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Die Welt · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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576 D!E3aEELT No.25 für die die Bezeichnung „bedenklich" nicht mehr ausreichte. Seinen besondern Zorn aber hatten die Zionisten auf sich geladen, und in dem Bestreben, diese jüngste und energischste Opposition niederzuringen, ließ er alle Künste seines politischen und administrativen Apparates spielen. Die Wählerlisten wurden gefälscht, die jüdischen Wähler, die kaum erst die Schrecken der Volkszählung hinter sich hatten, aufs neue verwarnt, eingeschüchtert, mit Steuermahnungen und Sanitätskommissionen schikaniert. Als dies nichts nützte, verband sich Herr Bobrzynski mit den Sozialdemokraten, deren Feindschaft gegen die Jüdischnationalen ihm gerade gelegen kam. Sozialistische Banden drangen in Stanislau, in Lemberg und an vielen andern Orten in die jüdischen Versammlungen ein, wurden hinausgewiesen, kamen mit Verstärkung durch Polizisten und Gendarmen wieder. In den Reihen der Jüdischnationalen stieg die Erregung bis zur Fieberhitze. Von allen Seiten sahen sie sich angegriffen und im eignen Lager durch Verrat bedroht. Die reichen Assimilanten des Polenklubs, von denen die Juden nichts mehr wissen wollen, und die reichen jüdischen Führer der roten Qarde standen überall im Vordertreffen. Der galizische Statthalter ist nämlich ein feiner Psychologe. Er weiß, daß er die Juden nur durch jüdische Helfershelfer schlagen kann, und deshalb stellte er der jüdischen Masse jüdische Millionäre entgegen. Brutalität und Geld genügt. Aber die Juden blieben standhaft. Sie drangen in den Kreisen, in denen sie ihre Kandidaten aufgestellt hatten, immer weiter vor. Der Herr Statthalter hielt gleichen Schritt. Vergrößerte sich die Anhängerschaft der Zionisten, so strich sie sein Bezirkshauptmann aus der Wählerliste. Die Zionisten erhielten in den Versammlungen die Majorität, — der Qendarm löste die Versammlungen auf. Sie gingen mit den Ruthenen zusammen und der polnische Kandidat mußte — wie dies in Trembowla dem Grafen Bawarowski geschah — in die Synagoge kommen, seine Wahlrede halten und resultatlos wieder weggehen. Der Statthalter wußte ein Mittel. Er ließ die Häuser der Juden auf ihre Baufälligkeit prüfen. Seine Kommission fand, daß die Häuser lebensgefährlich seien. Also ordnete man Neubauten an, und die jüdischen Wähler sind nun besorgt und aufgehoben. Mit diesen Kleinigkeiten hielt sich aber der Herr Statthalter nicht lange auf. Er hielt schließlich der jüdischen Agitation seine ultima ratio entgegen: Mannlicher und Bajonette. Und in Drohobycz starben 15 Juden. 25 blieben schwerverwundet zurück ... Löwenstein und Genossen sind gerettet. Bobrzynski macht ganze Arbeit. Wie er in Drohobycz die Zionisten zurückgedrängt hat, so hat er das mit sozialistischer Hilfe in Brody, in Lemberg und in Tarnopol erreicht. In Brody hat er Kolischer, in Lemberg Dr. Diamand, in Tarnopol Rudolf Gall zu Abgeordneten ernannt. Aber diese Mittel aus der polnischen Wirtschaft werden nicht für ewig siegen. Die Zahl der jüdisch nationalen Wähler hat sich gegen 1907 fast verdoppelt. Zu ihrer für Volk und Recht begeisterten Stimmung gesellt sich nun die Erbitterung über den Wahlterrorismus der Regierung. Und der Statthalter wird erkennen lernen, daß seine Drohobyczer Blutsaat eine Saat ist, „gesät von Gott, dem Tag der Garben