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Die Welt · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 24 DIE^ELT 559 eine philosophische Begründung des Judentunis anstrebt Auch die Religionsphilosophie des Maimonides gehört dazu, obwohl sie nicht die Übereinstimmung von Judentum und Philosophie als Apologie des Judentums bezweckt, sondern im Gegenteil, wie aus der Einleitung des „Moreh Nebuchim" hervorgeht, den Nachweis führen will, daß die aristotelische Philosophie durch die jüdische Religion keine Widerlegung erfahre. Eine größere, rein philosophische Arbeit iegt nur in dem Buche Gabirols vor, in seinem „Mekor Chajim", von dem schon der Religionsphilosoph Abraham ibn Daud gesagt hat, daß es nicht dem Judentum gewidmet sei, sondern den Religionen im allgemeinen. Wenn man will, kann man diese eigenartige Schrift der rein philosophischen Literatur des Mittelalters zuzählen. Über die jüdische Religionsphilosophie seit ihren Anfängen besitzen wir bereits eine reichhaltige, fast unübersehbare Literatur in Monographien. Sie im Zusammenhang und in ihren Beziehungen zu der Philosophie der nichtjüdischen Welt zu behandeln, habe ich zuerst versucht in meiner hebräisch geschriebenen Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie (Daath elohim, 2 Bde., Warschau 1897—99). Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, wie weit mir dieser Versuch gelungen ist. Aber mein Buch bezweckte in erster Reihe, das gebildete Laienpublikum mit den Problemen der jüdischen Religionsphilosophie bekannt zu machen. Eine für Fachmänner bestimmte, streng wissenschaftliche Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie ist somit noch immer ein neues literarisches Unternehmen, dem wir das größte Interesse entgegenbringen müssen. Ein solches Werk unternimmt David Neurnark in seiner groß angelegten „Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters", von der die ersten 2 Bände vorliegen*). Von einer zusammenhängenden Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, auch wenn sie erst mit dem Mittelalter beginnt, wird man erwarten, daß die Darstellung einleitend die ältere jüdische Religionsphilosophie behandelt, das heißt, neben den schwachen philosophischen Versuchen in Bibel und Talmud und etwa auch im „Sefer Jezirah" hauptsächlich die jüdisch-alexandrinische Philosophie und zum Teil auch den Gnosttzismus. Dann, zu den eigentlichen jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters übergehend, käme zuerst Saadja in Betracht, in dessen religionsphilosophischern Werke die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters einen starken Anlauf nimmt. Die geschichtliche Reihenfolge würde ich für die beste halten, und zwar nicht nur in den einzelnen philosophischen Problemen, sondern auch im ganzen System. Jeder Philosoph wird erst dann richtig verstanden, wenn man sein ganzes System zusammenfaßt, wenn man erfährt, wie er sich zu allen religiösen und philosophischen Fragen gestellt hat. Neu mark hat eine andere Methode gewählt. Er behandelt die einzelnen philosophischen Probleme, wie sie in der jüdischen Philosophie des Mittelalters erörtert wurden. Nach der einen Seite erleidet zwar die Darstellung eine große Störung, denn man kann sich, wenn man sonst nicht mit den jüdischen Religionsphilosophen bekannt ist, kein Bild davon machen, was jeder von ihnen gelehrt und wie er systematisch das ganze Material verarbeitet hat. Anderseits hingegen wird man dadurch die einzelnen Probleme besser im Zusammenhang behalten, was natürlich auch einen Vorzug bedeuten kann. So z. B., wenn man das Wesen und die Entwicklung der Attributenlehre in der jüdischen Philosophie verfolgen will. In der Art, wie Neumark dieses Problem behandelt, wird man sich vielleicht leichter orientieren können. Es ist dies übrigens Sache der Darstellung, die in diesem großen Werke nicht ganz glücklich ausgefallen ist. Indessen soll dieses Buch keine populäre Belehrung für gebildete Laien bieten, es ist ein Hilfsmittel der strengen Fachwissenschaft. Es kommt da hauptsächlich auf den Inhalt an, und man müßte sich mit dem Verfasser Punkt für Punkt über jede einzelne Frage auseinandersetzen, wenn *) David Neumark, Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters, nach