Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Unsere nächsten Aufgaben Von Dr. Schmarja Lewin Unter Ackerbauern, Feldarbeitern und überhaupt Menschen, deren Beschäftigung im Freien ist, findet man nur sehr wenig kurzsichtige. Sie alle beinahe haben normales Sehvermögen. Die meisten Kurzsichtigen liefern Schulkinder, Lehrer, Schreiber und überhaupt Leute, die gezwungen sind, bei ihrer Arbeit gebückt zu sitzen und das zu bearbeitende Objekt aus unmittelbarer Nähe zu betrachten. Das Auge ist von solcher Beschaffenheit, daß es sich verschiedenen Entfernungen akkomodieren kann. Mit der Zeit verwandelt sich die Gewohnheit in die zweite Natur. Und nicht nur beim gewöhnlichen Sehen geht es so. Auch in der politischen Welt haben wir mit Kurzsichtigen und Weitsichtigen zu tun. Es gibt Menschen, die nicht über die Spitze ihrer Nase sehen können; sie sind vorn Moment abhängig und alle ihre Pläne sind von heute auf morgen berechnet. Das sind schlechte Politiker. Sie sind schon deswegen schlecht, weil ihr Horizont zu beschränkt und ihre ganze Perspektive von einer knappen Spanne ist, weswegen sie auch gezwungen sind, ihre Taktik von Tag zu Tag zu ändern. Heute ist der Himmel bewölkt, also wird es wahrscheinlich auch morgen regnen, kommt aber morgen Sonnenschein, wird wahrscheinlich auch übermorgen hell sein. Das ist die einfache Formel der ganzen Weisheit der Kurzsichtigen. Während einer langen Reihe von Generationen waren wir Juden gezwungen, von heute auf morgen zu arbeiten. Die Zukunft war uns zu unsicher; wir waren immer abhängig von Momentsstimmungen, vom Zufall, von fremden Kaprizen, und es ist kein Wunder, daß wir politisch kurzsichtig geworden sind. Erst in der letzten Zeit fängt unser Auge an, allmählich normal zu werden, und wir gewöhnen uns, auch zukünftige Möglichkeiten, die uns etwas entfernter liegen, in Betracht zu ziehen. Doch wenn uns Oberraschungen ereilen, wenn uns unerwartete Ereignisse in der Arbeit des Augenblicks hemmen, die durch unsere provisorische Rechnung einen Strich machen, dann werden wir zu nervös und vergessen ganz, daß echte politische Arbeit nicht vorn Momente beeinflußt werden darf, wenn sie nicht ihren politischen Charakter einbüßen soll. Die Vorkämpfer unserer nationalen Bewegung, wie auch die Begründer der zionistischen Organisation, haben sich nie der optischen Täuschung hingegeben, daß ein solches Ideal, wie die Wiedergeburt eines zerstreuten Volkes, sich mit mathematischer Regelmäßigkeit ohne Zickzack und Abweichungen von dem gedachten geraden Plane verwirklichen kann. Sie waren sich immer bewußt, daß immer nach einigen Schritten vorwärts ein Stillstand, eventuell auch ein Schritt rückwärts kommen könnte und haben die Erfüllung ihrer Hoffnungen und Erwartungen nicht von einem außerhalb uns liegenden Wohlwollen und Entgegenkommen abhängig gemacht In erster Reihe stützten sie sich auf die dem jüdischen Stamme innewohnende Kraft und seinen gesunden Selbsterhaltungstrieb. Es kann ja sein, daß manche Zionisten sich den ganzen Prozeß der Wiedergeburt mit einer gewissen Naivität konstruierten, indem sie die innern Möglichkeiten über- und die äußern hindernden Momente unterschätzten. Doch sind sie durch die Ereignisse und die Logik der Dinge selbst zur klaren Einsicht gelangt und erweiterten ihre Perspektiven, ohne ein Jota von ihren kühnen Erwartungen aufgegeben zu haben. Die Hindernisse, denen eine Bewegung auf ihrem Entwicklungsgänge begegnet, sind im Gegenteil.der beste Probierstein, durch den das Kernhafte, Gesunde und in sich Gefestigte von dem Schwachen, Losen, Nicht widerstandsfähigen gesondert wird. Es war nur eine Ausrede — und nebenbei bemerkt, keine schöne — als man in verschiedenen Kreisen, die doch mit dem Zionismus liebäugelten, die Passivität mit dem Charakter des alten Regimes in der Türkei zu bemänteln suchte. Das war ein Feigenblatt für die eigne Nacktheit. Denn wer die Verhältnisse in Palästina zu jener Zeit der Abdul Hamidischen