zu reifen". j. 1. Es liegen uns folgende Meldungen vor: Lemberg, 19. Juni, 7 Uhr $0 Minuten abends. Im Wahlbezirk Drohobycz, wo Dr. Zipper gegen Dr. Löwenstein kämpft, sind Wahlexzesse ausgebrochen. Ein Zug Infanterie, der als Wahlassistenz ausrückte, gab eine Salve auf die Volksmenge ab. Wien, 20. Juni, 1 Uhr 50 Min. morgens. Nach der Darstellung, die Gesinnungsgenosse Dr. Pachtmann gibt, schoß das Militär ohne die gesetzlich vorgeschriebene Ermahnung der Menge auf Befehl der Statthalterei- Kommissäre Lyczowski und Skolewski auf die bereits Fliehenden. Es wurden mehrere Salven abgegeben. 23 Personen sind tot, darunter 15 Juden, 25 verwundet. Unter den Erschossenen, befinden sich auch Frauen. Lemberg, 20. Juni, 7 Uhr morgens. Die vor dem Wahllokal in Drohobycz angesammelten jüdischen Wähler wurden von den amtlichen Organen verhindert, ihr Wahlrecht auszuüben. Als sie nicht weichen wollten, ließ der Bezirkshauptmann Militär requirieren, welches im Laufschritt vorging und die Menge zurücktrieb. Plötzlich, ohne daß Widerstand geleistet worden wäre, gab das Militär in einer Entfernung von 20 Schritten fünf Salven ab. Die Wirkung war fürchterlich. Tote und Sterbende bedeckten den Platz, der wie ein Schlachtfeld aussah. Alle Opfer der Salven sind von rückwärts getroffen worden. Dr. Löwenstein ist gewählt. Drohobybcz, 19. Juni. Die Vorgänge bei den heutigen Wahlen haben traurigere Erscheinungen gezeitigt, als alle bisherigen galizischen Wahlen. Von den oppositionellen bürgerlichen, polnischen, ruthenischen und jüdisch-nationalen Parteien wurden weder Kommissionsmitglieder noch Vertrauensmänner zugelassen. Die städtischen Parkanlagen, in denen das Wähllokal sich befindet, waren von Infanterie, zwei Husareneskadronen und zahlreichen Gendarmen sowie einem Polizeiaufgebot umzingelt. Den oppositionellen Wählern, deren Tausende vor den Pforten der Parkanlage angesammelt waren, wurde der Zutritt verwehrt oder unglaublich erschwert. Den sich mit schwerer Mühe hineindrängenden unabhängigen Wählern wurde vor ihren Augen der Wahlzettel geöffnet, beiseite geschoben, versteckt oder zerrissen. Infolge dieser Umtriebe wurde die Volksmenge erbittert und sammelte sich vor dem gegenüberliegenden Agitationslokal der Anhänger Loewensteins. Nun kam es zwischen den oppositionellen, ins Wahllokal nicht zugelassenen Wählern und der Gendarmerie und Militär zu einem blutigen Handgemenge. Die Husaren ritten in die Menge hinein, wurden jedoch von den Wählern mit Stöcken und Schirmen sowie mit aus den Nachbarhäusern geholten Gerätschaften empfangen; mehrere Husaren stürzten von den Pferden herunter. Dann ging die Infanterie zum Bajonettangriff vor, dem Schußsalven folgten, wobei es zahlreicheTote und Schwerverletzte gab. Es blieben am Platze insgesamt 23 Tote und 29 Verwundete liegen. Unter den Toten befinden sich die Advokaturskandidaten Dr. Messer, Dr. Koch und Dr. David Lustig, die Gastwirte Schächter und Rappaport, ferner Leo Mühl, David Schiffer (90 Jahre alt!), Josef Baten, Samuel Ehrmann, Moritz Rinzel, Josef Balaban und der Privatbeamte Weingarten. Ferner sind vier Frauen und ein Kind tot. Nach dem Blutbad wurde um 2 Uhr der Platz vom Militär geräumt und abgesperrt. Der Wahlgang wurde jedoch fortgesetzt. So erklärt sich der große Stimmenvorsprung Löwensteins, der um 6 Uhr mit über 5000 Stimmen als gewählt proklamiert wurde.

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