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Die Welt · 1911-06-01 · 22 (1.6.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Vorletzten Samstagabend hat die Zionistische Vereinigung im großen Saale des Slavianska Besseda ein schönes Fest veranstaltet. Aufgeführt wurde „Die Juden" von Tschirikow in spaniolischer Sprache. Das bekannte Drama übte einen tiefen und nachhaltigen Eindruck auf die zahlreich erschienene Hörerschaft. Wie sie sehen, herrscht bei uns in allen Lagern reges jüdisches Leben, ein Drang nach Betätigung und eine Arbeitsfreudigkeit, die sehr lobenswert ist. Was uns noch bedrückt, ist die Sorge um die Zukunft unserer Schule. Gewisse Kreise vermissen sehr schmerzlich die Hegemonie der Aliance; es werden daher in diesen Kreisen alle Mittel, erlaubte und unerlaubte, angewandt, um die Ailiance in ihre alte Herrschaft wieder einzusetzen. Seit vier Monaten haben die Lehrer der sephardischen Schulen kein Gehalt bezogen. Angeblich ist kein Geld in der Gemeindekasse vorhanden; andere meinen, daß damit ein Druck auf den zaristischen Schul vorstand ausgeübt und er gezwungen werde, zurückzutreten, damit die Ailiance ihren alten Platz wieder einnehmen kann. Schekeltag in Sofia Es hat sich von jeher der schöne Brauch hier eingebürgert am Lagbeomertage den Jörn Haschekel zu feiern. Da Lagbeomer dieses Mal auf einen Wochentag fiel und viele dem Arbeiterstande angehörende Zionisten dem Feste hätten fern bleiben müssen, wurde beschlossen, das Fest auf Sonntag den 21. Mai zu verlegen. — In aller Herrgottsfrühe, bei herrlichem Maiwetter zogen die Vereine „Dr. Herzl", „Makkabi" und „Zeroa Zion" mit ihren Fahnen und Emblemen unter Voranschreiten einer Musikkapelle nach dem Dorfe Pawlowo. In Pawlowo hatten sich allerlei Kauf- und Vergnügungsetablissements auf freiem Felde niedergelassen. Es war erhebend, als in mächtigen Chören das „Od lo obda" erscholl. Den Höhepunkt der Feier bildeten die Reden des Herrn Dr. Kaleb und des Herrn Zaiin Faschi. Die Eingänge an Schekolim sind recht befriedigende. Brief aus Konstantinopel (Von nnserm Berichterstatter) Nach der Kammerdebatte Die Erörterungen über den Zionismus in der türkischen Kammer haben diesmal ein viel schwächeres Echo hinterlassen, als es das erstemal im März dieses Jahres der Fall war. Der Bombeneffekt, den die ersten Angreifer mit ihren damals ganz neuen unerhörten Behauptungen hervorgerufen hatten, ist jetzt nicht wieder zu erzielen gewesen. Man steht diesen Erfindungen bereits allzu skeptisch gegenüber, darum hat sie diesmal die große Öffentlichkeit genau so wie die Kammer mit Langeweile und Achselzucken aufgenommen. Auch haben die Gegenreden von Mazliach, von Wardkes, Wlachoff und Hafis Ibrahim den antizionistischen Anschuldigungen diesesmal alle ihnen etwa noch gebliebene Durchschlagskraft zerstört. Im allgemeinen hatte man das Gefühl, das der Zionismus nunmehr unter den politischen Problemen, die das ottomanische Parlament beschäftigen, sich Heimatsrecht erworben habe und aus dem Stadium eines Sensationsgegenstandes in das einer ernsthaften Realität übergetreten sei. Diesem Zustande -entsprach denn auch der Antrag Mazliach und Wardkes, eine Parlamentskommission zur Untersuchung des zionistischen Problems einzusetzen; und es ist höchst bedauerlich, im Interesse der türkischen Dinge, wie im Interesse des Zionismus, daß dieser Antrag nicht fest genug vertreten und aufrechterhalten wurde, so daß er in der Eile des Diskussionsschlusses unter den Tisch fiel. Wir sind aber sicher, daß er wiederkehren und dann ernstere Aufnahme finden wird. Auch die Äußerung der Regierung trug diesmal einen völlig andern Charakter als in der Märzdebatte. Diesmal wurde die ganze zionistische Bewegung nicht mehr einfach von oben her abgetan und als quantite negligeable beiseite gestoßen. Halil Bej, der Minister des Innern, ließ dunkel zwar, aber doch merkbar durchblicken, daß man sich die Sache wohl ansehen könne, falls sie nicht mit dem Projekte einer „Konzentrierung der Juden an einem einzigen Punkte zu politischen Zwecken" identisch sei. Daß er sich nicht noch näher dem Standpunkte der Mazliach und Wardkes näherte, ist in der heiklen Situation, in der heute jeder türkische Minister gegenüber den politischen Parteien des Landes steht, wohl begreiflich. Halil Bej mußte sich wohl daran erinnern, daß Dschawid Bej der Vorwurf zu großer Judenfreundlichkeit mit aus seinem Ministersessel verholfen hatte; darum übte er Vorsicht und verhielt sich in strikter Reserve. Aber man darf ruhig annehmen, daß bei einiger Lösung der gegenwärtigen politischen Spannungen es bei dieser Reserve nicht bleiben wird. Die ottomanische Presse hat die Maidebatte im allgemeinen höchst sachlich behandelt. Die zionistenfeindlichen Blätter haben es diesmal nicht mehr für angezeigt gehalten, große Leitartikel gegen unsere Bewegung