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Die Welt · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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578 DJE3^ELT No. 25 Schmidtschen Resolution sind wiedergewählt. In Prag Altstadt ist Dr. Baxa, der Privatkläger im Hilsnerprozeß, gewählt worden. Bei den Städtewahlen in Galizien war nur in einem Wahlkreis, in Tarnow ein Jiidischnationaler u. zw. Dr. Malz kandidiert worden. Er erhielt hier von 4808 abgegebenen Stimmen 1194. Gewählt erscheint der polnische Demokrat Teitil mit 2596 Stimmen. Als ein interessantes Moment wollen wir festhalten, daß der sozialdemokratische Kandidat in Wien Leopoldstadt, Dr. Fritz Austerlitz, in letzter Stunde Jargonaufrufe an die jüdischen Wähler versandte. Austerlitz ist aus der jüdischen Gemeinschaft schon längst ausgetreten und beschimpft seit Jahren in der „Arbeiterzeitung" das Judentum. Die jüdische Sprache hat er selbst als „Budapester Orpheum" bezeichnet. Bei Wahlen nennt mans anders. Wir Juden haben keine Ursache — abgesehen von den zionistischen Stimmenerfolgen uns, allgemein gewertet, über das Wahlresultat zu freuen. Was die Christlichsozialen verloren, fiel an die Deutschfreiheitlichen, dieReinkultur des von der Assimilation gestützten „vornehmen" Antisemitismus. Das neue Parlament wird kaum etwas gegen die materielle und moralische Judennot in Österreich bedeuten, vielmehr wird es wie das vorangegangene Volkshaus Reaktion in nationaler und wirtschaftlicher Beziehung in Permanenz sein. Sehr erfreulich ist wohl die Beobachtung, der alten Naturerfahrung, die auch in der Politik gilt und die sich an den Christlichsoziälen, der stärksten Gruppe des letzten Hauses, gezeigt hat: Der Blitz schlägt zuerst in die höchsten Wipfel ein. Diese politische Sensation ist aber kein Grund für uns, etwa in Verzückung zu geraten. Denn die Christlichsozialen werden immer noch ein maßgebender Faktor im politischen Leben sein, und was speziell uns Juden betrifft, sei bemerkt, daß die Christlichsozielen im rassenantisemitischen deutschen Nationalverband ebenso treue Bundesgenossen finden werden wie unteT den Antisemiten der anderen nationalen Gruppen. Einer solchen Koalition gegenüber sind die freiheitlichen Parteien des Hauses keine Gewähr gegen reaktionäre Gesetze und Maßregeln. Die Sozialdemokraten mit den edlen Polen mosaischer Konfession, zusammen mit den deutschen Freiheitshelden mosaischer Konfession, mit den freisozialistischen Wilden können uns Juden nicht beruhigen, geschweige denn gar in einen Freudentaumel versetzen. Sollen wir uns damit freuen, daß die Herren Kuranda und Ofner und der Judenstämmling Friedmann, der deutschnationale Renegat Dr. Neu mann, der von den jüdischen Kultusvorstehern Mährens entsendete deutsch-nationale getaufte Professor Redlich und der getaufte deutschnationale Dr. Licht und manch anderer aus dieser edlen Gilde im Hause sitzen werden? Trost und Hoffnung liegt für. uns nur in der fortschreitenden Nationalisierung des Judentums in Österreich, das sich durch eigene Kraft helfen wird. Was sich schon bisher gezeigt hat, kann optimistisch stimmen: im ersten Wahlgang sind in Österreich 9049 jüdischnationale Stimmen abgegeben worden. Dieses Ergebnis beweist, daß schon viel erreicht wurde, daß aber noch viel Arbeit des Nationalvereins harrt. In Galizien wurden arn ersten Wahltag ca. 12000 Stimmen für die jüdisch-nationalen Kandidaten abgegeben. Kongreßdiskussion Sehr geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir, in den Spalten der „Welt" eine Angelegenheit zur Sprache zu bringen, die zwar nur mit ganz formalen Dingen zusammenhängt, an denen man in letzter Zeit eigentlich kaum noch mit gutem Anstand ein Interesse zeigen kann, die aber schließlich doch nicht so ganz unwichtig sein dürfte. Ich meine die Art und Weise, in der auf unsern Kongressen die Beratungen über den Bericht des A. C. und die andern wichtigern Gegenstände der Debatte geführt werden. Wenn unsere Kongresse auch nicht in jeder Beziehung ein jüdisches Volksparlament darstellen, so gehen doch unsere Bestrebungen dahin, daß es sich auch in seinen äußern Formen die guten Parlamente zum Muster nimmt. Man kann aber nicht behaupten, daß diese unsere Bestrebungen bisher viele reife Früchte gezeitigt haben. Sehen Sie sich doch einmal unsere neuen Kongreßprotokolle an! Viele gute Reden, gewiß! Aber wieviel Spreu unter dem Korn! Kaum hat sich die Debatte auf ein höheres