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Die Welt · 1911-06-01 · 22 (1.6.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. .22 DIEE^KELT 509 wir kämpfen nicht für uns, sondern für die Sache unseres Volkes und darum ist es selbstverständlich, daß diejenigen Zionisten, die der Alliance angehören, gegen das Reinach'sche System Front machen und das Programm der Alliance gegen die Leitung der Alliance schützen. Der Kampf mag ausfallen, wie er wolle. Vielleicht gelingt es Herrn Reinach diesmal noch die Oberhand zu behalten. Der endliche Sieg des aufrechten Judentums gegen das System der Passivität, der Verleugnung der jüdischen Prinzipien, des stillen Duldens, kurz gegen das System des Qolus, wird kommen, weil er kommen muß, weil ihn das Judentum wünscht und verlangt. Das Judentum muß sich als Nation bekennen und von jedem, der ihm angehört, das Beste für die gemeinsame Sache fordern. Wer für das Volk fühlt und empfindet, wer dieses Empfinden in die Tat umsetzt und mitarbeiten will an der Erhöhung des Judentums, der hat unsere Sympathie. Und man kann mit großer Befriedigung feststellen, daß dieses Bestreben der Erhaltung und Einigung des Judentums immer tiefer in unser Volk eindringt. Der erste Beweis ist das Anwachsen unserer Bewegung, die im Namen und im Auftrag des selbstbewußten Volkes handelt. Unsere Reihen stärken sich und sie lassen sich von niemanden aufhalten. An ihrer Fügung zerschellen die lächerlichen und deshalb um so traurigeren Rankünen einiger Herren in Paris. Und der zweite Beweis ist die Gärung in der Mitgliedschaft der Alliance. Die Alliance geht, wenn ihr nicht aus ihren eigenen Reihen Hilfe kommt, einem Zersetzungsprozeß entgegen. Sie muß zu ihrem Programm zurückkehren. Und wir freuen uns der Bewegung, die in einem so großen und bedeutenden Teil der Mitgliedschaft der Alliance entstanden ist. Aber wir lassen keine Sekunde außer Betracht, daß das Programm der Alliance nur ein Programm des Golus ist. Wir wollen unser Volk befreien, es aus der Nacht des Exils in die helle Sonne führen und ihm aufhelfen, damit es lebe, weil es leben will. Wir wollen eine. Solidarität des Judentums in einem weit höheren Sinne, als es das Programm der Alliance wünscht, nicht bloße Verteidigung des Judentums in der Situation, in der es sich heute befindet, die gleichbedeutend ist mit Zerstreuung und Atomisierung. Das jüdische Volk will seine Einigung und Konzentration. * * j Wie Reinach gerettet wird Das Pariser Zentralkomitee der Alliance hatte es bekanntlich abgelehnt, Delegierte der Deutschen Konferenzgemeinschaft zu dem Skrutinium der am 4. Juni abgegebenen Stimmzettel zuzulassen. Es hatte wohl alle Ursache, eine genauere Überwachung der Wahlhandlung zu verhindern, die eine Niederlage des Reinachschen Systems ergeben könnte. Um nun zu retten, was zu retten ist, haben die Freunde Reinachs sowohl die demokratischen Traditionen Frankreichs als auch den aristokratischen Charakter der Alliance einfach über Bord geworfen und praktizieren eine Wahl nach den alten bewährten Methoden der galizischen Wirtschaft. Wie sie zu Werke gehen, zeigen die folgenden Meldungen der „Neuen Jüdischen Korrespondenz:" „Wie wir erfahren, hat die Pariser Leitung der Alliance entgegen den bisherigen Gepflogenheiten einen Ukas erlassen, demzufolge unterschriebene Wahlzettel als ungültig betrachtet werden sollen. Bei den Wahlen von 1902 und 1905 waren ausschließlich unterschriebene Wahlzettel verwendet worden. Die neue, vollkommen willkürliche Anordnung kann nur zu undurchsichtigen Wahlen führen. Im Orient, wo ohnehin mit allen Mitteln und Praktiken versucht wird, die Pariser Liste durchzudrücken, können jetzt ungestört beliebig viele Stimmzettel gezählt werden, ohne daß man kontrollieren könnte, ob sie tatsächlich von Mitgliedern der Alliance herrühren. Diese neuesten Machenschaften liefern wieder den Beweis dafür, wie überaus nötig es ist, die Liste der D. C. G. zu wählen. Natürlich sind auch unterschriebene Stimmzettel vollkommen gültig.