Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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540 DIE2§KELT No. 23 druck verliehen und wir konnten nicht zu Gefallen sein. Im übrigem ist es kaum der Mühe wert, solche Redensarten ernst zu behandeln. Dies sei den Leitartiklern der liberalen Presse vorbehalten, die im diesen Worten nur den Zorn des christiichsozialen Führers erkennen wollen, weil es, wie sie immer konstatieren, in der christiichsozialen Partei kracht und weil sie verblendet hoffen, daß der Kadaver „Liberalismus" so neu belebt werden könnte. Die modernen Juden Österreichs haben ihren eigenen Weg eingeschlagen und verzeichnen solches Hep-Hep-Geschrei aus dem erlauchten Munde eines Prinzen nur als Kulturdenkmal der Reichsratswahlperiode im Jahre 1911. Die Wahlkampagne Das Lemberger Zentralkomitee hat für eine Reihe weiterer Wahlkreise die Kandidaturen festgestellt. Es wurden für Stanislaus Adolf Stand, für Tarnobrzeg Dr. Wahrhaftig, für Tarnow und Jaslo Dr. Syrop, für Bursztyn Dr. Wurzel, für Rzeszow Dr. Freilich, für Zolkiew Dr. Rapaport und für Neu-Sandez Dr. Silbermann nominiert. Die Wahlarbeiten sind in vollem Gange. In allen Bezirken werden die Wahlbewerber des Zentralkomitees mit großem Enthusiasmus begrüßt. Dagegen herrscht in dem ohnehin schon sehr dezimierten Lager der Assimalanten arge Zerklüftung und Mißstimmung wegen der Art, in der der Polenklub seine jüdischen Nachläufer behandelt. Dies hat zur Folge, daß diese wenigen Kandidaten — es sind für das ganze Land irn ganzen neun — nicht einmal der Unterstützung der polnischen Wählerschaft sicher sind. Als ein interessantes Stimmungsmoment soll hier der Aufruf des gewesenen bäuerlichen Abgeordneten Paduch verzeichnet werden. Dieser Herr war in eine sehr peinliche Korruptionsaffäre verwickelt, in deren Verlauf zutage kam, daß er mit noch drei andern Abgeordneten aus der Notlage brotlos gewordener jüdischer Schänker ansehnliche Summen zu gewinnen verstand. Da er schließlich des Meineids verdächtig geworden war, trat das Gericht zu Tarnobrzeg die Angelegenheit an die Rzeszower Staatsanwaltschaft an. Nun versendet Paduch an seine Wähler einen Aufruf, in dem er erzählt, sein Vergehen sei eigentlich eine gute Tat. Es sei gut, daß einmal ein Bauer einen Juden beschwindelt habe. Er appelliert an seine Wähler, ihm ihre Stimmen zu geben, da er sonst zum Bettier werden müßte. Erfreulich lauten die Nachrichten aus dem mährischen Kampfgebiet. Bis in die kleinsten Gemeinden tragen unsere Gesinnungsgenossen den nationalen Gedanken und überall zeigt sich die Entrüstung der jüdischen Wählergegen die Kandidatur des bekannten Dr. Redlich, der ^von niemandem mehr unterstützt wird.' In den jüdischen Gemeinden dieses Bezirks, die von alters her das Selbstverwaltungsrecht besitzen, hat die Kandidatur des Herrn Brunner zu einem Zusammenschluß der Judenschaft geführt. Dieses schöne Resultat wird hoffentlich nicht durch die Wahlen begrenzt werden, sondern für alle Zukunft bestehen bleiben. Man muß der Gerechtigkeit willen zugeben, daß hierfür auch Dr. Redlich der Dank gebührt. Seine Erklärung, die er in Versammlungen in Lundenburg, Göding und Pohrlitz abgegeben hat, er habe stets ein gutes Einvernehmen mit den Christlichsozialen gesucht und werde dies auch in Zukunft tun, hat viel zur Aufklärung der Juden beigetragen. Mit großem Elan kämpfen unsere Gesinnungsgenossen in Wien. Auch hier zeigt sich, daß die jahrelange Aufklärungsarbeit des Zionismus nicht erfolglos geblieben ist. Die Juden haben wieder Interesse für die jüdischen Fragen und es wird den Liberalen und sozialdemokratischen Bezirksgrößen, die hier bei den Juden um Stimmen betteln, täglich schwerer, sich um den Judenpunkt zu drücken. Besonders bemerkt muß werden, daß die Sozialdemokratie, die den Redakteur Austerlitz, eine Reinachfigur, in den Kampf geschickt hat, sich plötzlich jeder antijüdischen Äußerung in ihrer Presse enthält. Nach den Wahlen wird mans anders lesen. Aber auch jetzt scheint diese Mäßigung nicht mehr viel zu helfen, und unser Gesinnungsgenosse Herr Stricker entwickelt eine umsichtige und vornehme Agitationsarbeit. Der jüdische Volksrat in der Bukowina hat für das zweite Städtemandat dieses Landes den frühern Abgeordneten Privatdozenten Dr. Arthur Mahl er in Wien, aufgestellt. Die Kandidatur Dr. Mahlers wurde durch eine aus dem ganzen Wahlbezirk beschickte Vertrauensmännerversamnilung genehmigt. Berliner Brief (Von unserm Berichterstatter) Die parlamentarischen Sommerferien werden diesmal keine Stagnation in das innerpolitische Leben im Reiche bringen. Die seit geraumer Zeit bereits irn Gange befindlichen Vorbereitungen für die Reichstagswahlen, die voraussichtlich Mitte Januar nächsten