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Die Welt · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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556 DiE^ Herr Cuza hat vor 20 Jahren ein Buch geschrieben „Despre Poporatie", in welchem er die Bevölkerung Rumäniens und ihre Lebensverhältnisse nach den Prinzipien der modernen Sozialökonomie untersuchte. Auf Qrund dieser Schrift hatte er eine große staatliche Unterstützung sowie die Professur an der Universität in Bukarest erhalten. Das Buch bildete tatsächlich eine der wichtigsten theoretischen Grundlagen der rumänischen Gesetzgebung. Es erregte daher ungeheures Aufsehen, als einer der Schüler Cuzas, Dr. So cor, im vorigen Jahre eine Schrift veröffentlichte, in der er mit dürren Worten erklärte, das Buch Cuzas sei nichts weiter als eine Zusammenstellung aus verschiedenen ethnologischen und ökonomischen Werken deutscher und französischer Gelehrter. Dr. Socor blieb auch nicht den Beweis für seine Behauptungen schuldig. Es zeigte sich, daß die geistige Arbeit Professor Cuzas darin bestanden hatte, daß er einfach seitenlang abgeschrieben und das Zitieren vergessen hatte. Der Skandal wuchs, und Herr Cuza, der anfänglich sich in tiefes Schweigen hüllen wollte, mußte sich dazu entschließen, öffentlich Rede und Antwort zu stehen. Seine Kollegen an der Universität nahmen gegen ihn Stellung und forderten von der Regierung die Ungültigkeitserklärung seines Titels. Herr Cuza schlug nun zur Herstellung seines Ansehens einen eigentümlichen Weg ein. Er klagte Dr. Socor wegen Ehrenbeleidigung an und schleppte ihn vor die Geschworenen. Das ist nun für gewöhnlich nicht die Art und Weise, in der ein wissenschaftlicher Streit geschlichtet wird. Aber die Methode Cuzas wird sofort verständlich, wenn man erfährt, daß Dr. Socor ein Jude ist. Man kann sich nun auch ungefähr einen Begriff davon machen, wie die Verhandlung vor denGeschworenen aussah. Professor Cuza äußerte sich über sein Buch gar nicht, sondern hielt wütende Reden gegen die Juden, denen er mit Pogromen drohte, wenn der Spruch des Gerichtes gegen ihn ausfallen sollte. Das Gericht beschloß, einen Sachverständigen über die ganze Angelegenheit zu hören. Aber' es war merkwürdig, daß alle Experten, deren Gutachten das Gericht verlangte, krank wurden. Keiner wagte es, gegen Cuza, den Führer der studierenden Jugend, öffentlich im Gerichtssaal aufzutreten. Das Gericht beschloß also, bis zur Erlangung eines wissenschaftlichen Gutachtens die Angelegenheit zu vertagen. Aus dieser privaten Affäre des Professors Cuza ist nun mit der Schnelligkeit einer Lawine eine politische geworden. Herr Cuza hat die Enthüllung des Dr. Socor nicht als eine Angelegenheit angesehen, die die wissenschaftliche Welt angeht, sondern hat es verstanden, in weite Kreise der Bevölkerung die Ansicht zu tragen, daß es sich hier um eine groß angelegte Intrige seiner jüdischen Feinde handle, die ihn seiner Autorität als Nationalökonom berauben wollen. Aus der Angelegenheit eines Mannes, der ein Buch abgeschrieben hat, ist eine nationale Frage geworden. Die Freunde Cuzas veranstalten seit Monaten in der Moldau eine Agitation, die lebhaft an das Jahr 1907 erinnert. Sie halten überall Vorträge über das gleiche Thema: „Die Judenfrage in Rumänien"; und wie im Jahre 1907, als es zu dem furchtbaren Bauernaufstand kam, hetzen sie jetzt wieder gegen die „Fremden" und ermahnen die Bauern, das Vaterland