Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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542 DIBBELT No. 23 Rußland Zur Kiewer Ritualmordhetze Anläßlich der Interpellation in der Reichsduma bezüglich des Kiewer „Ritualmordes" hat der bekannte jüdische Dichter Scholem- Aleichem (P. Rabbinowitz) an den ihm befreundeten hervorragenden russischen Schriftsteller Amphitheatrow einen Brief gerichtet, in dem es u. a. heißt: „Sie haben wohl schon von der lieben Interpellation in der Duma gehört, in welcher uns Juden, die der Welt die Bibel gegeben haben, nicht mehr und nicht weniger vorgeworfen, als der Gebrauch menschlichen Blutes am Passah. Wie fühlen Sie sich als Christ und Russe in diesem Augenblick? Was gedenken Sie und Ihre Freunde in dieser Stunde zu tun, wo man die Geschichte um einige Jahrhunderte zurückgeschraubt hat? Wie können nur diejenigen schweigen, die ihre Stimme erheben könnten und müßten, daß sie in aller Welt vernehmbar würde?" Herr Amphitheatrow antwortete darauf mit folgendem Schreiben: „Teurer Scholem-Aleichem! Mit ganzem Herzen fühle ich Ihren Kummer und Ihre Entrüstung mit: Die Beschuldigung der Juden, daß sie christliches Blut gebrauchen, und die Polemik aus diesem Anlaß sind in der Tat abscheulich und empörend. Als Publizist und Historiker könnte ich eine ausführliche Widerlegung hinsxhtiich dieser abscheulichen Verleumdung von der Zeit Ophians bis, auf unsere Tage schreiben. Wir haben es aber mit niederträchtigen Lügnern, schamlosen Gesellen mit eherner Stirne zu tun, die keinerlei Beweise gelten lassen würden, nicht etwa, weil sie uns nicht glauben, sondern weil sie uns nicht glauben wollen, da es ihnen nicht in den Kram paßt. Das sind Pogrommacher von Natur, Pogrommacher aus bösem Willen, aus Beruf. Bei uns in Rußland heißt es, wenn der Henker seinen „ehrenhaften" Beruf ergreift, sage er sich von Vater und Mutter los; all diese Menrchikows und die Helden der „rechten" Tribüne aber haben sich auch von der ganzen Menschheit losgesagt .... Den Inhalt Ihres Briefes habe ich auch Maxim Gorki mitgeteilt und habe auch hervorragenden russischen Schriftstellern den Vorschlag gemacht, einen Kollektivprotest zu veranstalten, der die weiteste Verbreitung unter den Volksmassen finden sollte. Nehmen Sie sich die ganze Sache nicht zu sehr zum Herzen und übertragen Sie Ihre gerechte Entrüstung, die ja nur einzelne Scheusale verdienen, nicht auf ein ganzes Volk," Am 30. Mai brachten auch die „Birshewija Wjedomosti" und die „Rjetsch" ein offenes Schreiben Amphitheatrows, in welchem die russischen Schriftsteller zu einem Kollektivprotest gegen die Ritualmordhetze aufgefordert wurden. Inzwischen ruhen die Herren Patrioten auch nicht. Den Bemühungen der Kiewer Pogromhelden ist es endlich gelungen, einen geistesgestörten Juden ausfindig zu machen, den sie so lange mit „Literatur" und persönlicher Einwirkung bearbeiteten, bis er schließlich der Polizei offiziell berichtete, ein „Chassid" hätte ihm erzählt, daß er und seine „Sektengenossen" den Juschtschinsky zu religiösen Zwecken hingemordet hätten. Die Semschtschi na bringt in ihrer Nummer vom 28. Mai in schwarzem Trauerrand eine Liste von 17 rechtssitzenden Dumaabgeordneten, die von fünf Juden wegen der Einbringung der Interpellation bezüglich des Kiewer „Ritualmordes" mit dem Tode bedroht worden seien. Diese Liste hat übrigens auch der blutrünstige Markow auf der Schlußsitzung der Dumasession von der Tribüne aus verlesen. Judenexzesse in Nejshin In der Stadt Nejshin kam es am 21. Mai zu ernsten Ausschreitungen gegen die Juden. Während des Jahrmarktes schrie ein Bauer plötzlich, daß ihm ein Jude falsches Geld gegeben habe. Daraufhin drangen die Bauern mit Steinen, Messern und Äxten auf die Juden ein. Die Polizei erwies sich als machtlos, und erst nach dem Eintreffen berittener Polizei, die mit Kantschuhieben die wütende Menge auseinandertrieb, gelang es, die Juden aus ihrer gefahrvollen Lage zu befreien und des Pöbels Herr zu werden. Ein Schutzmann wurde schwer, mehrere leicht verletzt. Von den Bauern wurden viele durch Kantschu- und Säbelhiebe verletzt. Ein Jude wurde erschlagen, mehrere trugen schwere Verwundungen davon. 