Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 22 DIE^gELT 515 Dr. Sander, O. Fantl, Josef Prinz, Josef Mersch 1, MaxTikulsky Heinrich QoIdstein und Frau Milka Kraus. Triest. Der Circolo Sionistico hat bis auf weiteres seinen Sitz in das Restaurant Goldberger, Piazza della Borsa, Nr. 7,1 verlegt. Dort befindet sich auch der Verlag für Nationalfondsmarken, Karten usw. — Am 21. Mai hielt im Circolo unser Gesinnungsgenosse Ingenieur Gustav Pincherle aus Mailand einen Vortrag über jüdische Kunst im Altertum. Ungarn Neutra. Unsere Ortsgruppe hat einen schmerzlichen Verlust zu verzeichnen. Am 26. Mai starb ihr Vorstandsmitglied Herr Josef Reichfeld, im 47. Lebensjahre. Er war ein überzeugungstreuer Mitkämpfer in unsern Reihen. Die IX.Landeskonferenz der ungarischenZionisten Am 4. und 5. Juni werden die Delegierten der ungarischen Zionisten in Budapest zur zionistischen Jahreskonferenz zusammentreten. Das Programm der Konferenz, die Sonntag arn 4. Juni Ii Uhr vorm. im Vereinslokale der ungarischen Landesorganisation (VI Kiräly utca 36) durch den Landespräsidenten Dr. Bela Ost reicher eröffnet wird, umfaßt folgende Punkte: Rechenschaftsbericht des Landeskomitees Dr. Nison Kahan, Kassabericht David Kohn, Nationalfondsbericht Dr. Ludvig Dömeny, Bericht über die Presse und die zionistische Verlagsgenossenschaft Dr. Nison Kahan, Allgemeine Debatte, Bericht über die Kongreßfragen, speziell über die Organisationsreform und Finanzreform Samuel Bettelheim, Debatte, Feststellung des Budgets für das nächste Jahr, Anträge, Interpellationen, Wahlen. Anschließend an die Landeskonferenz findet am 5. Juni in den Sälen des früheren Parlamentsgebäudes ein öffentliches Meeting statt, auf welchem Dr. B61a Östreicher die Eröffnungsrede halten, Dr. OsiasThon aus Krakau über „Jüdische Renaissance und jüdischer Fortschritt" und Armin Beregi über „Palästinaprobleme auf Grund der Oppenheim ersehen Siediungsgenossenschafts-Theorie" sprechen werden. Für die Konferenz haben bereits zahlreiche Provinzorganisationen hre Delegierten gewählt und die Konferenz verspricht gut auszufallen. Wiener Brief Von unserm Berichterstatter Die Wiener Börsenkammer für das Lueger-Denkmal Die Wiener Bödenkammer hat dieser Tage in ihrer Sitzung als Spende für das Dr. Karl Lueger-Denkmal den Betrag von 1000 Kronen notiert. Derselbe Lueger, der sich zu Lebzeiten als erbitterter Feind der Börse gezeigt hat, die er dem „jüdischen Kapital" entreißen wollte, derselbe, der sie in ihrer Funktion geschädigt und gehässig zur skrupellosen Ausbeutung seiner reaktionären Politik benutzt hat, — wird nach dem Tode von der Börsenleitung ausgezeichnet! Lueger und sein politisches Programm, die Feinde der Industrie und des Fortschrittes, der finanziellen Entwicklung und des wirtschaftlichen Aufschwunges, erhalten ein Denkmal, das sich als Dankeszeichen der Wiener Börse erheben wird. Juden der gleichen Gesinnung, die ihrer tiefsten Trauer bei Luegers Hingang Ausdruck gegeben haben, drücken ihre Dankbarkeit und Bewunderung für den Erzfeind durch eine Denkmalsspende aus. Wie pervers doch Leute sein können! Die Einführung der Effektenumsatzsteuer und ihre spätere Erhöhung auf das fünffache sind Luegers Geist und das Ergebnis des Mißbrauches seiner politischen Macht, in seinem Vernichtungskrieg gegen das Jndentum, nicht zu sprechen von den finanziellen Aktionen,' die einen schweren Schaden bedeuten für den allgemeinen Wohlstand, und den tausenden von ruinierten jüdischen Existzenen, die auf dieses Konto zu buchen sind. Was schert das aber die 99 °/o Juden und getauften Juden, die die Börsenkammer repräsentieren? Ihr Geschäft blüht, sie haben ihr Schäfchen im Trocknen. Unci Ehre? Was kauft man sich dafür? Die Lieben und Felsenstein, die Wollheirn und von Krasny, die Anninger und Steinhübl, die Langer und Popper, die Landesberger und Kolisch und wie sie alle heißen, die ehrenwerten Herren im Rate der Börsenkammer, — und mancher sitzt auch im Rate der jüdischen Gemeinde, — sind wohl die, auf welche die Sätze in Herzls „Börsenelend" geschrieben wurden: „Sie empfinden nichts vom schlechten Geschäftsgang, ja nicht einmal vom Antisemitismus, den sie erzeugt haben. Sie finden schon Mittel und Wege, um sich von den Angriffen der judenfresserischen Radaupresse loszukaufen. . . Wir haben das empörende Schauspiel vor uns, wie diese Herren ihr alle Moralbegriffe beleidigendes Vermögen ausbeuten, gleich den Theaterdirnen, die auf schamloser Brust den glänzenden Schmuck ihrer Prostitution