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Die Welt · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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der Kolotiialbank nicht gleichsam der letzte Vorbereitungsschritt für die Gründung einer Agrarbank, wenn einmal hierzu die Voraussetzungen gegeben sind? Wenn nicht die Kolotiialbank wäre, hätten wir heute eine A. P. C, eine A. L. B. C. usw., und wäre in einer Kolonialbank mit 2 Millionen Lst. nicht schon der Grundstock für eine Agrarbank gegeben? Systemisienmg unserer Arbeit Von Oskar Busch, Prag In der letzten Zeit tritt in der zionistischen Öffentlichkeit immer deutlicher die Tendenz zutage, die Organisation und vor allem die technische Arbeit in ihr geringschätzig anzusehen und ihr Interesse anderen, „wichtigeren" jüdischen Problemen und Dingen zuzuwenden. Besonders sind es theoretische Grübeleien über letzte Fragen, welche lebhaften Anklang finden und in jüdischen Zentren ein Neuerwachen jüdischen Lebens bewirken, vielfach auch nur vortäuschen. Dieses „Höherstreben" der Partei wird den, der die Geschichte der Juden, zumal -in der Diaspora, ein wenig kennt, nicht überraschen. Die Juden, die so ganz im realen Leben stehen und stehen müssen, haben es seit jeher geliebt, zur Erholnng von der so drückenden Praxis sich in theoretischen Grübeleien, in spitzfindigen Gedankengängen, im Auftürmen von Hypothesen zu gefallen. Es sei fern von uns, das zu tadeln, was allein sie vor Verflachung und Verrohung schützen konnte. Die Folge aber war, daß die Juden, das „nüchterne, praktische" Volk, nie imstande waren, für sich etwas Großes zu tun, daß ihnen das bei den Orientalen ohnehin nicht staik entwickelte Organisationstalent immer mehr schwand. Und dann kam einer, der zur Lösung größter Aufgaben die Organisierung des Volkes, des ganzen Volkes verlangte- Sein Genie riß uns. mit, schuf uns die weltumspannende Partei. Er starb. Die Partei setzte sein Werk fort und ist heute vom Ziel, von der Organisierung des Volkes weiter entfernt als je. Die Wichtigkeit der Organisation hier auszuführen, ist nicht meine Aufgabe. Wer sie leugnet, ist blind für die Lehren der Geschichte. Wenn wir unser Volk vor der Vernichtung, unser Volkstum \ror dem Untergange retten wollen, müssen wir es auf dem vom Zionismus vorgezeichneten Wege tun; wollen wir den Zionismus verwirklichen, müssen wir die Bewegung groß und arbeitsfähig machen. Wie steht es damit? Theoretisch hat der Zionismus auf der ganzen Linie gesiegt; ernste Widerlegungsversuche kennen wir kaum noch vom Hörensagen und selbst jene kleinen Angriffe aus Dummheit oder Bosheit werden immer seltener. Dieser große theoretische Erfolg aber steht mit dem praktischen, besonders was ZaJil der organisierten Anhänger und Geldeingang anlangt, in einem schreienden Mißverhältnis. Gerade Geld aber ist das, was wir am nötigsten brauchen. Wir werden die jetzigen Verhältnisse im Zionismus später noch genauer betrachten, vorläufig wollen wir den Grund für diese unleugbar bestehenden Mißstände zu erkennen trachten. Die beiden Grundelemente, in denen der Zionismus der Herzischen £eit in Erscheinung trat, waren a) der Nationalismus {im weitesten Sinn), b) das großzügige Kolonisationsprogramm, der Chartergedanke. Diese beiden Elemente führten, teils jedes für sich, teils einander ergänzend, teils gemeinsam der Bewegung so gewaltige Anhängernassen, ja auch, trotzdem damals weniger Wert darauf gelegt wurde, ien größten Teil der Gelder zu, von denen wir noch heute zehren Kolonialbank). Ihre naive Wucht und Größe aber war es vor allem, die die Judenschaft aller Länder aufrüttelte. Und wenn sie uns auch ür jeden Anhänger zehn Gegner schufen, gewöhnte sich doch nur lurch sie das Judentum des Westens erst daran, sich wieder — sei's auch feindlich — mit jüdischen Problemen zu befassen, gewöhnte sich erst durch sie das Ostjudentum an eine moderne Volkspolitik, sah das Gesamtjudentum etwas, was ihm Jahrtausende hindurch gefehlt hatte, — Größe. Wir haben den Chartergedanken fallen gelassen. Die Aufgabe, anziehend und festhaltend auf die Anhänger zu wirken, leistet fast ausschließlich (bis vor kurzem konnte man sagen: einzig und allein) das andere Element, der Nationalismus. Wie hat sich nun dieser seiner Aufgabe entledigt? Hier werden wir zwei Gruppen von Juden unterscheiden: 1. jene, die in einem noch echt jüdischen, lebendig jüdischen Milieu leben, also in Rußland, Galizien, Rumänien, Palästina und die jüngst Ausgewanderten in England und Amerika, die wir kurz die Ostjuden nennen wollen*), 2. jene, die in einem überwiegend oder ausschließlich un jüdischen Milieu leben, die Westju den. Fassen wir die Entwicklung seit *) Die sephardischen Juden kommen für diese Untersuchung nicht in Betracht, >veil unter ihnen der Zionismus noch nicht Wurzel gefaßt hat. dem Ende des Charterismus kurz zusammen, so können wir sagen: im Westen ist die Zahl der Anhänger ungefähr gleichgeblieben, hat sich aber qualitativ unermeßlich verbessert; im