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Die Welt · 1911-06-01 · 22 (1.6.1911) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 22 DJE^ELT 517 angstvoll begann, vor dem ungewöhnlichen Auditorium die Tehilllm zu sagen. Der Eindruck auf die Zuhörer muß wohl höchst intensiv gewesen sein, denn plötzlich wurde Berel gefragt, wann Pessach sei, und als er verwundert ausrief, Pessach sei ja bereits vorüber, wurde ihm hämisch entgegnet: „Nächstes Jahr ist ja wieder Pessach!" Hierauf wurde der Unglückliche von den Polizisten zu Boden geworfen und geschlagen, damit er gestehe, was er mit dem Kinde für rituelle Schandtaten vorgehabt habe. Unter so roher Behandlung wurde Berel den ganzen Tag und die folgende Nacht im Gewahrsam gehalten, um dann erst, nachdem seine Persönlichkeit festgestellt war, auf Bürgschaft eines Bekannten hin entlassen zu werden. Gleich darauf wurde er mitsamt seinem Bürgen noch einmal verhaftet und nach dem Hauptpolizeiamt Galata-Serai geführt, wo sich endlich seine absolute Unschuld herausstellte. Der Arme ist vor einigen Tagen vor dem Medschliß dschismani erschienen, um seine Leidensgeschichte zu erzählen; der Medschliß hat die nötigen Schritte zur Verfolgung der Angelegenheit veranlaßt. Die Konstantinopeler Blätter schweigen über die Sache. Wir sind aber noch immer im Belagerungszustand. Nur der „Ikdam" hatte den Vorfall, freilich höchst entstellt, seinen Lesern übermittelt. Ihm zufolge sollte ein Lehrer einer hinter der armenischen Kirche gelegenen jüdischen Schule dabei erwischt worden sein, wie er ein muselmanisches Kind, unbekannt zu welchen Zwecken, habe rauben wollen. Da das Großrabbinat nichts dazu tat, eine Berichtigung dieser gefährlichen Information herbeizuführen, geriet die Lügenmeldung auch in andere Blätter, so schließlich auch in die arabische „Muktebis" zu Damaskus. Jetzt hatte sie aber bereits ganz abnorme Dimensionen angenommen. Die „Muktebis" berichtete, daß Konstantinopeler Zeitungen gemeldet hätten, am Quai von Galata seien vier jüdische Männer beim Transport einer Kiste, in der sich der Leichnam eines muselmanischen Mädchens befand, festgenommen worden. Sie hätten gestanden, daß sie das Blut zu rituellen Zwecken hätten gebrauchen wollen. Es ist begreiflich, daß diese Tartarennachricht in Damaskus ein ungeheures Aufsehen hervorrief. Die fanatischen Gläubiger wurden gegen die Juden höchst erregt, und diese wurden von solcher Furcht vor Massakers befallen, daß sie tagelang nicht wagten, die Häuser zu verlassen und alarmierende Briefe und Telegramme an das Großrabbinat in Konstantinopel richteten. Leider hat dieses wiederum wenig Eile in der Angelegenheit entwickelt, endlich aber doch beim Ministerium des Innern erwirkt, daß durch telegraphische Order der Generalstaatsanwalt damit befaßt wurde, gegen die „Muktebis" einzuschreiten. * * * Damit nicht genug, hat auch die griechische Presse ihrerseits die Verleumdung des Blutmärchens in die Massen geschleudert. Anlaß dazu gab die Ritualmorduntersuchung in Kiew, über die die „Nea Patris'4 tagtäglich genaueste und böswillig gefärbte Berichte gab. Das Gefährliche aber war, daß die „Nea Patris" diese Berichte mit einer auffallenden Riesenannonce auf der ersten Seite ihres Blattes einleitete, worin die Leser aufgefordert wurden, recht aufmerksam die kommenden Artikel zu lesen, weiche bewiesen, daß es in Rußland eine jüdische Sekte gebe, die zu rituellen Zwecken Christenblut gebrauche. Als nichts geschah, um diese Publikationen der „Patris", die die hiesige Judenheit in Empörung und Furcht versetzen, zu verhindern, begab sich am vergangenen Sonntag eine jüdische Deputation, bestehend aus den Präsidenten und Notabein der sephardischen und aschkenasischen Gemeinde zu Rabbi Nahum, um ihn um ein energisches Einschreiten zu bitten. Der Großrabbiner aber meldete sich krank und empfing die Deputation nicht, obgleich er kurz darauf zur Jahresversammlung des Waisenhauses fuhr, die unter Präsidenz einer Dame der hohen jüdischen Gesellschaft stattfand, und dort eine Rede hielt. Dieses Verhalten wurde in der Gemeinde begreiflicherweise lebhaft kommentiert. Endlich entschloß sich der Großrabbiner aber doch, Maßregeln zu ergreifen. Er lud den Redakteur des griechischen Schandblattes zu sich ein und ersuchte ihn, seine Publikationen, die aufhetzerischer Natur seien, einzustellen. Dieses Resultat wurde dann auch erreicht. Wie wir erfahren, soll nunmehr von anderer Seite gegen die „Nea Patris" Anzeige beim Kriegsgericht erfolgt sein, und exemplarische Bestrafung steht zu erwarten. Ein Generalstreik der Alliancelehrer in Sicht? Das „Journal de Salonique" weiß von einem, wie es selbst sagt, seltsamen Streik zu berichten, der für den Herbst d. J. erwartet wird. Wie das genannte Blatt erfährt, rüstet sich nämlich das gesamte Lehrerpersonal der Knaben- und Mädchenschulen der Alliance