Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 23 DIE3§KELT 530 aufgenommen. Als zweiter Referent des Abends sprach Herr Dr. med. Kalmus über „Jüdische Zeit- und Streitfragen". Der Redner beschäftigte sich hauptsächlich mit den jüngsten Vorgängen in der Verwaltung der Alliance Israelite Universelle. Auch die Ausführungen dieses Referenten fanden allgemeinen Beifall.^ Erst spät in der Nacht wurde die Versammlung vom Vorsitzenden* mit einem warmen Appell an sämtliche Anwesenden, sich der zionistischen Bewegung anzuschließen, soweit sie noch keine Mitglieder derselben seien, geschlossen. Eine größere Anzahl von Personen folgte diesem Mahnrufe, so daß die Versammlung auch in dieser Hinsicht als eine wohlgelungene bezeichnet werden kann. Offenbach a. M. Hier fand eine stark besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher Herr Dr. Julius Moses über „Wesen und Ziele des Zionismus" sprach. Seinen ausgezeichneten Ausführungen folgte starker Beifall. In der Diskussion nahm Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt das Wort zu längern Ausführungen, in denen er darlegte, daß an Steile Kritik der andern Organisationen sowie der Juden, die die Missionsidee des Judentums vertreten, eine andere Methode der zionistischen Propaganda treten müsse. Große Teile der deutschen Judenheit, speziell die Rabbiner, die für die Erhaltung des Judentums besorgt seien, wären dann zu gewinnen. Die zionistischen Redner zeigten, daß die positive Arbeit, die die zionistische Bewegung leiste, die beste Propaganda bedeute. Dr. Moses hob die große Bedeutung für jüdische Akademiker hervor, M. Levigard besprach die politische Arbeit, und L. Perlmutter analysierte an einer Definition zionistischer Grundbegriffe den Zionismus als Ausdruck des jüdischen Idealismus schlechthin. Es erfolgten mehrere Beitrittsanmeldungen. Österreich Warnsdorf. Die von dem böhmischen Distrikskomitee durchgeführte Rayonisierung des Distrikts hat sich nun auch hier glänzend bewährt. Nach wochenlanger intensiver Vorarbeit des Leiters des Rayonkomitees Gabionz a. N., Herrn Ernst Fleischer, sowie der Vertrauensmänner des Bezirks, der Herren Carl Leo Dub,' Warnsdorf, und Dr. Hugo Low, Rumburg, fand Samstag den 27. d.M. die erste, zahlreich besuchte zionistische Agitationsversarnmlung statt, die schöne und bleibende Erfolge zeitigte. Herr Dr. Low führte den Vorsitz. In einstündiger gehaltvoller Rede bot Herr Fleischer ein klares Bild der materiellen und sozialen Judennot in den Golusländern und brandmarkte in kernigen Worten die Schädlichkeit und Würdelosigkeit der Assimilationspolitik. In übersichtlicher Weise veranschaulichte der Referent dem mit gespannter Aufmerksamkeit folgenden Auditorium die Ziele und Zwecke des Zionismus, die stetig wachsenden Erfolge der praktischen Arbeit in Palästina und die erzieherischen und organisatorischen Verdienste der Bewegung in den westlichen Golusländern. Reicher Beifall lohnte die ausgezeichneten Ausführungen des Redners, und es entwickelte sich nun eine anregende Diskussion, an welcher sich die Herren Weigner, Fürth, Barna, Schlesinger (Jordania, Prag), Beer, Busch(BarKochba, Prag), Dr.Löw und Fleischer beteiligten und durch die die Beseitigung aller noch vorhanden gewesenen Bedenken herbeigeführt und völlige Einmütigkeit erzielt wurde. Vor allem aber war es dem ergreifenden und begeisternden Appell zu danken, den Frau Beer an die Versammlung richtete, daß aus deren Mitte selbst das Verlangen nach sofortiger Gründung einer Organisation gestellt wurde. Es wurde dann unverzüglich die Errichtung einer Ortsgruppe beschlossen und Herr Fabrikant Emil Beer einstimmig zum Obmann gewählt. Die noch an Ort und Stelle vorgenommene Schekel- und Nationalfondssammlung ergab ein erfreuliches Resultat, das durch die energische Werbearbeit des neugewählten tatkräftigen Obmanns in Kürze noch eine bedeutende Bereicherung erfahren dürfte. Schließlich wurde beschlossen, auch während der Sommermonate den Kontakt zwischen Rayonleitung und der Ortsgruppe aufrechtzuerhalten und im Herbst eine Reihe großzügiger Versammlungen zu veranstalten. In vorgerückter Stunde schloß der Vorsitzende den schönen, durchaus gelungenen Abend mit Dankesworten an die Versammlung. Schweiz Zürich. Am Sonntag, 28. Mai, hielt Herr Dr. Meinrath aus Konstanz im großen Saale des Volkshauses in Zürich einen Vortrag mit Lichtbildern über seine Reise durch Palästina. Über 300 Personen aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung lauschten bei regster Aufmerksamkeit 2Va Stunden lang den überaus interessanten Ausführungen des Referenten und bewunderten mit freudiger Genugtuung die vortrefflich gelungenen Aufnahmen.