Osten, und nicht nur in dem von äußern und innern Katastrophen heimgesuchten Rußland, ist sie qualitativ und vor allem quantitativ gewaltig zurückgegangen, ohne sich bis heute merklich erholt zu haben. Woraus erklärt sich diese verschiedene Arbeitsleistung des Nationalismus? Selbst den stark assimilierten Westjuden ist eine Hinneigung zum Jüdischen immanent, wenn sie sich auch gegebenenfalls nur negativ äußert, wie etwa bei den „jüdischen Antisemiten". Wo nun, wie in den jüdischen Zentren, Gelegenheit geboten ist, aus dem Munde berufener Männer etwas über jüdische Probleme zu hören, da finden sich unter den zahlreichen Hörern immer genug Leute, die das Gehörte in sich weiterverarbeiten, neue Anregungen aufsuchen und schließlich zu einer positiven Anschauung, zum jüdischen Nationalismus, gelangen. In seinen letzten, streng logischen Konsequenzen aber führt der jüdische Nationalismus zum Zionismus. Ebenso wird auch jeder, der auf anderm Wege zu jüdischen Problemen kommt und sie ernstlich zu erkennen strebt, zum Zionismus gelangen. Und noch eins: auch wer den Weg zum Zionismus nicht zu Ende geht, wer nur ernste Beziehungen zum Judentum hat, wird den ganz begreiflichen Wunsch haben, sich an Männer gleicher Gesinnung anzuschließen. Es gibt aber im Westen nur eine Gruppe, die alles Jüdische offiziell auf ihre Fahne geschrieben hat, — die Zionisten. Und so kommen uns auch von diesen „guten Juden" viele und viele, keine sog. Parteizionisten, aber gute Mitläufer, auf die man rechnen kann, wenn man sie braucht. Wenn ich schließlich noch sage, daß die Mehrzahl der neuen Zionisten nicht mehr aus blinder Begeisterung, sondern durch echtes Gefühl und logisches Denken zu uns kommt, so habe ich auch die Gründe für die qualitative Verbesserung unserer Anhänger gestreift. Bedingung für alles zuletzt angeführte ist allerdings, daß immer neue und beste Anregungen geboten werden, — begreiflich, denn dieser junge Nationalismus ist ein zartes, wurzelloses Ding, und bei den allermeisten ohne Sensationen, ohne Anregung von außen stets gefährdet. Und so wird auch der Nationalismus seine Funktion für den Zionismus in großen jüdischen Zentren intensiver und sicherer leisten als in Mittel- und Kleinstädten, die nur selten oder nie erstklassige Anregungen empfangen. Ganz anders liegen die Verhältnisse im Osten. Dort gibt es jüdisches Leben vom Bettler bis in die höchsten Kreise hinauf, abnormal, aber doch ziemlich einheitlich. Die Parteiung ist sehr mannigfaltig, manchmal mit großen, meist mit geringen Unterschieden zwischen den einzelnen Gruppen. Allen gemeinsam aber ist das Betonen des Jüdischen in nationaler und besonders kultureller Beziehung und hierin kann kein prinzipieller Unterschied zutage treten. Daher war auch vom ersten Auftreten des Zionismus an nicht der Nationalismus das ihn von allem andern unterscheidende Moment, sondern der Charterismus. Dieses Element verschwand aus dem Zionismus und die Folge? Sozialisten sind die Sejmisten ebenso wie die PoaleZion, den Golus verneinen die Territorialisten ebenso wie wir, — der Masse, welcher der ganz einheitliche, streng logische und jede Vermengung und Täuschung ausschließende gedankliche Unterbau* des Zionismus notwendigerweise fremd und unzugänglich ist, dieser Masse gegenüber unterscheidet sich der Zionismus von andern Strömungen im Judentum vielleicht nur noch durch die Richtung auf Palästina und diese hat die Organisation bis vor ganz kurzer Zeit herzlich vernachläßigt. Nur durch stärkere Betonung Palästinas und vor allem der jetzt schon dort geschehenden Arbeit wird sich dieser Unterschied stärker hervorheben und zur Förderung der Organisation, und zwar der ganzen Organisation, ausnützen lassen; denn die allerletzte Zeit hat uns gezeigt, welches Interesse für Palästina auch im Westen rege ist, wenn sich nur die richtigen Männer der Sache annehmen (z. B. Bezalel, Siedlungsgenossenschaft). Aber dieses Interesse für Palästina wird sich praktisch immer nur auf eine zeitlich begrenzte, konkrete Sache konzentrieren und abflauen, wenn diese Arbeit geleistet ist oder geleistet zu sein scheint. Man wird also auch bei diesem aus dem Charterismus gewordenen neuen Element, dem Palästinimus, für immer neue Sensationen und für geeignete Männer, die sie repräsentieren, sorgen müssen. So werden wir der Partei irn Osten wenn auch nicht auf lange, mit einer gut ausgewählten praktischen Palästinaarbeit helfen können. Aber weder im Westen noch im Osten, wird diese Sensationspolitik eine dauernde Festigung und ein stetiges Anwachsen der Partei verbürgen. Wollen wir das letztere, so müssen wir den Hebel anderwärts radikal ansetzen. Der hauptsächlichste Fehler bei allen Versuchen zur Neubelebung und Vergrößerung der Partei scheint mir der zu sein, daß man sich über Wesen und Zweck der Organisation nicht im klaren ist. Man muß genau zwischen der zionistischen Idee und der zionistischen Organisation unterscheiden.

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