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Die Welt · 1911-06-01 · 22 (1.6.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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wurde, die deutsche Körperschaft aufzulösen. Daraufhin erklärte sich im November 1909 die Deutsche Konferenzgemeinschaft für bestehend, protestierte gegen den Pariser Beschluß und forderte die seit langen Jahren nicht vorgenommenen Wahlen in das Zentralkomitee endlich vorzunehmen. Bs wurden auch die Wahlen ausgeschrieben, dann aber wieder aufgeschoben. Die Pariser Leitung hat sich überhaupt nicht um die Statuten gekümmert. Auch die Stellung des Präsidenten Leven ist vollkommen Statuten widrig. Es kam in der Folge zu einem Scheinfrieden zwischen Paris und Berlin, der aber durch die Haltung des Zentralkomitees nicht von langer Dauer blieb. Es kam aufs neue zu Differenzen, bis die Deutsche Konferenzgemeinschaft erkannte, daß die Haltung des Pariser Komitees eine Folge des autokratischen Systems der Alliance sei, die vollständig von Herrn Salomon Reinach geleitet wird. Der Redner besprach die Beschwerden über die mangelhafte jüdische Erziehung in den Allianceschulen, die auf Herrn Reinachs Einfluß zurückweisen. Sowohl im „Orpheus" wie im „Frankf. Isr. Famiüenblatt" hat Herr Reinach sein, wenn man so sagen darf, Glaubensbekenntnis als Jude abgelegt, das eigentlich eine Beschimpfung des Judentums war. Er ist gegen den Ritualismus und die Heilighaltung des Sabbat. Aber das allein genügt ihm noch nicht. Die Art, wie er seine Ansichten gewissermaßen wie eine Mission als der Vizepräsident der Alliance zur Geltung bringt, ist eine ständige Gefahr, die nun endlich einmal beseitigt werden muß. Die griechischen Mythen sind ihm der Ausfluß des Schönen, die Bibel aber findet er voll Absurditäten und Täuschungen. Er ist Hellenist und setzt die Bibel herab, die er für die religiösen Verfolgungen der Juden verantwortlich macht. Denn er behauptet, daß das Christentum den religiösen Fanatismus aus der Bibel gelernt habe. Ein solcher Mann gehört nicht an die Spitze einer jüdischen Institution, die überall für die Juden eintreten soll, die wegen ihres Judentums leiden. Er hatte kein Mitgefühl mit den palästinensischen Kolonisten, die gegen die Ica ihr Recht forderten. Im „l'Univers Israeiite" suchte er die Quelle für die Leiden der Juden darin, daß sie zuviel Geld für koscheres Fleisch ausgeben. Sie sollen Schweinefleisch essen. Das ist aber für sie „tabu", wie bei den australischen Stämmen, die gewisse Tiere nicht essen, weil sie glauben, von ihnen abzustammen. Die zweite Quelle ist ihm der Sabbat. Er fordert eine geordnete Propaganda zur geistigen Emanzipation des Ostjudentums, die er sich natürlich nur in seinem Sinne geleitet denkt. Diese seine Ansichten übertragen sich dann auf die Lehrer in vielen Schulen der Alliance und alle Klagen bleiben erfolglos. Die hebräischen Lehrer an den Schulen in Safed, Beiruth und Tiberias werden nicht von der so reichen AUiarrce gezahlt, sondern vom Odessaer Komitee der Chowewe Zion. Redner erwähnte die Disziplinierung des Lehrers Ehrlich in Beiruth, die zugestandenermaßen erfolgte, weil er gegen Reinach schrieb. Die Bezalelschule wurde vom Pariser Bureau aus diskreditiert, vertraulich natürlich. Ebenso wird die Arbeit des Hilfsvereines herabgesetzt. Der Einfluß Reinachs ist eine Gefahr nicht nur für die Alliance, sondern für das Judentum. Redner erwähnt die systematische Hetze der Alliance gegen den Zionismus. Die türkische und arabische Presse war immer der jüdischen Kolonisation in Palästina sehr freundlich gesinnt. Das änderte sich, als plötzlich Präsident Leven seine Rede an die türkische Parlamentsdelegation hielt. Die Notiz über diese Rede wurde, wie Bigart zugestanden hat, von ihm nach Konstantinopel, und zwar an Herrn Fernandez geschickt mit dem Auftrag, sie in die türkische Presse zu lanzieren. Herr Reinach hat es verhindert, daß die Alliance den Falaschas Schulen errichtet. Das sind die Gründe, welche die Deutsche Konferenzgemeinschaft veranlaßt haben, die Ausschaltung Reinachs zu verlangen. Die Pariser Leitung hält aber an Reinach fest, den sie mit allen, auch unerlaubten Mitteln, verteidigt. Man läßt Herrn Ligart, den seine Stellung zur Neutralität verpflichten sollte, herumreisen. Dem französischen Offizier Lipmann wird erzählt, daß es sich um eine deutsch-nationalistische Kampagne handelt. Die Angestellten der Alliance im Orient beteiligen sich an der Hetze gegen die deutsche Liste, weil ihnen von Paris aus befohlen ist, für Reinach zu arbeiten. Welche Moral können solche Lehrer und