gegen die jüdischen Räuber und Ausbeuter zu verteidigen. Die Regierungspresse sekundiert dem Plagiator, und es bereiten sich in Rumänien Dinge vor, iE LT , . —:— , ' =■ Ng. 24 die möglicherweise die Metzeleien von 1907 noch übertreffen werden. Mit Schmähartikeln, mit Aufrufen, mit dem ganzen Rüstzeug, das man aus dem antisemitischen Arsenal schon so oft hat kommen sehen, wird gegen die jüdische Bevölkerung geschürt. In den Bauernhäusern verbreitet man Bilderbogen, auf denen der Ritualmord dargestellt ist. Kein Wunder, daß die Unruhe unter den Juden Rumäniens wächst. Schon ist es int Jassy zu Zusammenstößen zwischen der Gefolgschaft Cuzas und den Juden gekommen. Aus allen Dörfern im Norden der Moldau wird ein Anwachsen der gereizten Stimmung der Bauern berichtet, und die rumänische Regierung sieht diesem Treiben nicht nur müßig zu, sondern unterstützt die Hetze durch ihre Presse. * =r= * Die jüdische Öffentlichkeit hat schon zu hunderten Malen darauf verwiesen, daß Rumänien die Bedingung, die der Berliner Vertrag an die Unabhängigkeit des Landes geknüpft hat, bis heute noch nicht erfüllte. Der Artikel 29 des Berliner Vertrages besagt ausdrücklich, daß sich Rumänien verpflichtet, seinen jüdischen Landesangehörigen das Bürgerrecht zu geben. Aber so oft die jüdische Öffentlichkeit darauf aufmerksam machte, wurde ihr zur Antwort, daß das Jahr 1878 längst vorbei sei. Man könne sich nicht in die innern Angelegenheiten eines Staates mengen. Es ist merkwürdig, daß der Grundsatz der Nichteinmengurig nur bei christlichen Staaten gilt. Gerade in den letzten Tagen haben sich zwei große europäische Staaten in die innern Angelegenheiten der Türkei eingemengt und der türkischen Regierung Vorschriften zu machen versucht, wie sie die Aufständischen in Mazedonien behandeln soll. Daß aber in Rumänien Gesetz und Recht gebrochen wurde, daß man in Rumänien die Juden zwar ins Heer einreiht, sie aber, wenn sie ihre Dienstpflicht getan haben, wieder für Fremde erklärt, daß man sie, wenn sie auf das flache Land hinausreisen wollen, unter Polizeiaufsicht stellt, daß man ihnen die staatsgrundgesetzlich garantierte Freizügigkeit unterbunden hat, — das ist in Europa längst bekannt und wird gleichmütig hingenommen. Das ist schon so bekannt, daß man der öffentlichen Erörterungen über dieses Thema fast schon müde geworden ist. Werden die europäischen Staaten ihre Passivität weiter beobachten? Die Frage, die wir stellen, glauben wir beantworten zu können. In Rumänien kommen schwere Tage für die Juden. Kammer und Regierung sind eins in der Behandlung der Judenfrage. Und wenn wieder, wie im Jahre 1907, jüdisches Blut fließen wird, und wenn wieder der rasende Pöbel die jüdischen Häuser plündern wird, dann wird es niemanden auf der Welt geben, der den wahren Schuldigen zeigen wird. Wir wollen deshalb schon heute darauf verweisen: Die Garanten des Berliner Vertrages tragen die Schuld daran, daß die Bojaren ihre feierlich eingegangene Verpflichtung nicht eingelöst haben, daß sie einen Zustand der Rechtsunsicherheit geschaffen haben, aus dem sich dann mit mathematischer Folgerichtigkeit die Pogromstimmung ergibt, die ja freilich — siehe 1907 — bei den Juden nicht Halt macht und, wenn sie mit dem Ghetto fertig ist, sich gegen die Herrensitze wendet. In der europäischen Diplomatie ist der Plan aufgetaucht, zur endgültigen Beseitigung der Balkansorgen

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