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Die Welt · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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558 DIE ELT No. 24 können, keinesfalls aber die eines juristischen Arguments! Heute, wo Dutzende hebräischer Zeitungen und Zeitschriften gedruckt werden! Heute, wo der Wunsch nach hebräischer Unterhaltungskunst schon die Berlitz-Methode zur praktischen Anwendung herausgezogen hat! Heute, wo es nur eine Frage der Zeit sein kann, wann in Erez Jisroel das Hebräisch als Sprache der jüdischen Bevölkerung wieder offizielles „Leben" führen wird, heute würden gerade in Deutschland unsere hier wohnhaften „polnischen" Juden bzw. Kaufleute die würdigste Antwort erteilen können, indem sie fortan bei ihrer Buchführung der hebräischen Sprache und Schriftzeichen sich bedienen würden. Sie würden sich ein nationales Verdienst erwerben, wenn sie mutig und treu die Sprache ihrer Väter als „lebende" Sprache auch im „handelsrechtlichen" Sinne verteidigen würden! Sie würden dadurch den Deutschen zeigen, daß der Nationalstolz der Juden erstarkt ist, und den Juden, die nicht wissen, ob sie noch Juden sind, sein können, wollen, sollen, dürfen usw., zeigen, daß die Sprache unseres Volkes ebenso wie es selbst unzerstörbar „lebendig" ist und der stolze Ruf berechtigt ist: Das Ghetto-Judentum ist tot! Es lebe die jüdische Nation!*) Die jüd. Kolonisation in Palästina Das;;Berliner Tageblatt" hat bisher nicht zu den Freunden der jüdischen Regenerationsarbeit gezählt. Es hat, seitdem eine organisierte zionistische Bewegung existiert, von ihr nur Notiz genommen, wenn es ihr einen Nadelstich versetzen konnte. Den Exodus der Territorialisten z. B. bezeichnete das „Tageblatt" als ein „Fiasko des Zionismus", und bei den letzten Katnmerdebatten in Konstantinopel konnte sich das „Tageblatt", das man in gewissen Kreisen gerne „Judenblatt" nennt, in fetten Titelschriften nicht genug tun, die den Eindruck der Meldungen des Korrespondenten noch verstärken mußten. Aber auch bei diesem liberalen Blatt merkt man die Grenzlinie zwischen den Tatsachen und der geschäftigen Fama. Aus Konstantinopel meldet es Kombinationen. In Palästina aber sieht sich sein Berichterstatter der absoluten Wahrheit gegenüber. Und so findet sich im „Tageblatt" am 8. Juni d. J. ein recht sympathisch gehaltener Aufsatz des Jaffaer Berichterstatters über „Die jüdischen Kolonien in Palästina". Dem Zionisten bringt der Aufsatz freilich nichts neues. Wir würden uns aber freuen, wenn das Berliner Organ bei seinen sonstigen Berichten über unsere Tätigkeit die Frage seines palästinensischen Mitarbeiters beherzigen wollte: „Wozu der Lärm?" — Der Artikel besagt folgendes: „Die jüdische Kolonisation in Palästina ist im türkischen Parlament in letzter Zeit schon zum zweiten Male Gegenstand der Debatten gewesen. Der Abgeordnete für Jerusalem, Ruhi el Halidi, hat die jüdischen Kolonien als eine Gefahr für den türkischen Staat bezeichnet, weil sie nach vollständiger Unabhängigkeit streben, und hat im Verein mit dem Abgeordneten von Damaskus, Schukri, die Regierung um Maßnahmen gegen *) Dieser Artikel war uns bereits im April zugegangen, mußte aber aus Raunirücksichten zurückgestellt werden. dieses „zweite Kreta" ersucht. Ein armenischer und ein bulgarischer Abgeordneter haben die BefürchLingen der Abgeordneten von Jerusalem und Damaskus als Ausgeburten einer erregten Phantasie bezeichnet; es sei lächerlich, wo die Türkei eine Million Soldaten habe, vor einer Handvoll Juden Angst zu machen und der jüdischen Kolonisation, deren großen Nutzen für die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas ja auch die Abgeordneten von Jerusalem und Damaskus anerkannt hatten, Schwierigkeiten zu bereiten. Zur Klärung der widersprechenden Ansichten mögen die folgenden Angaben dienen: Die landwirtschaftliche Kolonisation von Juden in