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Die Welt · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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NO. 23 DIE30gELT 535 IC □□□□□□ FEUILLETON ^£Z^X □ □□□□ Dj) O ■■ -JJ e% DIE JUDEN UND DAS WIRTSCHAFTSLEBEN *> Von Dr. Franz 0 ppenheimer Werner Sombarts neuestes Buch, das sich als eine Vorarbeit oder besser als ein Exkurs zu der neuen Auflage seines „Modernen Kapitalismus" ankündigt, hat bereits vor seinem Erscheinen, dank einer Reihe von mündlichen Vorträgen über dieses Thema, große Sensation gemacht. Jetzt, wo es vorliegt, läßt sich sagen, daß es eine überaus interessante Arbeit ist, die, soweit mein Urteil reicht, viel weniger Schwächen aufweist, als nach den Zeitungsberichten erwartet werden konnte. Hierbei muß bemerkt werden, daß es wahrscheinlich zurzeit keinen Lebenden geben wird, der imstande wäre, das Werk in allen seinen Teilen gleichmäßig zu kontrollieren. Es behandelt die verschiedensten Gebiete der jüdischen und der europäischen Wirtschaftsgeschichte und der politischen Geschichte, das Rassenproblem, Probleme der Religionsphilosophie im allgemeinen und der jüdischen Religionsentwicklung im speziellen usw. Der Inhalt läßt sich in verhältnismäßig kurzen Worten darstellen. Sombart glaubt, konstatieren zu können, daß die Juden an der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung an erster Stelle beteiligt sind: „Wie die Sonne geht Israel über Europa; wo es hinkommt, sprießt neues Leben empor, von wo es wegzieht, da modert alles, was bisher geblüht hat." (S. 15.) Mit der Austreibung der Juden erreicht die spanische und portugisische Wirtschaftsblüte ihr Ende; sie ziehen nach Antwerpen; und es ist der Vorort des europäischen Handels, bis die spanische Unduldsamkeit sie auch von dort vertreibt; sie gehen nach Holland, nach England, und sofort blüht das Wirtschaftsleben hier empor. Sombart sieht hier den Zusammenhang von Ursache und Wirkung; er stellt mit Recht fest, daß die bisher für diese eigentümlichen Verschiebungen geltend gemachten Gründe zur Erklärung ungeeignet sind: weder die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien, noch die Entdeckung Amerikas. Von der Eroberung Konstantinopeis durch die Türken, die eine Zeitlang die Handelswege aus Asien nach dem Mittelmeer sperrten, spricht er nicht; und doch scheint mir diese Tatsache immerhin für den Verfall der Handelsstädte am Mittelmeer nicht ohne Bedeutung zu sein. Vor allem aber denkt er nicht daran, daß die Vertreibung der Juden die Folge einer politischen Veränderung ist, die man wohl auch für den Verfall des Wirtschaftslebens in den betreffenden Städten verantwortlich machen kann; nämlich der junkerlichklerikalen Reaktion, die überall das kommerziell-industrielle Leben einengt, fast erdrosselt. Ich bin der Meinung, daß die Austreibung der Juden und der Verfall des Wirtschaftslebens zwei gleichlaufende Konsequenzen derselben politisch-kirchlichen Reaktion sind, die den Süden Europas umklammerte, und daß auf der andern Seite in den Nordländern am Atlantischen Ozean die Wirtschaft aufblühte und die Juden Zuflucht fanden, weil hier die Reaktion durch die Demokratie beseitigt wurde. Sombart, für den die demokratische Auffassung augen- * Werner Sombart: „Die Juden und das Wirtschaftsleben." Leipzig. (Duncker & Humblot) 1911. XVI und 476 Seiten. scheinlich nur eine von mehreren möglichen, an sich gleichwertigen und gleichgültigen Ideologien darstellt, wird diese Deutung allerdings ablehnen. Indes tut diese grundsätzliche Meinungsverschiedenheit wenig zur Sache. Sombart drückt sich in wissenschaftlicher Besonnenheit überall so vorsichtig aus, daß aauch die hier versuchte Erklärung mit den von ihm berichteten Tatsachen verträglich bleibt. Und ich glaube, laß diese im wesentlichen das richtige Bild der Wirtschaftswitwicklung zeichnen werden. Überall finden wir an den Quellen der kapitalistischen Entwicklung Juden in ausschlaggebender Stellung. Sie haben auf die Belebung les internationalenWarenhandels, namentlich mit Kolonialwaren (Zucker) und Edelmetallen den größten Einfluß Lusgeübt; mehr als das, sie haben in den Kolonien selbst die Plantagenwirtschaft und den Bergbau als Großunternehmer allen voran entwickelt; und wie in Siid^-, so haben sie auch in Nordamerika an der Ers chließung des Landes notorisch den größten Anteil gehabt. Inen, die mit den Farmern westwärts rückten, ist es vor allem zu danken, daß die junge Republik von vornherein mit einem Netz moderner Handelsniederlassungen ifciberzogen wurde. Auch an der Entwicklung derjenigen Institutionen, dli-e charakteristische Blüten der kapitalistischen Wirts chaft sind, sind Juden in hervorragender Weise beteiligt. War die vorhergehende Wirtschaftsordnung die „Periode dler einfachen Warenproduktion", charakterisiert durch (tlas Bestehen von fast ausschließlich persönlichen Beziehungen zwischen einzelnen fest bestimmten Subjekten, so charakterisiert sich der Kapitalismus durch die „Versachlichung" der Beziehungen, wie sie sich namentlich im Wertpapier darstellt, das die Verpflichtung eines Schuldners gegen einen beliebigen Inhaber als Gläubiger s tatuiert. Und diese Wertpapiere, der indossable Wechel, die Aktie, die Partialobligation und die Banknoten sind, wenn nicht von Juden erfunden, so doch jedenfalls schon in sehr früher Zeit von jüdischen Bankiers sehr stark benutzt worden; denn schon vor Sombart ist angenommen worden, daß in ferner, präkapitalistischer Zeit gewisse bhaberpapiere, die Manierm, unter den Juden Kurs gehabt haben. So sind denn auch Juden am Handel mit Wertpapieren ron jeher stark beteiligt. Sie stehen als Mitschöpfer du der Wiege der großen Märkte dieser Papiere, der Börsen; in der Neuzeit haben die Rothschild den Handel Mit Staatspapieren ausgebaut, auf internationale Basis gestellt und ungeheuer erweitert; dann wurde die zweite große Phase der Banken, die der Spekulationsbanken, itnrch die Brüder Pereire eingeleitet, die den Credit ltnobilier begründeten; schließlich wirken jüdische Bankiers wich heute entscheidend in dem gewaltigen Prozeß mit, der das „Finanzkapital" zur Herrin der Industrie macht. Was hat die kleine Gruppe der Juden zu diesem Mächtigen Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung gebracht? Sombart macht objektive Ursachen ihres Milieus und subjektive ihrer „Eigenart" dafür verant- 2*

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