52 Bauern wurden verhaftet. Pogrompanik in Bessarabien Alle Züge von der russischen Grenze bringen zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus verschiedenen Städten Bessarabiens, die aus Furcht vor nahe bevorstehenden Pogromen die Heimat verlassen, nach Rumänien. In den letzten Tagen wurden aus Kiew mehr als 500 Mitglieder der Schwarzen Hundert nach Bessarabien kommandiert, die namentlich in Kischinew (wie auch im Norden in Hornel) ständige Komitees zur „Ermittelung von Ritualmorden" bilden. Antisemitische Agitatoren durchziehen die Städte und Dörfer unter dem Schutze der Polizei und anderer Behörden und verbreiten Ansichtskarten, auf denen mit feuerroten Buchstaben gedruckt ist: „Rechtgläubige Christen, russische Männer,9 erbarmt Euch Eurer Kinder, nehmet Rache an den Juden! Auf, schlaget die Juden, bis es nicht einen einzigen Juden in Rußland gibt." Die Intervention der jüdischen Bevölkerung bei den Behörden war bisher erfolglos. Die ßezalel-Ausstellung in Odessa In der am 28. Mai eröffneten allrussischen Ausstellung in Odessa macht sich der schon äußerlich mit großem künsterischem Geschmack eingerichtete Pavillon der Jerusalemer Kunstgewerbeschule „Bezalel" besonders bemerkbar. Die lokale Presse bringt täglich Illustrationen und Notizen über die Bezalel-Ausstellung. Die Bezalel-Abteilung wird allgemein als einer der Anziehungspunkte der Gesamtausstellung anerkannt. Zur Ausstellung gelangen künstlerisch hervorragende Teppichexemplare, feine Filigranarbeiten, Erzeugnisse aus Olivenholz mit Perlmuttereinlagen usw. Das Arrangement der Ausstellung besorgte persönlich der Direktor des „Bezalel", Professor Boris Schatz, der sich zu diesem Zwecke seit einem Monate in Odessa aufhält. Der Kischinewer Prozentnorm-Prozeß Dieser Tage fand in Kischinew ein sensationeller Prozeß seinen Abschluß, der auf die Auswüchse der sogenannten Prozentnorm ein grelles Schlaglicht wirft. Anlaß zu diesem Prozesse gab ein Aufsatz des Odessaer Dumaabgeordneten Nikolsky in der „Rjetsch", in dem die Tatsache festgestellt wurde, daß die Aufnahme von jüdischen Aspiranten in die Odessaer Universität nicht nach dem bei der Anwendung der Prozentnorm vorausgesetzten Wettbewerb, sondern nach ganz andern Gesichtspunkten und Motiven erfolge. Die Sache wurde viel zu laut, als daß man sie hätte ignorieren können, und der Staatsanwalt sah sich genötigt, eine Untersuchung einzuleiten. Das Ergebnis derselben war die Feststellung, daß eine Reihe von Personen sich behufs Aufnahme in die Universität an gewisse Damen gewandt und die hübschen Sümmchen von je 1200—1500 Rubeln entrichtet hatten, worauf sie denn, trotz ihrer minderwertigen Maturitätszeugnisse, prompt immatrikuliert wurden, während andere Aspiranten, die das Gymnasium „mit goldener Medaille" absolviert hatten, abschlägig beschieden wurden. Infolge dieser Feststellung wurden nun die Jüdinnen Abraham, Zwieback und Lasarsohn und die Russin Tschernischewa angeklagt, daß sie Betrug an mehreren Personen verübt hätten, indem sie ihnen vorspiegelten, die Aufnahme an der Universität vermitteln zu können. Das Verhör der Zeugen ergab als unbestrittene Tatsache, daß die angeklagten Damen ihre „Aufgabe" stets mit großer Gewissenhaftigkeit erfüllten. Trotz der Bemühungen des Staatsanwalts und des ihm assistierenden Präsidenten gelangten die Geschworenen doch zur Überzeugung, daß sie es nicht mit Schwindlern, die ihre Klienten in betrügerischer Weise um ihr Geld brachten, sondern mit „ehrlichen Maklern" und gewissenhaften Vermittlerinnen zu tun hatten, und sprachen die Angeklagten frei. Die „glückliche Lotterie" der Angeklagten, von der die Anklageschrift sprach, entpuppte sich als Vermittlungsgesellschaft auf solider Grundlage, und die patriotische Universität Odessas stand im schönsten Lichte da. . . . Die Prozentnorm zeigte sich aber wieder einmal in ihrer ganzen Absurdität und Verwerflichkeit. Verbot des Sommeraufenthaltes Aus den verschiedensten Gegenden Rußlands wird über das Verbot des Aufenthaltes von Juden in der Sommerfrische berichtet Die Eigentümer der Sommerwohnungen werden angehalten, eine schriftliche Verpflichtung abzugeben, ihre Wohnungen an Juden nicht zu vermieten. U. a, ereilte dieses Geschick auch die Seekurorte Schabo und Budaki in der Nähe von Odessa, wo alljährlich Tausende jüdischer Familien zur Erholung weilten. |y NACHRICHTEN ^g] „Spanierstreik" in Galizien In dem galizischen Städtchen Sassow gibt es eine große Fabrik zur Erzeugung der sogenannten „Spanier", das sind die aus Silberfäden usw. gewirkten Borten für die Tallessim. Diese Borten werden ausschließlich von jüdischen Arbeitskräften hergestellt.