Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Blutlüge in Damaskus. Als wir vor kurzem von den Schritten des Konstantinopeler Qroßrabbinats bei der türkischen Regierung und von deren Einschreiten in Damaskus aus Anlaß der gefährlichen Publikationen des dortigen „El Muktebis" meldeten, waren wir augenscheinlich falsch berichtet, obwohl diese Auskünfte aus dem Großrabbinate selbst stammten. Seit mehr als vier Wochen hausen nun in Damaskus die Blutlügeversammlungen, und jetzt trifft ein Alarmtelegramm der verängsteten Damaszener Gemeinde bei einer Privatperson in Konstantinopel ein, welches besagt, daß bis nun noch nichts seitens der Regierung nach Damaskus gelangt sei, wo der Terron immer weiter wütet. Auch Rabbi Nahurn erhielt ein solches Telegramm. Diese Dinge sind ganz unerklärlich. Hat der Großrabbiner die von ihm berichteten Schritte getan und hat es nur das Ministerium an der Ausführung der von ihm verlangten Maßregeln fehlen lassen? Zweifellos ist, daß hier eine schwere Nachlässigkeit vorliegt, deren Verantwortung voll auf Rabbi Nahum fällt. Als es sich einmal darum handelte, zwei türkischen Schülern Freistellen bei der Ecole Normale der Alliance in Paris zu verschaffen, begab sich der Großrabbiner persönlich zum Minister, um ihm das freudige positive Ergebnis mitzuteilen. Wenn aber eine ganze große Gemeinde Rabbi Nahum um Hilfe angeht, weil das Leben und die Habe ihrer Mitglieder durch die Blutbeschuldigung bedroht ist, so begnügt er sich damit, seinen Kapukehaja mit einem Takrir zur Hohen Pforte zu schicken, und verabsäumt es, während vier langer Wochen und mehr, sich der Erfolge seiner Intervention zu versichern. Will er warten, bis in Damaskus ein Blutbad hereinbricht? Vielleicht werden seine Freunde auch dann den Zionismus dafür verantwortlich machen. Aus Rischon le Zion Auch Rischon le Zion wird bald, wie manche anderen palästinensischen Kolonien, mit einer modernen Wasserleitung versehen sein. Der Waad (Vorstand) der Kolonie hat die Anlage der Wasserleitung bereits einem fachkundigen Unternehmer übertragen und ihn vertragsmäßig verpflichtet, die hauptsächlichtsen Arbeiten durch jüdische Arbeitskräfte ausführen zu lassen. Man hofft in Rischon le Zion heuer auf eine besonders gute Weinlese. Von den sonst um diese Jahreszeit auftretenden Krankheitserscheinungen der Reben zeigt sich diesmal kaum eine Spur. Man sieht außerordentlich viele Trauben an den Stöcken, und alle Anzeichen deuten auf einen reichen Ertrag hin. Auch die Lage des Marktes hat sich erheblich gebessert. Aus Ägypten und England wird gemeldet, daß die Absatzverhältnisse im Weinhandel sich immer günstiger gestalten. Dementsprechend dürften die Trauben der diesjährigen Lese einen Preis von ca. 20 Frcs. pro Kantar erzielen. Die Kolonieschule in Rischon le Zion wird gegenwärtig von 131 Kindern — 58 Knaben und 73 Mädchen — besucht. Vor kurzem wurde ein neuer Lehrer für die arabische Sprache, der bisher an der sephardischen Talmud-Thora in Jerusalem wirkte, engagiert. Der Kindergarten der Kolonie wird von 29 Knaben und 51 Mädchen besucht. Daß die Zahl der Mädchen sowohl in der Schule wie im Kindergarten größer ist als die der Knaben, erklärt sich daraus, daß etwa 60 Knaben aus der Kolonie die Talmud-Thora besuchen, die von der „Freien Vereinigung" der orthodoxen Juden in Deutschland unterhalten wird. Proteste von Arabern gegen die antizionistischen Reden in der türkischen Kammer Die beiden Kammerdeputierten von Jerusalem, Ruhi Bey und Said Bey, erhielten aus dem Kreise ihrer Jerusalemer Wähler eine Anzahl von Zuschriften und Telegrammen, deren Absender — durchweg angesehene Araber — gegen die judenfeindlichen Reden der beiden Deputierten im türkischen Parlament Verwahrung einlegen, den vielfachen Nutzen der jüdischen Kolonisation hervorheben und es als höchst unheilvoll bezeichnen, wenn die jüdischen Ansiedlungen in Palästina durch antisemitische Umtriebe in ihrer Entwicklung gehemmt werden sollten. Eine Denunziation Über einen empörenden Vorfall berichtet die Jerusalemer hebräische Zeitung „Hacheruth". Ein Allianceschullehrer in Tiberias hielt gelegentlich ein er festlichen Veranstaltung in seinem eigenenNamen (nicht etwa in