Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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508 DI£2|EELT No. 22 das doktrinäre Weltbürgertum, den einfachen Volksbegriff verdrängt hatte. Es war daher nicht zu verwundern, wenn die Gründer der Alliance das Judentum nicht als eine Nation in dem strengen Sinne des Wortes auffaßten, sondern als eine brüderliche Gemeinschaft, die auf der ganzen Welt zerstreut lebt und gegen Angriffe von außen her verteidigt werden muß. Fast ein halbes Jahrhundert später besann sich das Judentum auf den wahren Geist seiner Geschichte. Es wandelte das negative Programm der Alliance in ein positives um. Es schuf den Zionismus. Immerhin: Die Devise der Alliance hätte, wenn sie streng getreu dem Programm durchgeführt worden wäre, auf den gleichen Weg führen müssen. Sehen wir zu, wie sich das Werk der Alliance heute, fünfzig Jahre nach seiner Inaugurierung, darstellt. Was ist aus der Devise geworden, die einstmals wie eine Fanfare in der Wüste des Exils klang? Wir wollen dieses Werk, das in seinen Einzelerscheinungen im Rahmen eines Artikels nicht behandelt werden kann, in einem einzigen Blick erfassen, etwa so, wie man durch einen Ring auf eine Landschaft sieht. * * * Die Tätigkeit der Alliance mußte sich ihrem Programm gemäß auf diejenigen Länder erstrecken, in denen das Judentum nicht emanzipiert war. Das waren in Europa Rußland und Rumänien. Dazu kam der Balkan, der gesamte Orient, die afrikanische und asiatische Küste des Mittelmeeres. In den europäischen Ländern war die Alliance tatsächlich durch lange Jahre ein treuer und eifriger Vorkämpfer für die Rechte des Judentums. In diesen Ländern ist kein Erfolg eingetreten und das Judentum leidet weiter unter einem unerträglichen Druck. Aber die Erfolglosigkeit von Bemühungen ist kein Argument gegen ihre Berechtigung und es gibt sogar Dinge, die getan werden müssen, auch wenn sie undurchführbar scheinen. Hat die Alliance die Notlage der Juden in Osteuropa nicht lindern können, so darf ihr daraus kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie ihre Bemühungen fortsetzt. Aber seit einer ganzen Reihe von Jahren hört man nichts mehr von einer Tätigkeit der Alliance in diesen Ländern. Sie registriert in ihren Jahresberichten alle Akte der Judenverfolgungen, notiert alle antisemitischen Gesetze und Ausschreitungen. Aber man erfährt nichts von ihrer Gegenaktion. Sie hat ihre Tätigkeit eingestellt. Noch bei Gelegenheit der Feier ihres fünfundzwanzigjährigen Bestandes hatte die Alliance erklärt, daß das Hauptgebiet ihrer Wirksamkeit Rußland sei. Was hat sich denn in Osteuropa geändert, daß die Alliance feiern dürfte? Es gibt nur eine Erklärung für diesen merkwürdigen Umstand: die Stockung in der Hilfsarbeit der Alliance steht mit dem Beginn der Amtstätigkeit ihrer gegenwärtigen Leitung in zeitlichem Zusammenhang. Die Hand des Herrn Reinach hat das jüdische Gefühl an die zweite Stelle gerückt. An der ersten stehen gewisse politische Interessen. Betrachten wir nun das Schillwerk der Alliance im Orient. Die Alliance hat in diesem Gebiete eine jahrzehntelange, ungemein segensreiche und gedeihliche Arbeit entfaltet. Ihr lag die Aufgabe ob, das kulturell und wirtschaftlich rückständige Judentum zu heben und ihm die Wege zur europäischen Gesittung zu ebnen. Und auch hier sehen wir die gleiche Erscheinung wie in Europa. Zu dem gleichen Zeitpunkt tritt hier eine Stockung in der Arbeit ein und es scheint, als wären alle Erfolge der erziehlichen Tätigkeit, die bereits erreicht worden waren, verloren. In Marokko und in Persien lebt das Judentum noch in derselben trostlosen und entwürdigenden Einpressung in die Mellah, jede Sekunde dem Pöbel preisgegeben, in derselben Stickluft und in derselben sozialen Rückständigkeit, in der es vor 5.0 Jahren lebte. Und man ei innert sich noch mit Entsetzen an die Mitteilungen eines Herrn der Alliance im Herbst des vorigen Jahres, der auf einer Reise in Südamerika mitten zwischen den Mestizen in Peru marokkanische Juden fand, welche die Alliance dorthin verpflanzt hatte und die dort unter dem Einfluß ihrer Umgebung demoralisiert wurden. Das ist der Geist Reinachs, dem das Judentum nichts bedeutet, als höchstens eine Tradition, der den Falaschas die Hilfe verweigert, weil eben schon genug Juden auf der Welt sind. Sehen wir nach Palästina, nach Syrien, nach der europäischen Türkei, nach den Balkanländern, überall die gleiche Erscheinung. Als die gegenwärtige Leitung der Alliance zur Herrschaft kam, begann sie mit einem Ausroden alles dessen, was in etwa vier Jahrzehnten gebaut worden war. Es gibt nur ein einziges Land noch, in dem die Alliance eine Tätigkeit entwickelt. Das ist die Türkei. Dort arbeitet die Alliance gegen den Zionismus. Denn: biotsn nn nr D'my . . . Die Alliance ist von ihrem Programm entfernt worden. Sie war, wie es in ihren Statuten heißt, begründet worden, um: erstens überall die Emanzipation und den moralischen Fortschritt der Juden anzustreben; zweitens denen ausreichende Hilfe zu leisten, welche in ihrer Eigenschaft als Juden zu leiden haben; drittens alle Publikationen zu unterstützen, die zu diesem Ergebnis führen können. Keinen dieser drei Punkte hat sie ausgeführt, überall hat plötzlich der feste und energische Wille versagt, der sich im Anfang so verheißungsvoll gezeigt hatte. * * * Das Judentum hat eine tiefgehende Wandlung durchgemacht. Es hat seine Jugend wiedergewonnen und ihr neues und lebendiges Interesse für alles, was jüdisch ist, eingeflößt. In dem gleichen Maße, als sich die nationale Renegeration entwickelte, hat sich das Judentum auf seine demokratischen Prinzipien besonnen und sich von der Bevormundung durch die traditionellen Repräsentanten freigemacht. Durch diese Umwertung in seiner nationalen Struktur ist eine öffentliche Meinung im Judentum entstanden, die alle die Faktoren zur Rechenschaft zieht, die in den Jahren der Emanzipation es verhindert haben, daß das Judentum ein einheitlicher Körper blieb, die sich als seine Führer ausgaben und ohne Vollmacht des Volkes in seinem Namen handelten. Diese Tage sind endgültig und für alle Zeit vorbei. Die Vorgänge, die gegenwärtig die Alliance gegen ihre hochmütige Leitung aufwühlen, zeigen, daß das jüdische Gewissen auch hier erwacht ist und auf seine Fragen Antwort fordert. Nicht um Personen, mögen sie Reinach heißen oder anders, handelt es sich uns. Den Kampf, den die Deutsche Konferenzgemeinschaft um ihre Liste führt, begleiten wir nur deshalb mit unseren Sympathien, weil wir jede energische Willensregung im Judentum begrüßen. Die Alliance bekämpft und malt auch jetzt in ihren Briefen den Zionismus als das Schreckgespenst. Aber wir sind keine Partei, die um ihre Existenz besorgt ist,-