* Aus Konstantinopel schreibt man der „N. J. K.": Auch im Orient ist eine lebhafte Bewegung unter der jüdischen Bevölkerung anläßlich der Wahlen zum Zentralkomitee der Alliance Isr. Universelle bemerkbar, und bei den unabhängigen Elementen herrscht große Erregung gegen Herrn Reinach und das in ihm verkörperte System. Trotzdem wird für die Pariser Liste mit den bedenklichsten Mitteln gearbeitet und versucht, so das Wahlresultat zu beeinflussen. Massenhaft werden die nach Herrn Reinachs Ansicht so „rückständigen Juden" zu Mitgliedern der Alliance „ernannt", indem man ihnen sagt, sie können einen Beitrag zahlen, wenn sie wollen, oder auch nicht. Als Gegenleistung werden sie zur Wahl Reinachs verpflichtet. Gleichzeitig werden in den Listen dieser neugebackenen Wähler von Angestellten der Alliance die Namen des Justizrats Fuchs und des Geheimrats Landau mit der Begründung gestrichen, man müsse an ihrer Stelle ortsansässige Kandidaten aufstellen. Natürlich sind diese Kandidaten völlig aussichtslos, da sie nur Stimmen in dem jeweiligen Wahlort erhalten. Aber der Zweck wird erreicht, den Paris bekämpfenden Herren Stimmen zu entziehen. Auch wird verbreitet, die D. C. G. wolle sich vermittels der Wahlen lediglich der in Paris angelegten Gelder der A. I. U. bemächtigen. In andern Städten wagt man nicht, die deutsche Liste zu wählen, weil man Grund hat, die Entziehung der Subventionen für die Schulen der I. C A., deren Vertreter (z. B. Herr Astruc in Rumänien) gleichzeitig Vertreter der A. J. U. sind, zu befürchten, falls nicht „richtig" gewählt wird. Die Deutsche Konferenzgerrieinschaft wird sicher nicht unterlassen, diesen Wahlmethoden nachzugehen und die Kassierung der so erschlichenen Stimmen zu veranlassen. Wie berechtigt die Forderung einer öffentlichen Wahlprüfung ist, beweisen jetzt schon die oben skizzierten Wahlmanipulationen. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft versendet folgendes Kommunique: Wir machen die Mitglieder der Alliance Israelite Universelle darauf aufmerksam, daß unser französischer Kandidat Kommandant Lipmann, Versailles, seine Kandidatur im letzten Augenblick zurückgezogen hat, weil ihm von Herrn Bigart, Sekretär der Avance in Paris, unsere ganze Aktion als eine deutsch-nationalistische hingestellt worden ist. Indem wir gegen diese Insinuation protestieren, müssen wir unser Bedauern darüber aussprechen, daß Herr Lipmann sich gezwungen gesehen hat, seine Kandidatur zurückzuziehen, und bitten diejenigen Mitglieder der Alliance, die ihre Stimmzettel noch nicht abgegeben haben, an Stelle des Herrn Lipmann den Oberrabbiner Isaac Levy in Bordeaux zu wählen. Eine Versammlung in Nürnberg In Nürnberg hat am 29. Mai eine Versammlung von Mitgliedern der Alliance stattgefunden, die sehr zahlreich besucht war. Das Referat erstattete Herr Dr. Yahuda aus Berlin. Nach seinen Ausführungen nahm die Versammlung eine sehr scharf gefaßte Resolution an, in welcher gegen die Kandidatur Reinachs Einspruch erhoben und gegen das pflichtwidrige Eingreifen des Sekretärs Bigart in den Wahlkampf protestiert wird. Die Resolution verlangt energisch, daß das Zentralkomitee Herrn Bigart zur Rechenschaft zieht, und spricht endlich der Leitung der Deutschen Konferenzgemeinschaft das vollste Vertrauen aus. Eine Versammlung in Köln Auch in Köln traten zahlreiche Mitglieder der Alliance am 30. Mai im Saale'der Rheinlandloge zu einer großen Versammlung zusammen, Rechtsanwalt Dr. Apfel eröffnete mit einer kurzen Ansprache, in der er auf die Bedeutung der Wahlen in die Alliance hinwies. Er betonte, daß die Versammlung nichts mit der Deutschen Konferenzgemeinschaft zu tun habe, sondern lediglich der Aussprache der Mitglieder über die aktuelle Wahlfrage gelte. Hierauf besprach Herr Dr. Yahuda-Berlin die Vorgänge, die zu der Stellungnahme der Deutschen Konferenzgemeinschaft geführt habem Er gab einen Überblick über die Geschichte der deutschen Körperschaft. Solange diese sich nicht um die innern Angelegenheiten der Pariser Leitung kümmerte, herrschte Frieden. Dies änderte sich, als die Deutschen eine Einflußnahme in Paris verlangten. Das konnte die Pariser Zentrale, die keine Kritik verträgt, nicht zugeben. Geheimrat Goldberger mußte zurücktreten und es wurde eine Sitzung nach Paris einberufen, in welcher beschlossen

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