Direktoren, die jüdische Kinder erziehen sollen, lehren? Die Differenzen zwischen der Deutschen Konferenzgemeinschaft und der Pariser Zentrale sind sehr tiefgehende und berechtigte. Cremieux, der ein liberaler Jude war, hat 1860 warme Worte für das Judentum gesprochen, das seine Feinde überlebt hat. Welcher Gegensatz klafft zwischen ihm und Reinachs gehässiger Art! Loeb, Netter, Erlanger, Zadok Cahn haben Licht und Luft unter die Juden des Orients gebracht. Die Alliance hat große Verdienste. Aber ihr Werk hat aufgehört, seit Reinach am Ruder ist. Wir müssen die große Devise der Alliance wieder finden! Man droht uns von Paris aus mit dem Ausschluß. Das ist die Auffassung Reinachs für die jüdischen Ideale. Die Alliance darf nicht durch das Treiben einiger Oligarchien zerstört werden. Wir müssen kämpfen, daß die Alliance nicht in destruktivem Geiste arbeitet, sondern im jüdischen! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) In der nun folgenden Diskussion sprach zuerst Herr Dr. Baum, der für Reinach eintrat. Man will, sagt Redner, in Berlin in gewissen Kreisen das Judentum konzentrieren und hat sich Reinach als Opfer ausgesucht. Man kann Reinach nur Unvorsichtigkeiten vorwerfen. Ihm entgegnete der Referent Dr. Yahudä,. der u*. a. auch auf die interessante Verwechslung aufmerksam machte, die von Paris aus geflissentlich unterstützt wird, daß man nämlich Salomon Reinach mit seinem Bruder Josef Reinach verwechselt, der sich tatsächlich große Verdienste um das Judentum erworben hat und aus der Dreyfus-Kampagne bekannt ist. Es ist auch nicht wahr, daß Salomon Reinach so großen politischen Einfluß besitzt. Auch hier wird er mit seinem Bruder verwechselt. Es sprach sodann Sanitätsrat Apfel, der darauf aufmerksam machte, daß die Alliance in den letzten Jahren im französischen Dienst gearbeitet habe. Das müsse aufhören und die Alliance müsse jüdisch werden. (Lebhafter Beifall.) Redner spricht sich energisch gegen Reinach aus. Dr. Bodenheiiner führt aus, daß die Alliance erhalten werden müsse, und bespricht sodann die Art des Skrutiniums, die den Wahl Vorgang nicht zuverlässig erscheinen läßt. Redner wendet sich sodann gegen Dr. Baum, der gesagt habe, man dürfe nicht gegen Personen kämpfen. Unser Kampf richtet sich gegen das System und ein System kann nur beseitigt werden, wenn man seine Träger bekämpft. Die Alliance verfolgt einseitige französische Ziele. Sie verbreitet französische Sprache und Kultur. Das wäre kein Fehler, wenn sie nicht das jüdische Element zurückdrängen würde. Sie sieht die hebräische Sprache, die jüdische Kultur als etwas rückständiges an. Das sind die Ansichten Reinachs, der nichts weiß von der Schönheit des jüdischen Sittengesetzes, und seine Ansichten sind die der Alliance geworden. Reinach ist ein jüdischer Antisemit (Rufe: „Sehr richtig!") Ein Jude, der die jüdische Religion beschimpft, gehört nicht an die Spitze der Alliance. Redner bespricht weiter die Rede Levens gegen den Zionismus, der die Bewegung ohne jede Ursache diskreditiert hat. Die Folgen waren dann die Debatten in der türkischen Kammer, bei denen Zionisten und Nichtzionisten -mit der gleichen Schroffheit und den gleichen Märchen angegriffen wurden. Die Verdächtigungen gegen den Zionismus sind auf das ganze Judentum übertragen worden. Das sind die Konsequenzen des Reinachschen Systems, das die jüdische Religion herabsetzt, den Zionismus verdächtigt und assimilatorisch wirkt. Dieses System muß beseitigt werden. (Großer stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende Dr. Apfel bringt nun folgende Resolution zur Abstimmung: Die von Mitgliedern der Aliance Israeiite Universelle einberufene stark besuchte Versammlung im großen Saale der Rheinlandloge lehnt 1. die Wiederwahl des Herrn Reinach ins C. C. ab, und spricht die Hoffnung aus, daß die Mitglieder der A. I. U. allerorts ihre Stimme nicht einem Manne geben werden, dessen Ansichten und Äußerungen in einem schroffen Gegensatz zum Geist und den Bestrebungen der Alliance stehen. 2. Die in der Versammlung anwesenden Mitglieder protestieren energisch gegen die vom Sekretär der A. I. U. Herrn Bigart persönlich betriebene Wahlkampagne und gegen die Art seiner Agitation. 3. Sprechen sich die Mitglieder unbedingt für eine öffentliche Prüfung der Wahlresultate in allen Ländern aus. 4. Drücken die Kölner Mitglieder der A. I. U. der Leitung der D, C. G. ihr vollstes Vertrauen aus und erwarten, daß sie mutig den Kampf zur Wahrung des jüdischen Alliancegedankens fortsetzt. Die Resolution wurde einstimmig zum BeschlulS erhoben.

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