Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 22 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT IE0EN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV, JAHRG. Köln, l. Juni i9ii puni) Do'rin'tf \vö "n No. 22. An die Landesorganisationen und Föderationen! Da die Wahlen zum X. Kongreß vom 3. bis 8. Juli stattfinden sollen, müssen die gesammelten Schekelgelder spätestens bis zum 30. Juni ds. Js. an den Jewish Colonial Trust in London oder an das Zionistische Zentralbureau in Köln überwiesen sein. Für die Wahlen ist nur die Summe der bis zu diesem Termin eingegangenen Schekelgekler maßgebend. Später eingehende Beträge können nicht mehr berücksichtigt werden. Wir richten daher an alle Landesorganisationen und Föderationen den dringenden Appell, die gesammelten Schekelgelder unverzüglich und ungekürzt nach London oder Köln zu überweisen und die ganze Tätigkeit in den nächsten Wochen auf eine energische Schekelsammlung zu konzentrieren. KÖLN, den 1. Juni 1911. Das Actions=Cornite. VON CREMIEUX BIS REINACH Von Julius Löwy na nr omy *?N-itfin hl Das ist die Devise, in der vor fünfzig Jahren die Alliance Israelite Universelle geschaffen wurde. Das ist die Devise eines reinen und begeisterten Gefühls, das in den Juden verschiedener Länder, verschiedener Sprachen und verschiedener Sitte eine einzige große Familie erblickt, deren Glieder einander in Treue umfangen. Aber dieser Devise ist es so ergangen, wie es allen großen Schlagworten ergeht, die nicht bis an ihr Ende durchdacht sind, die nicht vom Willen zum Leben eingegeben sind. Alle Juden bürgen für einander! Das ist die Maxime der Passivität. Wenn die Juden irgendwo angegriffen werden, so müssen sie einander helfen. Das ist der Sinn und Geist des Wortes, mit dem Cremieux und Netter die Wirksamkeit der Alliance einleiteten. Es ist die Devise des Leidens, der Wurzellosigkeit, des Golus. Fast ein halbes Jahrhundert mußte vergehen, ehe das Judentum aus sich heraus diese Parole des Duldertums überwand und sich als eine einheitliche und untrennbare Nation proklamierte, die ihre abnormale Lage erkannt hat und nicht mehr ein Scheindasein als eine vegetierende Gemeinschaft führen will. Die Devise der Alliance war in einer Zeit entstanden, in der das Judentum mitten in der Assimilation stand. Es schien, als wollte es in den Völkern aufgehen, die ihm die Ghettotore geöffnet hatten. Die Stürme der Revolution waren kaum vorbei, und die Wandlung der Ansichten, die von Frankreich her nach Europa vordrang, war noch nicht zur Kenntnis der breiten Volksschichten gelangt, die in den Juden trotz der Deklaration der Menschenrechte und trotz aller Freiheitsbegeisterung weiter instinktgemäß ein fremdes Element erblickten, dessen restloses Aufgehen ihnen nicht erwünscht schien. Es zeigten sich in Deutschland, in Österreich und sogar in dem aufgeklärten Frankreich antisemitischeStrömungen, und der Kampf um die Emanzipation, die dem Judentum damals als das höchste Ziel erschien, mußte intensiver geführt werden. So intensiv, daß darüber leicht das Judentum selbst vergessen werden konnte. Dieser Gefahr zu steuern, und das Streben nach der Emanzipation mit den inneren jüdischen Interessen zu verbinden, wurde die Alliance geschaffen. Die Männer, die sie gründeten, waren nicht Nationaljuden in dem Sinne, wie wir heute dieses Wort verstehen. Es lebte in ihnen ein tiefes und mächtiges Gefühl für die Solidarität des Judentums. Man stand in einer Zeit, in der der Kosmopolitismus,