* Prächtig präsentierten sich die Kolonien Moza, Sichron Jakob, Rechoboth, Chederah, Rischon le Zion, Ben Schämen usw., ferner Jaffa mit Tel-Awiw, Jerusalem und Haiffa. Großer Beifall lohnte dem Redner und begeisterten Zionisten seine Vorführungen. Für die hiesige Ortsgruppe und den zionistischen Gedanken war die Veranstaltung ein ganz bedeutender Erfolg. Vereinigte Staaten New York. Die Freunde unsers bekannten Gesinnungsgenossen und Volksredners Joseph Barondess gaben ihm letzten Samstag im Palm Kasino ein Bankett, welches wegen der dabei gehaltenen Reden sehr bemerkenswert ist. Es sprach zuerst Herr Lauterbach, der sich gegen die Arbeit der Zionisten wandte, denen er vorwarf, die loyalen Gefühle der Juden für die Vereinigten Staaten zu erschüttern. Als nach seiner Rede viele der Teilnehmer die „Hatikwah" anstimmten und die blauweiße Fahne schwangen, erklärte der nächste Redner, der Richter Otto Rosalsky, es habe ihm leid getan, die jüdische Hymne statt der amerikanischen zu hören. Er verbreitete sich dann ausführlich über die Segnungen der amerikanischen Freiheit für die Juden. Diesen beiden Rednern antwortete in taktvoller und energischer Weise Herr Dr. J. L. Magnes, Rabbiner der Kongregation Bnai Jeshurun, der ausführte, daß man nach seinem Empfinden zu viel von den loyalen Empfindungen spreche. Es scheine, als ob die Juden, die dies tun, argwöhnten, daß man ihrer Loyalität nicht traue. Niemand denkt an Illoyalität, wenn ein Irländer, der Mitglied des Obergerichts ist, an der Spitze einer irischen Organisation steht oder für die Verbreitung der gälischen Sprache tätig ist. Es gibt keinen Konflikt zwischen Loyalität und zionistischem Bekenntnis. — Bei dem Bankett wurde infolge der Ausführungen Dr. Magnes eine Sammlung für das „Jüdische Volk", das zionistische Organ New Yorks veranstaltet, wobei über 4600 Jt gezeichnet wurden. Der oben erwähnte Herr Lauterbach gab 100 J(> mit der Bemerkung: „Ich gebe 100 Ji, da ich sehr gerne für meine eigne Bekehrung bezahlen möchte." Tunis Tunis. Die zu Beginn dieses Jahres hier gegründete „Association SionisteTunisienne", deren Mitglieder ausschließlich einheimische, arabisch sprechende Juden sind, entfaltet eine überaus rührige Tätigkeit. Der Verein verfügt über ein eigenes Heim, in dem sich die Mitglieder allabendlich zu zionistischen und allgemein-jüdischen Vorträgen, Diskussionen usw. versammeln. Auch eine Lesehalle ist in dem Vereinsheim eingerichtet worden, in der hebräische, arabische und französische Zeitungen aufliegen. An die Lesehalle soll in kurzem auch eine jüdische Bibliothek angegliedert werden. Eine eigene Nationalfondskomission ist eingesetzt worden, die bereits 50 Sammelbüchsen verteilt hat und eifrig Spenden für den N. F. sammelt. Wir haben auch Schritte eingeleitet, um in der Provinz zionistische Vereine ins Leben zu rufen. Im Ijjar d. J. versandten wir einen Aufruf in j.udäo-arabischer Sprache an die jüdischen Gemeinden des Landes, worin wir unsere Brüder zum Anschluß an die zionistische Bewegung aufforderten. Wir können bereits heute sagen, daß der Aufruf einen guten Erfolg hatte und beitragen wird, die Zahl der Gesinnungsgenossen in Tunesien erheblich zu vermehren. Wiener Brief Von unserm Berichterstatter Der Hep=Hep=Prinz Austria non erit in orbe ultima! Österreich hat gegen den deutschen Dreschgrafen Pü ekler einen glänzenden Rekord geschlagen. Champion ist der Träger eines der klangvollsten aristokratischen Namen Österreichs, Pri nz Alois v on undzu Liechtenstein, der erlauchte Landmarschall von Niederösterreich, der Heerführer der christlichsozialen Partei. Seine Hoheit der Prinz geruhte in einer christlichsozialen Wählerversammlung in Währing, das etwas ins Vergessen geratene „Hep-Hep!" seines bürgerlichen Freundes und Genossen Ernst Sehn eider, der auf die Juden nur ein Schul3geld einführen wollte, wieder in Erinnerung zu bringen. Mit dem Schußgeld des edelsten Ehrenbürgers von Wien begnügt sich der hohe Herr nicht, auch ein kleiner Progrom, mit dem weiland Lueger drohte — die offiziellen Israeliten Wiens fügen hier noch „Gott habe ihn selig!u hinzu, — dünkt ihm zu tolerant: Dem Judentum müsse der Garaus gemacht werden und so lange dieses zersetzende, staatsgefährliche Element, und sei es auch mit Hilfe des Teufels — wie es in der zitierten Rede heißt, — nicht zur Strecke gebracht sei, gebe es keinen nationalen Ausgleich! Seine Exzellenz, der „schwarze Loisl", der die Hilfe des Teufels anruft, ehrt uns Juden sehr. Wie viele vor ihm haben diesem menschenfreundlichen Wunsch mit Folter und Scheiterhaufen Nach-