Niveau gehoben, kaum kommt man wirklich dazu, auf dem Wege einer ordnungsgemäßen parlamentarischen Debatte eine Sache zu erledigen, — da taucht schon irgendeine ganz unbekannte, ein andermal eine nur allzu bekannte Figur auf, — es wird irgendeine ganz belanglose Rede gehalten, irgendwer oder irgendwas wird kritisiert oder herausgestrichen, der Kongreß wird ungeduldig, es kommen Schlußrufe, Schlußanträge,--die Stimmung ist weg. Diesem Übel wird wohl kaum vollständig abzuhelfen sein. Aber vieles ließe sich doch tun. Überall da, wo sich eine Parteistellung zum Gegenstand der Debatte formulieren läßt, sollten nur die Redner sprechen, die von der ihnen nahestehenden Gruppe zu ihren Wortführern bestimmt worden sind. Wenn dieses Prinzip z. B. bei dem Bericht des Actions-Comites durchgeführt wird, so wird man erreichen, daß in der Debatte die großen Parteien des Kongresses, nennen wir sie Regierungspartei oder Opposition, tatsächlich zu einer sachlichen, nicht persönlichen Auffassung gelangen. Ich würde vorschlagen, daß zu den großen Fragen, die ja durch die Diskussion in unserer Presse jedem Zionisten vertraut geworden sind und deren parlamentarisch-ernste Verhandlung sehr viel zur Bedeutung des Kongresses beitragen kann, nur die von den Landsmannschaften resp. Föderationen in ihren Einzelsitzungen designierten Redner sprechen und Anträge stellen. Sind die Landsmannschaften oder Föderationen geteilter Meinung, so kann der Gerechtigkeit durch die Erstattung von Minoritätsvoten im Plenum Genüge geleistet werden. Mit dieser Anregung möchte ich noch eine zweite verbinden, die nämlich, daß die Geschäftsordnung des Kongresses zwar nicht reformiert werden möge, — ich will durchaus nicht der Urheber einer neuen Kommission mit Sitzungen, Protokollen und Gutachten sein, — aber doch ihrem Geist entsprechend gehandhabt werden möge. Der Präsident des Kongresses muß gewiß allen Interessengruppen sein Wohlwollen schenken, aber er ist ja auch der Verwalter der kostbaren Zeit des Kongresses. Mit Zionsgruß Ostende, 15. Juni. Tobias Kohn, Referendar Geehrte Redaktion! Das E. A. C. hat den Termin zur Vornahme der Delegiertenwählen zum X. Kongreß für die erste Juliwoche angesetzt. Eine Woche später (genau am f6. Juli — 20. Tammus) fällt der sechste Todestag Herzis, den zweifellos die gesamte zionistische Welt auch diesmal in würdiger Weise begehen wird. Diesmal vielleicht noch würdiger und imposanter als sonst. Was wäre nun naheliegender, als die beiden Veranstaltungen — Wahl der Delegierten zum Kongreß und Herzlgedenkfeier — zu vereinigen. Wir alle sind von einer Empfindung beseelt: den Schöpfer des Kongresses, unserer höchsten Institution, kann man würdiger nicht feiern als dadurch, daß man dazu beiträgt, den Kongreß würdig vorzubereiten. Und gerade der Jubiläumskongreß muß — schon rein äußerlich — eine machtvolle Manifestation des im Zionismus organisierten Nationaljudentums werden. Dazu kann in erster Reihe die Organisation als solche beitragen, indem sie nicht allein für eine möglichst zahlreiche Beschickung des Kongresses vorsorgt, sondern auch die Wahlhandlung, die bisher in sehr vielen Orten allzu geschäftsordnungsmäßigen Charakter trug, nach außen hin zu einer propagandistischen Veranstaltung macht. Und dazu wird es sich empfehlen, — wenigstens in vielen Orten, — diesmal Herzlfeiern und Delegierten wählen zu vereinigen. Es bietet sich dadurch auch Gelegenheit, die Sammlung für den Schekel zu einem günstigen Abschluß zu bringen. Die Vorstände der Vereine werden es verstehen, mit dem richtigen Takte die beiden Veranstaltungen zu einer gemeinsamen zu gestalten, ohne daß dabei die eine oder andere zu Schaden kommt. A. P. Zum Quartalsschluß ersuchen wir alle jene Abonnenten, deren Bezugszeit am 30. Juni 1911 abläuft, um rechtzeitige Einsendung des Bezugspreises und machen nachdrücklichst darauf aufmerksam, daß alle Abonnements, die bisher nicht abbestellt wurden, als erneuert betrachtet, werden. — Den Abonnenten in Deutschland und Österreich-Ungarn haben wir Zahlkarten bzw. Posterlagscheine direkt zugehen lassen, die wir zur kostenlosen Überweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen bitten. In allen übrigen Ländern empfiehlt es sich, den Bezugspreis entweder durch Postanweisung, durch Scheck auf deutsche oder englische Banken oder Geldbrief zu überweisen. Verlag „Die Welt", Köln, Karolingerring 31.

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