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Die Welt · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Idee, dieses von einem gottbegnadeten Genie uns geschenkte sie Wunderding, kann die mannigfachsten Wandlungen durchmachen, kann aus dem Kulturzionismus ebensogut Elemente aufnehmen, wie aus dem Territorialismus, sie kann dem einzelnen der Ansporn zu seiner Hurrabegeisterung sein, ebensogut wie seine tiefe, heilige, gelebte Weltanschauung, sie bleibt in aller Mannigfaltigkeit das einheitliche, ewig-herrliche Ideal, das uns vorn Chaos der Diaspora den Weg zur Rettung weist. An ihrer Vertiefung und Veredlung müssen wir stets arbeiten, und jeder Tüchtige ohne Unterschied wird uns hier willkommen sein, jede Meinung wird angehört und erwogen werden müssen. Ganz anders verhält es sich mit der Organisation. Sie ist uns das großartige Instrument zur Verwirklichung der Idee, aber auch nur dieses. Von jedem, der zu ihr gehört, werden wir das äußere Bekenntnis, das Bekennen zum offiziellen Programm, verlangen; denn zum Wesen der organisierten Bewegung gehört die straffe Disziplin. Haben wir nun das Wesen der Organisation erkannt, so werden wir leicht jene (erste) Gruppe von Neuerern abtun können, die das Heil der Organisation allein in der Vertiefung der Idee sehen. Ein derartiges Programm mag für einige wenige Studentenvereine gelten, deren Mitglieder die nötige Zeit und Vorbildung haben, um sich mit Soziologie und Anthropologie, jüdischer Geschichte und Literatur, Hebräisch und Jargon zu beschäftigen. Für Bürgervereine, überhaupt für die überwiegende Mehrzahl der Gesinnunggenossen wird all das, auch im kleinsten Maßstab, undurchführbar sein. Näher kommen schon der Lösung des Problens diejenigen, welche sagen, man müsse den Zionisten „etwas zu tun" geben. Das ist, wenigstens in dieser weitesten Fassung, sehr richtig, denn „jede Gesinnung, die nicht mit mechanischer Betätigung verbunden ist, ist ein Fluidum". (Zollschan, „Rassenproblem", III,3.) Nur muß diese Betätigung sorgfältig ausgewählt und nach den Verhältnissen verschiedener Art sein. Welcher Art sie sein soll, weiß ich nicht genau, als sicher erscheint mir nur, daß darin der allseitigen, allgemein verständlichen Aufklärungsarbeit unter den Außenstehenden sowie der möglichst intensiven Sammeltätigkeit insbesondere für den Nationalfonds ein breiter Raum wird gewährt werden müssen. All das aber ist nur ein Teil in einem komplizierten Ganzen, denn sicher ist die Arbeit in und an einer Weltorganisation überaus schwierig und vielseitig. Wollte man sie in ein System bringen, so ließe sie sich in drei Arten zusammenfassen: 1. rein mechanische Betätigung, 2. geistige Anregung, 3. Bekanntmachung mit Palästina. Unter Punkt 1 gehört intensive Sammeltätigkeit in weitesten Kreisen für alle unsere Institutionen, das Anwerben neuer Gesinnungsgenossen und endlich die engere Vereinsarbeit selbst; unter 2 die eigentliche Agitation und Aufklärungsarbeit sowie das Veranstalten von Vorträgen festlichen und — größtenteils für Gesinnungsgenossen berechnet — vor allem informativen Charakters. Die Reden, die gehaltvoll, aber auch allgemeinverständlich sein müssen, würden am besten von geschulten Agitatoren, womöglich von einem Parteisekretär gehalten. Nur in Ausnahmefällen, fast ausschließlich bei Studenteneventuell Beamtenvereinen, könnte ein Teil dieser Betätigung noch zur engern Vereinsarbeit gehören und von Vereinsmitgliedern geleistet werden. Unter Punkt 3 schließlich gehört das Abhalten populärer Palästinavorträge sowie die Veranstaltung von Ausstellungen palästinensischer Erzeugnisse aller Art. Die besten Dienste aber täten Anregungen und Vorträge von berufenen Männern aus Palästina selbst sowie häufige Reisen wohlhabender Gesinnungsgenossen und womöglich auch außenstehender guter Juden, die — von erfahrenen Komitees veranstaltet — den Reiseteilnehmern durch richtige Führung in Palästina die besten Eindrücke vermitteln müßten, welche die Zurückgekehrten sicher allgemein verbreiten würden. Alles zuletzt Gesagte ist nicht neu, neu sollte bloß dieSysternisierung sein. Und noch eins: selbst die kleinste und ärmste Ortsgruppe, — und auf die Ortsgruppen, auf die Vereine als „Gefechtseinheiten" kommt es vor allem an, — jede Ortsgruppe müßte in allen drei Arten arbeiten können. Dies sowie die unbedingt notwendige strenge