktion der Passivität ist ein Nonsens. Dieses Geschehenlassen, diese zerfahrenen Zufälligkeiten sind abhängig von einem aktiven Wollen, das sie hervorruft und zwecksetzend ist für alles äußere Geschehen. Die Kontinuität dieses Wollens ist die Einheit der Diaspora, welche die Diaspora aus sich führt, so wie sie die Diaspora gebildet hat. Wie sie wurde, wie sie sich äußerte, wohin sie führt, — nur eine Seelenanalyse des Judentums kann es klar zeigen und diese versuchte Pasmanik in seinem neuen Buche. Das Buch ist, wie der Autor selbst sagt, eine Skizze und muß auch als solche gewertet werden. Ich glaube, es ist schwer, sehr schwer, bei der Analyse von verborgen wirkenden Seelenwerten vor allem für sie den Ausdruck, das Wort zu finden; und oft muß der Leser nachfühlen, was der Autor fühlte. Jedes Wort erhält seine eigene, gefühlsmäßige Bedeutung; es erhebt sich aus seinem gewöhnlichen Sinn. Und je weniger Worte sprechen, desto klarer wird der Sinn bei solcher Analyse. Pasmanik sagt wenig Worte, er läßt den Sinn sprechen und das ist der Wert seiner Skizze. Der Leser empfängt ein schlankes, geradliniges Gebäude und, wer lesen kann, ziert das Innere dieses Baues aus mit dem, was er selbst zu fühlen vermag. Das ist der subjektive Wert dieses Buches: wenn man es liest, spricht man davon mit sich, man analysiert sich selbst, sein eigenes Judentum, die eigene Diaspora; man erlebt in dem Buche ein neues Buch.— Und dieser subjektive Wert schafft die objektive Wertung dieses Buches. Sie liegt auf der Linie des „Subjektivontologischen", wie es Pasmanik nennt. Ihm ist die Diaspora eine von.unserm Wollen des Absoluten bedingte Erscheinung. Dieses Wollen des Absoluten ist eben hervorgerufen durch das Bewußtsein der Juden von der Kraft ihrer absoluten Werte, die sie geschaffen hatten, ehe die Katastrophe über das Volk hereinbrach. Diese Werte, die sich äußerlich betrachtet, in der Religion manifestieren würden, innerlich aber weit über das hinausgehen, was Religion heißt; diese sozialen Lebenswerte waren so stark, daß sie das Judentum mit dem lebendigen Bewußtsein erfüllen mußten, diese Werte bald wieder leben zu können, leben zu müssen. So kämpfte das Judentum gegen den Tod für ein absolutes Zukunftleben, so wurde die Diaspora. Denn um gegen den Tod zu kämpfen mußte das Judentum sich ein angepaßtes Vegetieren schaffen, um die Werte zu erhalten, die Würde aufgeben. Und in dem Auseinanderreißen von Werten und Würde liegt die Tragik des Diasporajudentunis beschlossen. Die Werte wurden in der Diaspora nie entwickelt, nie neu geschaffen, sondern nur stets die bewußten alten Werte konserviert. Daraus schwand die Würde, die den Glauben an die Werte hält, und als die Würde ganz geschwunden war, war auch der Glaube, die stete Unmittelbarkeit der Werte, in der Seele des Judentums geschwunden. Das Gefühl des Fehlens von Würde und der Mangel des Glaubens an die eigenen Werte führte die Diaspora zur Katastrophe, zur Assimilation, dem Veräußern der Werte für neue Würde. Doch die Assimilation zerschellte an der Unmöglichkeit des Schaffens neuer absoluter Eigenwerte. Das absolute Wollen des Judentums war nicht gestillt und kann nur gestillt werden durch die Möglichkeit der Unbedingtheit seiner eigenen, erbeingewurzelten Werte. „Das ist die seelische Disposition", die Pasmanik im Judenleben ersieht, jene Disposition, die aus den Trümmern des heutigen, von der Katastrophe der Diaspora zerschellten Judentums neue Juden entstehen läßt, welche diese Disposition entwickeln wollen, die ihr Erbe ist, seit Jahrtausenden durch die Diaspora hindurch, in ihr, aus ihr. Dieses „natürliche Wollen der Elite" die Ent Scheidung, die unserer „geistig-moralischen Aristokratie" in die Hand gegeben ist, ist für Pasmanik das Wohin .der Diaspora, der Wreg, der unser heutiges „potentielles Judentum" zur Tat führt. Wir haben ein naturererbtes absolutes Wollen. Das absolute jüdische Wollen ist die Einheit der Diaspora und führt über sie hinaus. Das ist der Wert, den Pasmaniks Betrachtung gewonnen hat, der Wert, der seine Analyse der Seele des Diasporajudentums erhebt zu einer Analyse der Judenseele, der Psyche des einzelnen Juden. Ob gerade allein das Konservieren der Werte, um dessentwillen die Würde aufgegeben wurde, wirklich jene furchtbaren Bewegungen und Verheerenden Katastrophen herbeifuhren konnten, die wir Diaspora nennen, ob nicht das Bewegende im Diasporaleben eher die Enträumlichung der Werte, eine erdenlosgerissene Schrankenlosigkeit der Seelenwerte war und daraus eine Entpersönlichung der Würde folgte, ob nicht gerade diese die Assimilation herbeiführte, ob unser Disporaschaffen wirklich nur reflektierend oder manchmal substituierend war, ob nicht trotz der Diaspora ein Schaffen jenseits von ihr vorhanden war, enträumlicht, aber dem