zu schleudern. Nur der „Schechrech", eine neue araberfreundliche Zeitung, hat die Rede des Damaszeners Schükri Bej im Wortlaute und mit Ergänzungen wiedergegeben, und .der griechische „Proodos" hat geglaubt, der Geschichte einen Dienst zu leisten, indem er in einer Serie von Artikeln eine der sattsam bekannten „Wahrheiten über den Zionismus" zum Besten gab, die er aus der lauteren und sachverständigen Quelle der berüchtigten Freskoschen Broschüre direkt bezog. Dagegen hat wieder der „Osmanische Lloyd" in zwei trefflichen Leitern zur Aufklärung über die wahren Absichten, Kennzeichen und Arbeitsmethoden des Zionismus beigetragen. Ganz besonders energisch aber hat sich der „Jeune TurcM, die gelesenste und angesehenste französische Zeitung der Türkei, für den Zionismus als mächtigen Hebel für eine zukünftige Entwicklung des Landes eingesetzt. Seit den Pärlamentsverhandlungeti über den Zionismus ist bereits eine ganze Serie von Artikeln in seinen Spalten erschienen, die die Märchen über Gefahren und Schädigungen des Staates durch unsere Bewegung ad absurdum führen und durch reichhaltiges statistisches Material den positiven Segen der jüdischen Ansiedlungen in der Türkei dartun. Dergestalt bilden die Publikationen des „Jeune Türe" eine Ergänzung der Gedanken, die einige Parlamentsredner schon zugunsten des Zionismus geltend gemacht hatten. Innerhalb des ottomanischen Judentums hat die leüte Debatte ebenfalls ganz andere Stimmungen ausgelöst als die vorige. Damals hatte gewisse Sphären ein lähmender Schrecken befallen, eine bange Furcht, daß die so plötzlich sich äußernde Judenfeindlichkeit, die sie selbst hatten hervorrufen helfen, nicht in schlimmen Aktionen gegen sie wende, woraus dann die kopflosen Telegramme der Saloniker und Smyrnaer Gemeinden an den Großvesir entstanden waren. Jetzt beginnen selbst unsere Gegner — die paar enragierten Berufshetzer natürlich ausgenommen — aufzuatmen, da sie fühlen, wie die Stimmung für den Zionismus in der türkischen Welt sich bessert. Man ist endlich nicht mehr allzuweit von der einfachen historisch-psychologischen Erfahrung, daß der böse wie der gute Stand der zionistischen Sache mit dem der allgemein jüdischen Sache in der Türkei in engster Korrespondenz stehe. Symptomatisch für diese reifende Erkenntnis ist die Haltung des „Progres de Salonique", der sich bisher glatt antizionistisch gab und nun unter freimütiger Betonung seines Irrtums für unsere Sache und gegen ihre Angreifer im Parlamente eintritt. Es gibt also deutliche Anzeichen dafür, daß die Stimmung unter den ottomanischen Juden sich ebenfalls stark zu unsern Gunsten ändert, und das kann wieder für die Zukunft nicht ohne Einfluß auf die Haltung der nichtjüdischen Kreise, des Komitees und der Regierung bleiben, die sich ja regelmäßig auf die Meinung der Juden berufen. Die Blutlüge in der Türkei Einstweilen haben die verleumderischen Anklagen von Juden, gegen Juden schon böse Früchte getragen. Nie hätten sich unter der konstitutionellen Flagge der verjüngten Türkei roheste antisemitische Tendenzen, wie Blutbeschuldigungen, breit machen können, wenn nicht die Freskoseine Haß-und Furchtstimmung gegen Juden hervorgerufen hätten. Unter diesem Lichte sind die schier unglaublichen Vorkommnisse der letzten zwei Wochen zu betrachten, die geeignet sind, starke Besorgnisse für die Zukunft der Judenheit im Orient aufkommen zu lassen. Ein armer aschkenasischer Jude, namens Berel, der über dreißig Jahre in Konstantinopel ansässig ist, ist plötzlich unter dem Verdachte verhaftet worden, daß er ein muselmanisches Mädchen habe rauben und zu mysteriösen Zwecken habe mißbrauchen wollen. Der Alte, dem Spazierengehen von ärztlicher Seite verordnet ist, ging dieser Tage in der Nähe von Dolma-Bagtsche, der Sultansresidenz, ';äähin, als ihn ein Zigeunerkind um eine Gabe ansprach und ihn bettelnd ein Stück Weges verfolgte. Der Jude reichte dem Mädchen, um es los zu werden, endlich ein Stück Biskuit, während er selbst sich daran machte, ebenfalls seinen Appetit an einem Biskuit zu stillen, tri dem Augenblicke aber, als Berel dem Kinde die Gabe reichte, näherten sich einige griechische Individuen, hielten ihn fest unter der Beschuldigung, er habe das Kind entführen wollen, und - riefen nach der Polizei. Berel wurde verhaftet und auf dem Polizeikarakol einem Verhör unterworfen, das bald eine echt „peinliche" Form für ihn annahm. Man untersuchte seine Kleider nach Waffen oder Mordinstrumenten. Als man aber nichts bei ihm fand, als ein Bändchen Tehillim, wurde dies als sehr verdächtiges Moment aufgenommen und ihm befohlen, den Polizeibeamten daraus vorzulesen. Umsonst die Beteuerungen, daß die hebräischen Psalmen für die Hörer unverständlich bleiben würden. Man stieß und schlug Berel und riß ihm am Barte, bis er endlich

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