Palästina hat vor etwa 40 Jahren, ungefähr gleichzeitig mit der Einwanderung der deutschen Kolonisten aus Württemberg, begonnen. Im Jahre 1870 wurde von der Alliance Israelite Universeile eine Ackerbauschule bei Jaffa errichtet und ein Jahrzehnt später wurden von russischen und rumänischen Juden, die vor den Verfolgungen in ihren Heimatländern flüchteten die ersten Kolonien angelegt. Seitdem hat sich, besonders infolge der großen finanziellen Unterstützung, die der Baron Rothschild in Paris den Kolonien angedeihen ließ, die Zahl der Kolonien vermehrt, und es gibt zurzeit ungefähr 30 bis 40 jüdische Kolonien in Palästina, die eine Fläche von etwa 30 000 Hektar bedecken und etwa 8000 Seelen zählen. Die Kolonien haben in ihrer wirtschaftlichen Lage viela Schwankungen durchgemacht. Ursprünglich war ihre Hauptexistenzquelle der Weinbau, für dessen Zwecke der Baron Rothschild mit einem Aufwände von vielen Millionen ungeheure Weinkellereien in den Kolonien Rischon le Zion und Sichron-Jakob errichten ließ. Als aber der Weinabsatz sich verschlechterte, sind die Kolonien zum Anbau von Orangen, Mandeln, Oliven, Getreide übergegangen und haben damit große Erfolge erzielt. Allein die Orangenproduktion hatte im letzten Jahre einen Wert von einer halben Million Francs. Die Kolonien sind durch die Höhe, auf welche sie ihre Plantagen gebracht haben, für das ganze Land vorbildlich, wie sie sich auch sonst durch die Einführung moderner landwirtschaftlicher Arbeitsmethoden, durch die Anpflanzung großer Eukalyptuswälder zum Zweck der Assanierung sumpfiger Gegenden, durch ein gutes Unterrichtswesen und die Unterhaltung guter Ärzte und Hospitäler um die Hebung des Landes verdient gemacht haben. Die Araber haben von ihnen viel gelernt, in ihren Kolonien als Arbeiter Geld verdient und sind in der Nähe der jüdischen Kolonien fast durchweg zu Wohlstand gelangt. Daß von Unabhängigkeitsgelüsten der Kolonien, die im ganzen nur 8000 Seelen zählen, im Ernst nicht gesprochen werden kann, ist ohne weiteres klar. Selbst wenn man die ganze jüdische Bevölkerung Palästinas in Betracht zieht, die 86000 Seelen zählt (darunter zur Hä'fte alte Leute, die aus religiösen Gründen nach Jerusalem einwandern), bleibt es lächerlich, von einem zweiten Kreta zu sprechen. Die Kolonien unterstehen wie alle Dörfer den türkischen Gesetzen. Richtig ist, daß sie ihre Prozesse lieber durch ein Schiedsgericht unter sich austragen, als daß sie sich an die außerordentlich saumseligen türkischen Gerichte wenden, und daß sie die Ausbesserung von Wegen und die Beförderung ihrer Briefschaften lieber selbst besorgen, als auf die türkischen Wegebau- und Postbehörden zu warten, die leider noch alles zu wünschen übrig lassen. Kaum irgendwo geht es aber so ruhig und friedlich zu, kaum irgendwo sind die allgemeinen Angelegenheiten so gut geordnet, als in diesen jüdischen Kolonien. Es ist bezeichnend, daß auch der Abgeordnete von Jerusalem in seiner abfälligen Kritik nichts anderes zu sagen wußte, als daß er den in den "jüdischen Kolonien bestehenden Postdienst in allen Orten Palästinas zu sehen wünsche, und daß in den jüdischen Kolonien unter einem freigewählten Vorstande musterhafte Ordnung herrsche. Wozu also der Lärm?" O [(□□□□□ □ o \>- V^rr FEUILLETON Eine Geschichte der jüdischen Philosophie Von Dr. Simon Bernfeld Die jüdische Philosophie ist im wesentlichen Religionsphilosophie, denn sie knüpft immer an die religiösen Probleme des Judentums an, oder sie beschäftigt sich mit den religiösen Ideen überhaupt, soweit sie allen Religionen gemeinsam sind. Das schließt natürlich nicht aus, daß die jüdische Religionsphilosophie große Aufmerksam keit auch den andern rein philosophischen Problemen widmet, den ( psychologischen und erkenntnistheoretischen. Festgehalten muß nur werden, daß ihr Ausgangspunkt die Religion ist und daß sie L

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