Problemen dargestellt. Bd. i u. 2, Berlin 1907 u. 1910, Georg Reimer. man seinem Bemühen gerecht werden will. Und da er nicht nur ein großes und reichhaltiges Material bietet, sondern auch zahlreiche Thesen aufstellt, die er polemisierend zu verteidigen sucht, so müßte man ein umfangreiches Werk schreiben, um jedes einzelne Problem mit ihm zu diskutieren. Eine seiner Thesen ist, daß die Religionsphilosophie, wenn sie geschichtlich dargestellt werden soll, mit der Religionsgeschichte in engster Verbindung steht. In der Sache selbst hat Neumark natürlich recht; aber in der Art, wie er nach diesem Grundsatz handelt, erblicke ich ein unnötiges Abweichen von seinem Thema, das der Darstellung nur zum Schaden gereicht. Man muß sich immer daran erinnern, daß Neumark eine Geschichte der jüdischen Fhilosophie des Mittelalters geben will. Die ältere jüdische Philosophie kommt dabei nur als Einleitung in Betracht. Darüber möchte ich mit dem Verfasser nicht streiten, was als einleitende Sätze geboten werden muß, welchen Raum eine Einleitung einnehmen darf. Dies würde nur die literarische Form des Buches betreffen, und bei einem wissenschaftlichen Werke ist es kein Fehler, wenn die Einleitung etwas zu lang oder gar allzu lang ausfällt. Aber sonderbar ist es> wenn in einer Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters anläßlich der Darstellung der Attributenlehre auf das biblische Zeitalter zurückgegriffen wird, und das ganz bald nichts anderes ist als eine bibelkritische Untersuchung mit dem ganzen philologischen und exegetischen Apparat, wie wir sie aus den bekannten bibelkritischen Werken der protestantischen Theologen kennen. Dazu kommt Neumark durch eine sonderbare Methode. Die verschiedenen Namen der Gottheit, die in der Bibel vorkommen, sind nach seiner Auffassung Formeln für die Attribute Gottes. Der jüdische Name Gottes IHVH ist nach Neumarks Auffassung eine Abbreviatur für eine Formel. Das ist für ihn eine Wahrheit, die nach seinen Ausführungen keines Beweises mehr bedürfe. Man muß annehmen, daß es dem Verfasser damit ernst ist, so schwer es auch fallen mag, solche Behauptungen ernst zu nehmen. Und nun ergreift der Verfasser das Thema Gottesnamen, um uns ausführlich ein ganzes bibelkritisches System zu bieten. Eine gewagte Hypothese jagt die andere, und alles wird in einer Hast vorgetragen, daß man kaum folgen kann, um das von ihm Vorgetragene zu untersuchen. Damit begnügt sich der Verfasser nicht; er greift in den alten Schulstreit ein zwischen Wellhausen und seinen Gegnern. Was Hoffmann vor vielen Jahren geschrieben hat, um Wellhausens waghalsige Hypothesen zu bekämpfen, wird aufs neue vorgeführt, um durch Neumark widerlegt zu werden. Bei der Lektüre dieser Kapitel, die in Neumarks Werk einen unverhältnismäßig großen Raum einnehmen, habe ich immer und immer nach dem Titelblatt gesehen, um mich zu überzeugen, daß ich eine Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters studiere. Wie dies in das Buch Neumarks hineinkam, das bleibt das Geheimnis des Verfassers. Natürlich hat Neumark auch das wohlbegründete Recht, und ich halte ihn auch für befähigt dazu, ein bibelkritisches Werk zu schreiben. Vertritt er dabei einen radikalen Standpunkt, so ist dies ebenfalls sein gutes Recht. Im großen ganzen lehnt er sich Wellhausens Theorien an. In Wellhausens Auffassung ist zumeist der Ton zu tadeln, wie er bibelkritische Fragen behandelt. Niemand zweifelt daran, daß Wellhausen seiner Aufgabe gewachsen war. Aber die Darstellung bei ihm ist zumeist pamphletartig und zeugt von Gehässigkeit gegen das Judentum. Einen solchen Vorwurf wird man gegen Neumark nicht erheben können, aber aus seiner Darstellung spricht ein Fanatismus, dem man bei radikalen Schriftstellern ebenso oft begegnet wie bei orthodoxen. An sich war es durchaus unangebracht, in einer Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters der Bibelkritik solchen breiten Raum zu gewähren. Aber selbst in einem bibelkritischen Werke, das streng wissenschaftlich gehalten ist, suchen wir eine ruhige Darstellung, streng sachlich und lediglich die Quellen kritisch untersuchend. In Neumarks Aus-

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