Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316484--54624-3348419- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
536 DIE30KELT No. 23 wortlich. Von objektiven Ursachen ist die wichtigste ihre Zerstreuung über den ganzen Erdkreis bei Fortbestand ihres Zusammenhanges durch Religion und Sprache. Der jüdische Händler findet überall einen Glaubensgenossen, der ihm als sprachkundiger und zuverlässiger Makler dienen kann. Dazu kommt die „Fremdheit" zunächst im psychisch-sozialen Sinne. Die Juden, nirgends eingewurzelt, haben überall die Psychologie des Kolonisten, der bekanntlich überall besonders regsam und neuerungslustig ist, weil er aus dem Boden der Tradition der Heimat entwurzelt ist. Verstärkt wird diese „Kolonistenpsychologie" dadurch, daß die Juden auch im bürgerlichen Sinne fast überall „Fremde'"' bleiben, Halbbürger, wie Sombart sie glücklich nennt. Er hat aber wohl recht, wenn er diesen, von seinen Vorgängern überaus stark betonten Umstand nicht allzu hoch bewertet. Denn auch dort, wo die Juden volle Bürgerrechte genossen, ja sogar privilegiert waren, waren sie immer geneigt, sich abzuschließen. Das tun alle fremden Kaufleute überall in der Welt; und diese Tendenz mußte bei den Juden noch durch religiös-kultliche Bedürfnisse verstärkt werden. Immerhin mußte da, wo sie in. der Tat nur Halb¬ oder Stiefbürger waren, diese ihre politische Stellung sie mit aller Gewalt auf die Bahn des Berufes als Kaufleute und Qeldleiher drängen. Vom politischen Leben ausgeschlossen, häufig genug ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher, blieb ihnen kaum etwas anderes übrig, als sich auf diejenigen Berufe zu konzentrieren, die ihnen mit dem Reichtum einen gewissen Schutz verliehen, und namentlich solchen Besitz zu erwerben, der leicht von Ort zu Ort geschafft und vor dem räuberischen Zugriff der Pogrome geschützt werden konnte. Sombart macht es wahrscheinlich, daß die Juden das Inhaberpapier nicht zuletzt aus dem Grunde entwickelt haben, weil es ihnen ermöglichte, ihre Reichtümer für ihre Verfolger unauffindbar zu machen. Dieser Reichtum an Geld befähigte sie nun, sofort überall als kapitalistische Unternehmer aufzutreten, wo die allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen dazu überhaupt gegeben waren. Sombart legt auf diesen Punkt mehr Gewicht als er mir zu verdienen scheint; ich stehe aus allgemeinen theoretischen Erwägungen auf dem Standpunkte, daß schon die winzigsten Kerne von Kapital genügen, um in Zeiten junger kapitalistischer Blüte sehr schnell zu ungeheuren Kapitalmassen anzuwachsen; den erstaunlichsten Beweis dafür bilden die Fugger, die binnen drei Generationen aus armen Webern zu einem Hause von Rockefeller'scher Größe emporwuchsen. Hier versucht Sombart den Nachweis, daß auch heute noch der durchschnittliche Reichtum der Juden den der Nichtjuden stark überrage. Der Beweis ist mißglückt, womit nicht gesagt wird, daß die Behauptung widerlegt ist; er stützt sich im wesentlichen auf eine statistische Betrachtung gewisser großstädtischer Bevölkerungen, und das ist natürlich aus dem Grunde ein unzulässiges Verfahren, weil die reichen Juden fast ausnahmslos in Großstädten, die reichen Christen aber auf dem Lande ihren Wohnsitz haben. Von den objektiven zu den subjektiven Ursachen des jüdischen Kapitalismus hinüber führt eine Analyse der jüdischen Religion. Hier muß ich mich rein referierend verhalten, da mir jede Kompetenz auf diesem Gebiete abgeht. Immerhin