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Die Welt · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 25 —■ DIE^ Lemberg, 21. Juni, 2 Uhr 10 Minuten morgens. Die Vorfälle in Drohobycz haben in ganz Galizien unter der jüdischen Bevölkerung eine Aufregung ausgelöst, die kaum, zu beschreiben ist. Die polnische Presse verbreitet entstellte Berichte über das Unglück, und schreibt die Schuld den Zionisten zu. Das Militär feuerte ohne Ursache und entgegen der ausdrücklichen Vorschrift ohne die dreimalige Ermahnung. Nach der ersten Salve hatte sich alles in panikartigem Schrecken zur Flucht gewendet. Trotzdem feuerte die Truppe noch viermal. Das Militär war herbeigeholt worden, als die Agents provocateur des Dr. Löwenstein auf ein Wahllokal Steine warfen. Die Stimmung in Drohobycz ist eine verzweifelte. Es gibt keine jüdische Familie, die nicht von der Katastrophe mit betroffen worden wäre. Gestern Nachmittag erfolgte bereits in aller Stille auf behördlichen Befehl die Bestattung von sechs Leichen. Auf den Friedhof, der militärisch besetzt war, wurden nur die nächsten Angehörigen der Toten zugelassen. . Wien, 20. Juni. Heute ist hier eine Abordnung der jüdischen Wäler von Drohobycz eingetroffen und hat unter Führung Dr. Schalits dem Minister des Innern eine ausführliche und genaue Darstellung des Verlaufes der Drohobyczer Wahl übergeben* Der Minister sagte eine genaue Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen u. Die Opfer von Drohobycz sind zumeist Zionisten. Hier sind Sammlungen für die Hinterbliebenen eingeleitet worden. Die Studentenschaft hat Trauer angelegt. Man bereitet große Kundgebungen vor. Wahlresultate Lemberg, 20. Juni. Bei den gestern vorgenommenen Wahlen hat der Terrorismus des Statthalters gesiegt. Adolf Stand ist überall unterlegen, in Strij kommt Leon Reich in Stichwahl mit dem Sozialdemokraten IVloraczewski. In Lemberg erhielt Stand 2214 (Diamand 3217), in Tarnopol 154-3 (Qall 2419) Stimmen. In Sanok wurden für Dr. Goldberg 1721 (für den Polen 3113) Stimmen abgegeben. In Drobobycz wurden amtlich für Dr. Zipper 802 Stimmen, für Löwenstein 5973 Stimmen gezählt. In Buczacz kommt Dr. Ringel (2576) mit dem polnischen Demokraten Stern (3143) in Stichwahl, in der Ringelsiegen dürfte. In Strij erhielt Dr. Reich 1541, der Sozialdemokrat Moraczewski 2508 Stimmen. In Stanislau ist Dr. Zipper mit 1700 Stimmen gefallen. In Brody stellten die Jüdischnationalen, die ihre Ohnmacht gegenüber dem Drucke des amtlichen Apparates erkannten, schon am Morgen des 19. Juni kurz nach Eröffnung der Wahlhandlung ihre Tätigkeit ein. Infolgedessen wurde Dr. Kolischer fast ohne Gegenkanditur gewählt. Wien, 21. Juni. Bei den gestrigen Stichwahlen sind sämtliche Führer der Christlichsozialen sowohl in Wien, als in der Provinz gefallen. Radautz, 20. Juni. Die gestrige Stichwahl im Dreistädtebezirk (Radautz-Sereth-Suczawa) ist so ausgefallen, wie bereits nach dem Resultat des ersten Wahlganges zu erwarten war. Luzian Brunner ist gefallen, und der Christlichsoziale wurde gewählt. Exzesse in Sambor Lemberg, 20. Juni. In Sambor haben sich gestern Wählunruhen ereignet. Hier kämpften die Allpolen gegen die polnischen Demokraten. Am Nachmittag versuchten die aufgehetzten polnischen EE LT---=- " — 577 Wähler einen Überfall auf jüdische Wohnungen. Die Juden wehrten sich, und es kam zu sehr argen Krawallen. Militär trennte die streitenden Parteien durch einen Bajonettangriff. Zehn Personen wurden verletzt. Das neue Haus und die Juden Der 13. Juni, der erste Tag der #allgemeinen Wahlen in das neue Parlament, hat eine so große Überraschung gebracht, daß neben ihr alle sonst ein großes Staatswesen berührenden Angelegenheiten verschwinden. Die christlich-soziale Partei ist zusammengebrochen. Nicht der Zahl ihrer Mandate nach. Sie zählte im verflossenen Volkshaus fast 100 Mitglieder und hat es jetzt in den Stichwahlen auf 76 Mandate gebracht. Aber sie ist aus Wien und aus den Städten überhaupt vertrieben worden. Es war ein Tag. des Gerichts, wie ihn eine so stolze und mächtige Partei selbst in Österreich, dem Land der UnWahrscheinlichkeiten, noch selten erlebt hat. Nur der