Herrschaft beobachtete, mußte einsehen, daß man auch damals in Palästina das Zehnfache erreichen konnte von dem, was leider durch Schlappheit und unbegründete Ausreden versäumt worden ist. Nur eine Illustration: Gerade zur Zeit des alten Regimes herrschte in Palästina vollständige Freiheit in Bezug auf Gründung von Schulen und andern kulturellen Unternehmungen. Den besten Beweis dafür liefern diejenigen Organisationen, die zwar dem zionistischen Gedanken nicht huldigen, ihn ex officio sogar bekämpfen, aber von dem großen Gedanken getragen, der orientalischen Judenheit modernere Lebensanschauungen, sichere Existenzmöglichkeiten zukommen zu lassen, gerade in dem unmittelbar vorkonstitutionellen Zeitabschnitt ihre besten Schulen in Palästina eröffneten, wodurch sie sich für ihre weitere Tätigkeit eine feste Position im Lande geschaffen haben. Das sollte doch aber auch für die waschechten politischen Zionisten klar sein, daß man nicht über die Köpfe der bereits im Lande ansässigen jüdischen Elemente hinweg eine politische Tätigkeit in der Türkei würde entfalten können. Es sollte ihnen doch die Grundwahrheit einleuchten, daß wir den größten politischen Faktor für unsere Bewegung in einer in unserrn Sinne erzogenen Jugend zu suchen haben. Fremde Gesandte und Akkreditierte werden vielleicht höflicher behandelt, wenn es sich aber um aufrichtiges Zutrauen handelt, so wird es sogar dem schlichten Eingeborenen sicherlich eher geschenkt. Ebenso unberechtigt wie das Sichzurückziehen und Zurückschrecken vor dem alten Regime waren die naiven Hoffnungen, die man in die neue Verfassung gesetzt hat. Früher pflegte man von Palästina als von einem wüsten und öden Flecken zu sprechen Nun glaubte man, daß die junge Regierung sich einfach auf den Plan einer belebenden und befruchtenden Tätigkeit durch die Zionisten stürzen würde. Es stellte sich aber bald heraus, daß das ganze Problem gar nicht von so einfacher Struktur ist. Die Jungtürken, obgleich sie die Führerschaft über das ganze ottomanische Reich für sich in Anspruch genommen haben, sind doch zu guterletzt von den Intentionen vieler Völkerschaften abhängig, besonders in Palästina, wo nur das Beamtentum sich aus türkischen Elementen rekrutiert und wo die Bevölkerung zum Teil aus Nichtstammesgenossen der Türken, zum Teil aber auch aus Nichtglaubensgenossen, besteht. Besonders die letztern, die gar kein Interesse an der Erhaltung des ottonianischen Reiches haben, suchen alle Mittel anzuwenden, um die zionistische Arbeit nicht aufkommen und gedeihen zu lassen. Die letztem waren es auch, die die Hetze im Parlament vorbereitet und veranstaltet haben, Das war aber auch zu erwarten, und man muß sich nur wundern, daß der mit solcher Plumpheit inszenierte Angriff solange auf sich warten ließ. Die politischen Konjunkturen ändern sich, und besonders in einem solchen Staate, wie die Türkei es ist. Unsere Arbeit muß aber durchdacht und planmäßig sein. Erst dann befreien wir uns von momentanen Stimmungen und plötzlichen Wendungen. Mehr Berücksichtigung unserseits der ansässigen jüdischen Bevölkerung nicht nur in Palästina, sondern auch in der ganzen Türkei! Wir dürfen uns nicht zufrieden geben mit der Rolle des unbeteiligten Zuschauers, die wir bis jetzt geübt haben. Mehr Aufmerksamkeit unserseits der arabischen Bevölkerung in Palästina! Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie eine uns und unsern ehrlichen Bestrebungen feindliche Presse in Palästina geschaffen wird, täglich Gift in die naiv unwissende, halb im Urzustände lebende und sich in komplizierten Fragen nicht zurechtfindende Bevölkerung hineinträgt. Wir müssen auch dafür Sorge tragen, daß auch die europäische Presse über unsere Arbeit und Absichten besser informiert wird, und sie von den Holzwegen abbringen, auf die sie allzu häufig in der Beleuchtung des zionistischen Problems gerät. Keine leichte Arbeit, keine geringen Aufgaben! Doch das Versäumte läßt sich noch nachholen.