Jahres stattfinden dürften, werden in den kommenden Monaten von allen Parteien sicherlich mit verstärktem Eifer betrieben werden. Die besondere Bedeutung der bevorstehenden Wahlen für die künftige Gestaltung der innern Politik in Deutschland; die tiefgeifende, in weiten Volkskreisen verbreitete Unzufriedenheit über die vom „schwarz-blauen Block" diktierte „Finanzreform" und dessen Rück- * ständigkeit auf dem Gebiete der sozialen und kulturellen Gesetzgebung, und die seit dem Sturze des Fürsten Bülow anhaltende Ungeklärtheit der gesamten innerpolitischen Lage veranlassen die Parteien, sich diesmal mit besonderer Engergie zum Wahlkampf zu rüsten. Auch die jüdischen Gesellschaften lassen es dabei an Eifer nicht fehlen. Der „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" haben sich zu gemeinsamem Vorgehen vereinigt, um mit vereinten Kräften den offenen und verkappten Antisemitismus bei den Wahlen zu bekämpfen und für den Wahlfonds zu agitieren. In einem von den genannten großen Organisationen gemeinsam unterzeichneten Aufruf heißt es u. a.: „Man macht die sehr beklagenswerte Erfahrung, daß von jüdischer Seite vielfach für allgemeine Zwecke, die unter Umständen bei praktischer Durchführung sich oft gegen die Juden richten, recht erhebliche Summen zusammengebracht werden. Dagegen ist gerade für die Kostspieligkeit unserer außerordentlich wichtigen politischen Kämpfe, die jedem einzelnen deutschen Juden erst die Grundlage seiner bürgerlichen Existenz sichern sollen, oft ein recht geringes Verständnis vorhanden." Diese Selbstkritik ist bemerkenswert und berührt eine von den bewußt-jüdischen Kreisen und namentlich von den Zionisten häufig kritisierte Erscheinung. Wie oft stiften deutsche Juden Beträge für aligemeine philantropische Zwecke „ohne Unterschied der Konfession" — bei deren Verwendung dann mitunter Juden geradezu ausgeschlossen werden! Jene Selbstkritik ist eines der in jüngster Zeit zutage tretenden mannigfachen Zeichen dafür, daß in den leitenden Kreisen der deutschen Judenheit eine erfreuliche Stärkung des Eigenbewußtseins und der Selbstachtung sich vollzieht. Das macht sich auch bei den Vorbereitungen für den Wahlkampf bemerkbar. Neben der Parole: „Gegen die Antisemiten!1' geht auch eine lebhafte Bewegung gegen die jüdischen Renegaten. Allerdings wird den Juden die Durchführung dieses letztern Bestrebens mitunter nicht ganz leicht gemacht. Die Liberalen sind zu „tolerant", um die Täuflinge „zurückzusetzen". Und sie gehen in ihrer „Toleranz" soweit, daß sie getaufte Juden in manchen aussichtsreichen Wahlkreisen als Kandidaten aufstellen, während sie wirkliche Juden höchstens in völlig aussichtslosen Kreisen als Kandidaten nominieren. Und so werden die jüdischen Wähler in mehr als einem Orte in die Verlegenheit kommen, zwischen zwei „Übeln" zu wählen: zwischen einem Antisemiten und einem Renegaten. Das ist der Lohn der Liberalen für die große Förderung, die ihnen von den Juden zuteil wird! Zur „Judenfreundliclikeit" der Freisinnigen paßte auch die Bemerkung des Berliner Uriiversitätsprofessors von Liszt im preußischen Abgeordnetenhaus bei der Begründung der Interpellation der Fortschrittlichen Volkspartei über den Selbstmord des in der hiesigen Universität nicht immatrikulierten russischen Studenten Demetrius Dubrowsky. Der bekannte Strafrechtslehrer und liberale Führer führte dabei aus, Dubrowsky habe Selbstmord begangen, weil ihn die Universitätsbehörden infolge einer unzutreffenden polizeilichen Information zur Immatrikulation nicht zugelassen hätten, und fügte hinzu: „Dubrowsky ist der Sohn eines sehr hochstehenden russischen Beamten, der weder Jude noch jüdischer Herkunft ist." Man begreift nicht recht, was Professor von Liszt mit dieser Bemerkung, zu der äußerlich nicht der mindeste Anlaß vorlag, denn eigentlich sagen wollte. Und wenn Dubrowsky „Jude oder jüdischer Herkunft" wäre? Sollte das etwa eine Entschuldigung oder eine Erklärung für die Handlungsweise der Universitätsbehörden sein? Solche Bemerkungen im Munde eines liberalen Führers sind sehr lehrreich. Sie zeigen immer aufs neue, wie wenig sich die Juden auf den „Fortschritt" verlassen können und dürfen. Für uns Zionisten gehört dies allerdings längst schon zum ABC der politischen Erkenntnis. Es ist aber erfreulich, daß diese Erkenntnis auch in andern jüdischen Kreisen durchzudringen beginnt. Was jetzt — ein Jahrhundert nach dem Beginn der äußern Emanzipation — in der deutschen Judenheit vor sich geht, das ist der Beginn der innern Emanzipation. Palästina Der Unglücksfall in Meron Von einem Augenzeugen des Unglücks von Meron geht uns folgende Schilderung des schrecklichen Ereignisses zu: Bekanntlich findet alljährlich am Lagbeomertage, der zugleich