Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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der Jahrzeitstag des Rabbi Schimeon ben Jochai ist, in Meron, dem Wohnorte des Rabbi Schimeon ben Jochai, eine große Feier statt, zu der Scharen von Juden aus ganz Palästina und sogar aus dem Auslande herbeiströmen. Besonders von den bucharischen Juden wird dieses Fest stark besucht. Meron ist ein kleiner Ort, der auf einem sehr schlechten Gebirgswege in ungefähr 2 Stunden von Saffed aus zu erreichen ist. Es wohnen dort einige jüdische Familien, und neben der Synagoge, die über dem Grabe des Rabbi Sch. b. J. errichtet ist, befindet sich auch eine Jeschiwah mit 10 Schülern, die von Saffed aus dahin kommen. In diesem Jahre war die Feier infolge der schlechten ökonomischen Verhältnisse in Jerusalem schlechter besucht als im vorigen Jahre. Immerhin waren doch ungefähr 3000—4000 Personen, zumeist aus Saffed, Tiberias und den galiläischen Kolonien, ferner aus Jerusalem und Damaskus anwesend. Die Menge harrte geduldig auf dem Platz vor der Synagoge in der heißen Sonne aus, und es entwickelte sich ein malerisches Bild, wie Juden in den verschiedensten Trachten auf den Steinblöcken des Platzes biwaktierten und die mitgebrachten Vorräte verzehrten. In der Synagoge beteten viele mit Inbrunst am Grabe des Rabbi Sch. b. J. und zündeten Jahrzeitlichter für ihn an. Auf dem Hofe der Synagoge tanzten die Chassidim ihren eigenartigen Tanz. Als kurz vor 9 Uhr abends das Feuer zu Ehren des Rabbi Sch. b. J. auf dem Dache der Synagoge angezündet werden sollte, war dieses Dach ebenso wie die angrenzenden Seitenterrassen und der Hof der Synagoge mit Menschen überfüllt. Sofort nach dem Anzünden des Feuers entstand, angeblich durch einen Windstoß, der das Feuer bewegte und die Nahestehenden vorn Feuer vertrieb, auf dem Dache der Synagoge ein schreckliches Gedränge. Die Menschenmenge preßte gegen die steinerne Brüstung des Daches, welche den Druck nicht aushalten konnte, und es geschah das Schreckliche, daß plötzlich die steinerne Brüstung und ungefähr 50 Menschen, die an der Brüstung standen, ca. 10 Meter tief in den Hof der Synagoge hinunterfielen. Die volle Wucht des herabstürzenden Mauerwerks und der herabstürzenden Menschen traf die am Hofe Kopf an Kopf stehende Menschenmasse. Es entstand eine schreckliche Panik, da bei der schlechten Beleuchtung nur ein Teil der Anwesenden wußte, was eigentlich geschehen war und alles nach dem Unglücksorte drängte. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis einigermaßen Ordnung geschaffen und das Unglück zu übersehen war. Es stellte sich heraus, daß 7 Menschen, darunter 4 Kinder, getötet und ca. 40 Personen mehr oder weniger schwere Verletzungen, meist Arm- und Beinbrüche, davongetragen hatten. Mit großer Mühe gelang es, die Leichen der Getöteten zu bergen und die Verwundeten in den Nebenräumen der Synagoge und in den benachbarten Häusern unterzubringen. Das schlimmste war, > daß keine ärztliche Hilfe und keinerlei Verbandzeug und Arzneimittel zur Verfügung standen. Diese mußten erst aus Saffed herbeigeholt werden, so daß die Verwundeten die ganze Nacht hindurch keine Linderung für ihre Schmerzen erhalten konnten. Es war ein Glück, daß der Kaimakam von Saffed und eine Anzahl von Polizisten zur Stelle waren. Dadurch war es wenigstens möglich, die Ordnung aufrecht zu erhalten und das Möglichste für die Unterbringung und den Transport der Verwundeten zu tun. Das Verhalten des Kaimakams verdient die größte Anerkennung. Nicht nur, daß er die ganze Nacht ununterbrochen tatig war und von einem Verwundeten zum andern ging, sondern er bezahlte auch aus eigener Tasche die Kosten des Transportes der Verwundeten nach Saffed und ließ auch sonst kein Mittel unbenutzt, um den Verwundeten die möglichsten Erleichterungen zu bringen. Die Getöteten wurden am folgenden Tage in Meron beerdigt. Die Verwundeten wurden auf Tragbahren, die man aus Brettern und Türen improvisiert hatte, in das von der Baronin Rotschild neuerbaute jüdische Hospital in Saffed geschafft, das leider noch immer der innern Einrichtung ermangelt und auf einen Wohltäter wartet, der die Einrichtungs- und Unterhaltungskosten auf sich nimmt. Sechs von den Verwundeten starben noch am folgenden Tage. Eine in Meron selbst unter den Anwesenden eingeleitete Sammlung ergab einen gewissen Betrag, der für die Pflege der Verwundeten und der durch das Unglück zu Waisen gewordenen Kinder verwendet werden soll. Wahrscheinlich wird das