tragen." Die Wahlkampagne Die Tätigkeit des Jüdischen Nationalvereins unter Leitung unseres Gg. Dr. Ehrlich hat in seinem wichtigsten Arbeitsgebiet, im zweiten Bezirk ein intensives jüdisches Leben gezeitigt. Die Wahlversammlungen, in denen neben dem Kandidaten Stricker zahlreiche Redner aus unseren Reihen sprechen, sind stets überfüllt. — Die gleichen Meldungen laufen aus dem mährischen Wahlkreis Göding-Lundenburg ein, wo Luzian Brunner von Gemeinde zu Gemeinde geht und überall unter starker Zustimmung der jüdischen Wählerschaft den Kampf gegen das Renegatentum führt. Das galizische Zentralkomitee hat beschlossen, im Wahlbezirk Trenibowla-Ulaszkowce Herrn Dr. J. Schalit in Wien zu kandidieren. Brief aus Sofia Seit Wochen wird bei uns eine lebhafte Agitation für die sogenannte große Nationalversammlung entfaltet. Die große Nationalversammlung, die Ende Juni eröffnet werden soll, wird den Zweck haben, die Umwandlung Bulgariens in ein Königreich gutzuheißen und eine eventuell notwendig werdende Verfassungsänderung vorzunehmen. In den Parteibureaus wird gegenwärtig mit großem Eifer die Nominierung der Kandidaten betrieben. Unser Gesinnungsgenosse Herr Karl Herbst, Mitglied des A. C, der seit Jahresfrist Mitglied des Bureaus der jetzt herschenden Partei der Zankowisten ist, hat vor 14 Tagen in Begleitung eines Mitglieds des Konsistoriums bei Herrn Dr. Danew, dem Chef der Zankowistenpartei und künftigen Präsidenten der Nationalversammlung vorgesprochen. In einer eindringlichen Rede hat Herr Herbst sein Erstaunen darüber ausgedrückt, daß es seit der Befreiung Bulgariens den Juden noch nicht gelungen ist, einen Vertreter in die Kammer zu entsenden. Er hob hervor, daß die Juden über eine stattliche Anzahl Intelligenzen verfügen, die ein zielbewußter weitblickender Staatsmann nicht übergehen dürfe. Der Erfolg der fast einstündigen Unterredung war, daß Dr. Danew versprach, die Sache dem obersten Rat der Partei zu unterbreiten und sie aufs wärmste zu unterstützen. In gleicher Richtung hat der Großrabbiner Herr Dr. Ehrenpreis Schritte beim Ministerpräsidenten Geschow unternommen. In Begleitung seines Sekretärs und einer großen Anzahl hiesiger Notabeln wurde Dr. Ehrenpreis, wie die „Welt" berichtet hatte, von Geschow aufs liebenswürdigste empfangen. Der iVlinisterpräsident wurde darauf gewiesen, daß seit der vom Prinzen Battenberg einberufenen Konstituante, an der der damalige Großrabbiner Sani ah als Vertreter der Juden teilnahm, die bulgarischen Juden keinen Vertreter ihrer Interessen in dem Sobranje mehr hatten. Es wurde ferner hervorgehoben, daß die Juden Bulgariens die Zeit seit der Befreiung tüchtig genützt hätten und auf allen Gebieten staatlichen Lebens in hervorragendem Maße mitgearbeitet hätten. Der Ministerpräsident erklärte, daß eine jüdische Kandidatur ihm durchaus sympatisch sei, und er versprach bei seinen Parteigenossen eine solche aufs eifrigste zu befürworten. Die Situation liegt jetzt derart, daß wir keine schlechten Aussichten haben, zum ersten Male einen Vertreter in der bulgarischen Abgeordnetenkammer zu erhalten. Als voraussichtliche Kandidaten werden allgemein unser Gesinnungsgenosse Herr Karl Herbst und John David Levi genannt. (Vgl. „Welt" No.21). Der Wahlausgang hängt einzig und allein von der Agitationsarbeit und der Kraft unserer Gesinnungsgenossen ab. Sie werden alle ihre Krätfe anspannen müssen, um ihren Kandidaten durchzubringen. Sollte übrigens die jüdische Kandidatur wider Erwarten nicht durchdringen, so bedeutet die Tatsache der Aufstellung eines jüdischen Kandidaten einen großen Fortschritt gegen früher. Hocherfreulich sind die Bemühungen des Großrabbiners, bei dem jetzigen Kultusminister eine Änderung in der Handhabung des jüdischen Religionsunterrichts an den höhern Schulen herbeizuführen. Hunderte von Kindern und zwar gerade diejenigen, die die Gymnasien frequentieren, wachsen ohne jede Unterweisung aus Israels Geschichte und Lehre auf. Der Hilfsverein suchte in der kurzen Zeit seines hiesigen Wirkens durch Begründung einer Religionsschule diesem Übel abzuhelfen. Die Religionsschule des Hilfsvereins erteilt allen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen unentgeltlich jüdischen Religionsuntericht. Gegenwärtig wird die Lehranstalt von etwa 90 Kindern (Knaben und Mädchen) besucht. Die Schule steht unter Leitung des Herrn Dr. Rosen wasser. Sollten die Bemühungen des Großrabbiners von Erfolg sein, so wird die Eröffnung weiterer Religionsschulen notwendig werden