Zusammenbruch der Vereinigten Deutschen Linken in den achtziger Jahren und das Verschwinden der ungarischen Koalitionspartei ist diesem Ergebnis des ersten Wahltages gleichzustellen. Die Reichspartei, die durch fast zwei Jahrzehnte das öffentliche Leben Zisieithaniens vergiftete, mit ihrer korruptiven skrupellosen Agitationsmethode Freisinn, Rechtsempfinden und aufrechte Gesinnung zurückscheuchte, ist ein Jahr nach dem Tode ihres Begründeis Lueger gerichtet worden. Sie ist keine Reichspartei mehr, sondern eine klerikal-agrarische Gruppe, die zudem ihre Führer verloren hat. Bieiohlawek, der Erfinder des niederträchtigen Hausiergesetzes, ist gefallen. Man erinnert sich noch an seine Prozesse, die er gegen Hraba führen mußte, der ihn der Bestechlichkeit geziehen hatte. Wei ß k i r c h n e r, der die Nachfolge Luegers abgelehnt hatte, weil er Ministerpräsident werden wollte, dieser Weißkirchner, der als Handelsminister die radikalsten antisemitischen Theorien in seinen Erlässen realisierte, kam in Stichwahl. Der Präsident des Parlamentes, Dr. Pattai, der seinerzeit die Ritualmordrede eines tschechischen Klerikalen wütend beklatschte, wird kaum mehr zurückkommen. Dr. Geßmann, der ehemalige Arbeitsminister, der die jüdischen Beamten verdrängte oder zur Taufe trieb, hat nach einem schmutzigen Provisionsprozeß die Sühne des Stimmzettels erfahren und fiel in aussichtsloser Stichwahl. Ebenso Prinz Liechtenstein, der „schwarze Loisl", der Führer der Partei und historische Rechtfertiger der antisemitischen Theorie, Baron Wittek, der ehemalige Eisenbahnminister und Luegers Nachfolger, der Bürgermeister Dr. Neumayer, der seine Amtstätigkeit mit einem Extempore über semitische Rachsucht begann, und der Landesausschuß Steiner, der eine gerichtliche Prüfung seiner Verwaltungskunst hatte erdulden müssen. Sie alle mußten, obzwar ihnen die Regierung in den Stichwahlen zu Hilfe kam, verschwinden. Es ist bezeichnend für die Perversität des politischen Lebens Österreichs, .daß ihnen die Regierung zu Hilfe eilte. Baron Bienerth, der auf dieses Debacle nicht gefaßt war, hatte für die Stichwahlen die Parole ausgegeben: Bürgertum gegen die Sozialdemokratie; das heißt Rettungsmannschaft vor für die christlich-sozialen Führer! Nun kann ja niemandem die österreichische Sozialdemokratie sympathisch sein, die übrigens auch mit arg gestutzten Flügeln die Wahlen überstanden hat. Aber gegenüber der Partei der Gosse ist die Sozialdemokratie noch immer das geringere Übel. Die Jüdischnationalen haben genau so wie im Jahre 1907 im ersten Wahlgang erst einen Kandidaten, Dr. Benno Strau eher in Czernowitz mit 3299 Stimmen durchgebracht. In Sereth ist durch eine plötzlich erfolgte Kandidatenverschiebung am ersten Wahltag keine Entscheidung erfolgt. Es war ursprünglich vom jüdischen Volksrat Dr. Mahler nominiert worden. Eine Woche vor der Wahl wurde Herr Luzian Brunner aus Wien aufgestellt und das Ergebnis des (zwischen den jüdischen Parteien sehr heftig geführten) Kampfes war, daß Herr Brunner am 21. Juni in Stichwahl mit dem Antisemiten Hruschka kam. In Wien Leopoldstadt hat der Zählkandidat der jüdischen Nationalpartei, Herr Ingenieur Robert Stric ker, nach der amtlichen Statistik 799 Stimmen "erhalten. 211 Stimmzettel wurden aus dem lächerlichen Grunde, daß der Name falsch geschrieben ist, als ungültig erklärt. Es sind also für Stricker 1010 Stimmen abgegeben "worden. Das ist ein erfreulicher und großer Erfolg gegenüber 1907, wo Dr. Schalit als Zählkandidat erst 560 Stimmen auf sich vereinigte. Auf den Zählkandidaten Dr. Ehrlich entfielen 308 Stimmen. Erfolglos sind leider die Bemühungen geblieben, in Göding dem Täufling Dr. Redlich das Mandat zu entreißen. Herr Luzian Brunner erhielt hier 415, Dr. Redlich 2356, der Alldeutsche Primavesi 1200, der Sozialdemokrat Dr. Kohn 956 Stimmen. Es gelangte Redlich mit Primavesi in die Stichwahl, in der Redlich siegte. Er verdankt sein Mandat hauptsächlich den jüdischen Kultusvorstehern. Sehr unerquicklich sind die aus den Provinzen gemeldeten Resultate. Fast sämtliche deutschfreiheitlichen Unterzeichner der

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