seiner Eigenschaft als Schullehrer) eine Rede in arabischer Sprache, in der er die großen Verdienste des türkischen Reiches um die aus Spanien vertriebenen Juden würdigte, die infolge derschmachvollen Inquisition ihre Heimat verlassen mußten und in der Türkei eine gastliche Zufluchtstätte fanden. Der Gatte der Leiterin der dortigen Allianceschule, Romanow, — also ein Jude — der im spanischen Konsulat ein Amt bekleidet, setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung, um eine Bestrafung des betreffenden Lehrers wegen „Beleidigung der spanischen Nation und der katholischen Kirche" zu erwirken. Besonders wurde auf die Verhaftung des Lehrers gedrängt, der sich infolgedessen drei Tage versteckt halten mußte. Die Affäre endete damit, daß der Lehrer sich beim spanischen Generalkonsul in Haifa entschuldigen mußte,_ Rußland Wohnrechtsrevisionen in Petersburg Die Schikanierungen durch die Polizei, denen die russischen Juden in allen Provinzen Rußlands fortdauernd ausgesetzt sind, greifen nunmehr auch auf die Hauptstadt Petersburg über. Die Polizei dringt in später Nachtstunde in die Wohnungen jüdischer Bürger ein und nimmt „Revisionen" vor, ob nicht irgendjemand ohne Wohnrecht sich im Hause befinde. Diese in Petersburg bisher in solchem Umfange unbekannten Maßregeln rufen unter der jüdischen Bevölkerung starke Unruhe hervor. Rußland und die amerikanischen Juden Bekanntlich wollte es der amerikanischen Diplomatie trotz wiederholter Bemühungen nicht gelingen, für die jüdischen Bürger der Vereinigten Staaten das Recht zu erwirken, das heilige Zarenreich besuchen zu dürfen. Als im vorigen Jahre der amerikanische Botschafter in der Türkei Herr Oscar Strauß nach Rußland gehen wollte, und sich dieserhalb bei der russischen Regierung um die erforderliche spezielle Erlaubnis bewarb, wurde ihm in entgegenkommender Weise erlaubt, drei ausdrücklich namhaft gemachte Städte zu besuchen, worauf Herr Strauß sich für dieses liebenswürdige Entgegenkommen höflichst bedankt hat. Nun ist es jetzt auf einmal anders geworden. Der russische Finanzminister hatte den Wunsch, einige jüdische Bankiers aus Amerika in Rußland zu sehen. Als sich dann die üblichen gesetzlichen Schwierigkeiten einstellten, besann sich plötzlich die russische Regierung auf die freundlichen Vorstellungen der Regierung der Vereinigten Staaten und erklärte sich bereit, den jüdischen Bürgern der Vereinigten Staaten das Recht einzuräumen, nach Rußland kommen zu dürfen. Die russischen Konsulate in Nordamerika erhielten die Order, den nach Rußland reisenden amerikanischen Juden die Pässe unbeanstandet zu visieren. Aus London schreibt man hierzu.der „N.J. K.": Durch die gesamte europäische Presse ging dieser Tage die Nachricht, die russische Regierung habe sich auf die energischen Vorstellungen der Vereinigten Staaten endlich dazu verstanden, die Paßbeschränkungengegen amerikanische Juden, die Rußland zu geschäftlichen Zwecken besuchen, aufzuheben. Wie nun der „Times" von ihrem Washingtoner Korrespondenten berichtet wird, ist diese Zeitungsmeldung durchaus unzutreffend. Das Staatsdepartement in Washington setzt der auch von einigen amerikanischen Tageszeitungen übernommenen Notiz ein kategorisches Dementi entgegen und erklärt, daß ihm von irgendwelchen Konzessionen der russischen Regierung gegenüber den amerikanische!? Forderungen absolut nichts bekannt sei. Hetzjagd auf wohnrechtslose Juden Der Landrat von Elnin hat in Begleitung von zahlreicher! Wachtieuten die Bahnstation Potschinsk, Linie Riga-Orel umzingelt und eine förmliche Hetzjagd auf wohnrechtslose Juden veranstaltet. Drei Tage lang dauerte die Revision. Mehrere Juden flüchteten, ihre Geschäfte dem Schicksal überlassend. Einige wohnrechtslose Juden wurden festgenommen und per Schub nach dem Ansiedlungsrayon abgeführt. Agitation gegen die jüdischen Handwerker Der Odessaer Delegierte des im verflossenen Winter stattgefundenen allrussischen Handwerkerkongresses begab sich jetzt nach Petersburg mit dem Zwecke, sich dort darum zu bemühen, daß die Bestimmung des Handwerkerreglements, welches den jüdischen Handwerkern das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayon s einräumt, aufgehoben werde. . .