erscheint mir aus allgemeinen soziologischen Erwägungen Sombart auch hier noch im wesentlichen das Rechte getroffen zu haben, insofern er von den objektiven Einflüssen der Religion auf die jüdische Psychologie spricht. Es ist klar, daß die Religions¬ und Rechtsentscheidungen des jüdisch-kanonischen Rechtes, wie sie in den Kommentaren, vom Talmud bis zum Schulchan-Aruch, niedergelegt sind, geradeso die wirtschaftliche Lage des Volkes wiederspiegeln müssen, wie alle kanonischen Rechte aller Völker. Selbstverständlich mußten sie sich den Lebensbedürfnissen und Lebensauffassungen einer Gemeinschaft von Menschen anpassen, die als fremde Halbbürger wesentlich vom Waren- und Geldhandel existierten. Und so ist, das haben auch frühere Historiker bereits behauptet, ein Teil des relativ weit vorgeschrittenen jüdischen Verkehrsrechtes als Kaufmannsrecht in die Codices der Gastvölker übergeflossen; so hat sich das „Fremdenrecht" entwickelt und so ist jener Rigorismus der Anforderungen an das Familienleben, jene Sittlichkeit, Nüchternheit, Pünktlichkeit und Sparsamkeit, wenn nicht entwickelt, so doch erhalten worden, die den Juden zum Kapitalisten vor allem befähigte; sind das alles doch die echten, immer wieder gerühmten Kapitalistentugenden! Diese objektiven Ursachen, so meint Sombart, genügen nun nicht, um das Schicksal der Juden völlig zu erklären, und ich glaube, er hat darin recht. Hätte es nicht eine gewisse „Eigenart", eine mindestens psychologische „Rasse" gehabt, so wäre das Volk als Volk verschwunden, wie so viele andere; es wäre unter dem ungeheuren Druck der Umwelt zermalmt oder assimiliert worden. Sombart beschreibt diese Eigenart folgendermaßen': er schreibt dem Juden überragende Geistigkeit zu, bei Zurücktreten der gefühlsmäßigen Stellung und Stimmung zur Welt, also einseitige Ausbildung des Intellektualismus undMangel an Anschaulichkeit. Darin wurzeln ihre Zweckbedachtheit, Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Das scheint mir im wesentlichen richtig gesehen. Aber nun beginnt die große Meinungsverschiedenheit. Sombart faßt diese Eigenschaften auf als Kennzeichen einer Rassenbegabung, mit der die Juden bereits als Nomadenvolk in die Geschichte eingetreten sind. Es sind die Eigenschaften eines „Wüstenvolkes", und das ganze Schicksal der Juden läßt sich dahin zusammenfassen, daß dieses „heiße Wüstenvolk" des Südens unter „naßkalte Waldvölker" des Nordens versprengt worden ist, die ihrer ganzen Artung nach von ihnen grundverschieden sein müssen. Die Antithese ist wundervoll geistreich und die psychologische Analyse, die Sombart gibt, von feinster Spürkraft. Vielleicht hat er auch Recht; wir wissen heute noch nichts, absolut nichts, von Rassenart und -Begabung; alle bisherige Rassentheorie besteht aus plumpen chauvinistischen Verallgemeinerungen. Und darum können wir auf diesem Felde zu irgend einer Behauptung grundsätzlich weder ja noch nein sagen. Aber eins steht fest: methodologisch ist es erforderlich, soweit wie irgend möglich alle uns vorliegenden Tatsachen aus allmenschlichen Eigenschaften abzuleiten, die in typischer Weise auf bestimmten Veränderungen der Umwelt reagieren; und erst sonst unerklärbare Reste aus spezifischen Rasseneigenschaften zu erklären. Damit ist nur gegen die Vorstellung etwas eingewendet, daß die Juden eine „Rasse von Anfang an" sind; daß sie eine „Rasse als Ende" darstellen, eine in Inzucht und strenger Isolierung zu spezifischer Leistungs-