Kontrolle der gesamten Arbeit wäre nur möglich durch straffe Disziplin der ganzen Partei und durch Arbeitsteilung, d. h. die Teilung der Organisation in Landesorganisationen müßte nach unten hin fortgesetzt werden; Schaffung von Distrikten, die wieder in Rayons zu teilen wären. Auf diese Weise könnte das E. A. C. die ganze Arbeit durch immer niedere Instanzen bis zum Einzelverein hin beaufsichtigen und leiten. Wir hätten uns dann in kurzer Zeit eine auf der geregelten Arbeit der Vereine fußende, von temporären Begeisterungswellen unabhängige, stetig arbeitende Organisation geschaffen. Vielleicht wären damit auch unsere brennendsten Probleme, die Finanzierung und die Schaffung einer neuen Organisationsbasis, wenigstens teilweise gelöst. Zur Finanzfrage In der Nr. 22 der „Welt" spricht sich Gg. Gustav Finzi über die Aufnahme einer schwebenden Schuld von 2 000 000 Mk. in 10 000 Anteilen ä 2000 Mk. rückzahlbar in 30 Jahren aus. Ich halte diesen Gedanken für nicht unglücklich, vorausgesetzt, daß sich die Zeichner der 10 000 Anteile finden. Nur sollte der Vorschlag etwa folgendermaßen modifiziert werden: Die Schuld wird nicht auf 30, sondern auf 50 Jahre aufgenommen, der Betrag nicht mit 3°/o, sondern mündelsicher mit 4% angelegt, (Obligationen Schweiz. Kantonalbanken.) Dem E. A. C. fällt jährlich die Einnahme aus 2 °/o'Zinsen zu — 40 000 Mk. Der Rest von jährlich 40 000 Mk. wird verwandt zur Tilgung der Anleihe. Die Tilgung selbst vollzieht sich auf folgende Weise: Nach zehn Jahren erfolgt jedes Jahr die Auslosung der einzelnen Stücke, und zwar fällt auf einige eine durch die Höhe der aufgelaufenen Zinseszinsen bestimmte Prämie. Die genaue Berechnung hierfür wäre natürlich noch auszustellen. Jedenfalls erfolgt die Tilgung nach diesem Plane automatisch. Der Parteileitung aber dürfte durch einen festen jährlichen Zuschuß von 40 000 Mk. genügend geholfen sein, denn 20—30 000 Mk. Schekel kommen doch schließlich auch in den schlechtesten Jahren ein. Voraussetzung ist freilich, wie schon erwähnt, daß sich die Zeichner der 10 000 Anteile finden. Dr. Felix Pinkus, Zürich. Kokowzew über die Lage der russischen Juden Der russische Finanzminister Kokowzew wurde von dem Petersburger Korrespondenten der „New York Times" über die Lage der russischen Juden interviewt. „Die Russische Korrespondenz" berichtet über den Verlauf dieses Gespräches: Kokowzew sagte, daß nach seiner Auffassung der gegenwärtige Moment ungeeignet sei, irgendwelche Milderungen in der Lage der russischen Juden durchzuführen. Das Verhalten der Juden zur Kriegs- und Revolutionszeit hätte ein scharf prononziertes Nationalgefühl gegen sie hervorgerufen, weshalb Änderungen zu ihren Gunsten gegenwärtig unmöglich seien. Man müsse in dieser Hinsicht warten. Der Interviewer warf hier ein: „Wie erklärt es sich aber, daß die Juden offenbar als die einzigen neuen Drangsalierungen ausgesetzt werden, zur Strafe dafür, daß sie zusammen mit andern das neue Regime mit herbeigeführt haben?" Daraufhin erklärte Kokowzew alle Nachrichten über neue Drangsalierungen und Beschränkungen der Juden für falsch. Diese Behauptung Kokowzews wird von der „Russischen Korrespondenz" aufs entschiedenste bestritten. „Nie", so führt sie aus, „war die Lage der russischen Juden so schlecht wie jetzt." Jetzt ist neuerdings einer Reihe von Judenkategorien, deren Wohnrecht auf Entscheidungen der obersten Instanzen basierte, dieses Privileg entzogen worden, und die vorhandenen Beschränkungen erfahren Interpretationen, welche die Zeiten Plehwes in den Schatten stellen. Kein Jude Rußlands fühlt sich heute mehr in seinem Domizil sicher. Aus den verschiedensten Gegenden, aus Kiew, Riga, Smolensk und andern Orten, kommen Nachrichten über die Ausweisung von Juden, die seit Jahrzehnten dort an. sässig waren. Die Kinderausweisungen aus Moskau, die so viel Staub aufgewirbelt haben, sind noch nicht zum Stillstand gekommen. Augenblicklich wird den in Petersburg ansässigen Juden der Sommeraufenthalt in der Umgebung der Stadt verwehrt. Dieses Beispiel Petersburgs hat bereits in andern Städten des Reiches Nachahmung gefunden. Besonders bedauernswert ist auch die Lage der jüdischen jungen Leute, die durch eine von den Oktobristen als ungesetzlich erklärte Zirkularnote vom Abiturientenexamen zurückgewiesen wurden.

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