Unglück dazu beitragen, im nächsten Jahre der Pilgerfahrt nach Meron Abbruch zu tun. Ein Überfall auf Phule. In der Nacht vom 25. zum 26. Mai haben in Phule zehn junge bewaffnete Fellachen aus dem benachbarten Dorfe Solem bei Nazareth den jüdischen Wächter Igael, einen sehr tapfern und besonnenen iungen Arbeiter überfallen, um ihm sein Pferd zu stehlen. Sie gaben auf ihn mehrere Schüsse ab. Igael setzte sich zur Wehrr wobei ein junger Fellache und ein Pferd fielen. Der Überfall wurde von einem Kollegen des Igael, einem zweiten Wächter in Phule, nach Nazareth und Haifa gemeldet, von wo aus bald eine große Abteilung Polizei und Militär nach Phule entsandt wurde. Die vielen Verwandten und Freunde des gefallenen Arabers, der der Sohn eines angesehenen Schechs war, umzingelten inzwischen die Kolonie,, richteten großen Schaden auf den Feldern an und raubten mehrere Pferde. Sechs jüdische Arbeiter wurden bis zur Aufklärung des Vorfalls von der Polizei in Nazareth verhaftet. Die Nachricht von diesem Überfall ist von zahlreichen europäischen Blättern in sensationeller Form aufgebauscht worden. Wie aus dem obigen Berichte hervorgeht, scheint es sich um eine Schlägerei zu handeln, wie solche in den Kolonien schon öfter vorgekommen sind. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß hierbei die fortwährenden Verhetzungen der Araber durch den frühern Kaimakam von Nazareth und jetzigen Deputierten von Damaskus, Schükri Bej, und seine Genossen in der Redaktion des Haifaer christlich-arabischen Blattes „Karmel" mit eine Rolle gespielt haben. Eine jüdische Wäscherei und Färberei in Jerusalem erwünscht Wie das Jerusalemer Informationsbureau mitteilt, könnte ein fachkundiger jüdischer Wäscher, der einen europäischen Wäschere:- und Färbereibetrieb in Jerusalem eröffnen würde, lohnenden Erwerb finden. Derselbe müßte über ein Kapital von ca. 3000 Francs verfügen. Wegen näherer Auskünfte wende man sich an das Informationsbureau, Jerusalem. Schenkung für die Zentralbibliothek in Jerusalem Herr Z. L. Rabbinerson in Kiew hat der jüdischen Zentralbibliothek in Jerusalem (Beih Neemän) eine reichhaltige, überaus wertvolle Sammlung alter hebräischer Druckwerke und Handschriften zum Geschenke gemacht. Handfertigkeitsunterricht in den Orientschulen Um die junge Generation irn Orient für den wirtschaftlichen Wettbewerb bereits auf der Schule auszurüsten, ist der Hilfsverein der Deutschen Juden, wie er uns mitteilt, darangegangen, die intellektuelle Ausbildung durch Einführung von Handfertigkeitsunterricht zu ergänzen. Der Handfertigkeitsunterricht, — dessen Wert für die körperliche und geistige Entwicklung wie die Berufsvorbildung der Jugend immer mehr erkannt wird. — soll in den Schulen des Hilfsvereins ein besonderes Lehrfach bilden, das in den Händen fachmäßig geschulter Lehrer liegt. In Konstantinopel ist bereits in der Or-Thoraschule des Hilfsvereins vor einigen Jahren der Anfang damit gemacht worden, und der Unterricht hat sich dort bestens bewährt. Mit Unterstützung der Alexander und Fanny Simon'schen Stiftung in Hannover hat der Hilfsverein der Deutschen Juden nunmehr die Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in den Orientschulen in weiterm Umfange in Angriff genommen. Am Anfang des neuen Schuljahres hat der Hilfsverein einen geprüften, praktisch wie theoretisch gebildeten Gewerbelehrer, Herrn Arthur W. Schmidt, einen Schüler von Georg Korschensteiner in München, nach Palästina entsandt, um zuvörderst im dortigen Schul werk des Hilfsvereins den Handfertigkeitsunterricht zu organisieren. Jetzt wird bereits an drei Anstalten des Hilfsvereins von Herrn Schmidt Unterricht erteilt: an zwei Knabenschulen, in Jerusalem und dem benachbarten Jaffa, dem er zwei Tage in der Woche widmet, und dem Lehrerseminar in Jerusalem. Der Unterricht wird alsbald auf weitere Institute des Hilfsvereins in Palästina wie im europäischen Orient ausgedehnt werden. In erster Linie wird er in der Mittelschule des Hilfsvereins in Haifa zur Einführung gelangen, die den Unterbau für das Jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina bildet. Durch die fachmäßige Ausbildung der Zöglinge des Lehrerseminars in Handfertigkeiten, die berufen sind, in der asiatischen Türkei wie in den Balkanländern in Stadt und Land, an Schulen des Hilfsvereins wie an andern Anstalten als Lehrer zu wirken, ist zu erwarten, daß dieser für die Regeneration der Judenheit im Orient höchst bedeutungsvolle Unterrichtszweig bald eine weite Verbreitung erfährt.