Isr. Univ. im ganzen türkischen Reiche zu einer energischen Aktion zwecks Erhöhung ihrer Bezüge. Sowohl die gewöhnlichen Lehrer und Lehrerinnen als die Direktoren der Ailianceschulen klagen bereits seit einigen Jahren über ihre unzulänglichen Gehälter, die den gesteigerten Lebensbedürfnissen unserer Zeit und der fortschreitenden allgemeinen Teurung in keiner Weise angepaßt sind. In Paris stand man bisher den wiederholten Bitten zahlreicher Lehrer um Gehaltserhöhung durchaus ablehnend gegenüber. Nunmehr will die gesamte Lehrerschaft solidarisch vorgehen und im Falle der Zurückweisung ihrer Wünsche den Unterricht in allen Schulen einstellen. Das „Journal de Salonique" richtet an die Pariser Allianceleitung die Frage, was sie zu tun gedenke, um den drohenden Streik abzuwenden. Das Blatt bezeichnet die Forderungen der Lehrerschaft als bis zu einem gewissen Punkte durchaus gerechtfertigt und gibt seinem Erstaunen Ausdruck, daß die Pariser Herren atischeinend die Absicht haben, es auf das äußerste ankommen zu lassen. Ben Schemen Ober Ben Schemen schreibt ein Mitarbeiter des Jerusaleiner „Haor" folgendes: Die vielen Benennungen, die diese Siedlung in den letzten Jahren erfahren hat, haben zur Folge, daß sie im weiten Publikum ungenügend bekannt ist, denn jeder kennt sie unter einem andern Namen, Es kommt vor, daß der eine einen Vorfall aus Ben Schemen erzählt, worauf der andere sagt, daß dies auch in Beth-Arif passiert sei und dann ein dritter hartnäckig behauptet, dies sei im „Jaar-Herzl" geschehen, alle aber meinen sie einen und denselben Ort. Ich werde mich in der Folge des Namens Ben Scheinen bedienen, da er nunmehr der offizielle ist. Die Siedlung umfaßt 2400 Dunam. Der Boden gehörte früher der Anglo Palestine Company, ging aber dann in Besitz und Eigentum des Jüdischen Nationalfonds über, der ihn seinerzeit an Herrn Beikind für die von ihm gegründete landwirtschaftliche Schule verpachtete. Nach Auflösung der Belkindschen Schule ging man daran, dort einen Teil des Herzlwaldes anzupflanzen. Als Administrator wurde der Agronom J. Wilkansky engagiert, der auch in der hebräischen Literatur unter dem Pseudonym A. Zioni bekannt ist. Es wurde nun auf diesem Terrain eine größere Oliven- und Mandelbaumpflanzung auf den Namen von Dr. Herzl angelegt. Im -vorigen Jahre haben die Arbeiter anläßlich der in Palästina überall abgehaltenen Smolenskyfeier auf eigne Rechnung einen Smolenskyhain gepflanzt. Außer den Baumpflanzungen werden 1000 Dunam mit Gerste, Durra, Sesam usw. angebaut. Diesen Ackerbau betreibt eine Arbeitergruppe bestehend aus acht Personen unter eigner Verantwortung. Der Administrator übergibt ihnen Pferde, Arbeitsgeräte (selbstverständlich unter Aufsicht), gibt ihnen ferner einen bestimmten monatlichen Lohn zum Lebensunterhalt, und am Ende des Jahres wird der Reingewinn zur Hälfte zwischen der Arbeitergenossenschaft und der Wirtschaft verteilt. Im vorigen Jahre hat man mit der Arbeit etwas spät angefangen, dennoch waren die Resultate nicht ungünstig. Die Arbeitergruppe arbeitet energisch, erstens, weil die Hälfte des Reingewinns ihr gehört und zweitens, weil sie aus zwei gesunden Elementen zusammengesetzt ist und zwar tüchtige, erfahrene Arbeiter einerseits und begeisterte Idealisten anderseits. Der Administrator, der große Kenntnisse in der Landwirtschaft besitzt, arbeitet unermüdlich und ist bestrebt, durch verschiedene Versuche den Boden zu ameliorieren. Die Gruppe bildet eine Art Übergang zwischen Arbeitern und Pächtern und führt ein besonderes Leben. Sie führt sogar eine eigne Küche und kommt nicht mit den andern Arbeitern in Berührung, es sei denn, wenn es viele Arbeit gibt, z. B. zur Zeit des Pflügens, des Mähens, wo sie noch Arbeiter für Tagelohn aus der Wirtschaft beschäftigt. Außer dieser Gruppe arbeiten noch in der Wirtschaft 20 bis 40 Arbeiter, darunter fünf monatliche und die übrigen Tagelöhner. Der Arbeitslohn beträgt 10 bis 12 Piaster bei a cht Ar bei ts st un den. In der Wirtschaft gibt es besondere Zimmer für die Arbeiter mit 4—5 Betten in jedem Zimmer. Die Arbeiter haben eine gemeinschaftliche Küche eingerichtet, die die Administration mit einer bedeutenden Summe subventioniert. Sie haben ein großes Speisezimmer, das ihnen auch für ihre geselligen Zusammenkünfte dient. Die Arbeiter sind sehr zufrieden, ebenso ist der kulturelle Zustand befriedigend. Die Arbeiter sind junge Leute, die Schulen absolviert haben, viele von ihnen sprechen hebräisch und fast alle verstehen sie die hebräische Sprache. Sie haben auch eine Bibliothek mit aus- und inländischen Zeitungen und Herr Dr. Pickhoiz, der in Benschemen als Praktikant tätig ist, hält oft in hebräischer Sprache Referate über Agronomie. Dank den Bemühungen des Administrators hat man dort im vorigen Winter einen Konsumverein gegründet.

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