Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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468 DIE ELT No. 20 P Ii m der Rabbiner, die soeben dem Großrabbiner offiziell Mitteilung von ihr gemacht haben. Man muß sich sehr wundern, wenn diese Organisation, die nur den Schutz der religiösen und nationalen Güter sowie die Vertretung der rabbinischen Standesinteressen verfolgt, dem Chachambaschi und seinen Freunden Beklemmungen erweckt, anstatt mit Freuden begrüßt zu werden. Nichts lag in der türkischen Judenheit, darüber sind alle einig, so sehr darnieder, wie der Rabbinerstand, und was dieser für den Verfall oder die Hebung des jüdischen Geistes und der jüdischen Gemeinden bedeutet, ist aus den Erfahrungen in allen europäischen Ländern bekannt. Wenn also diese soeben aufgekommene Rabbiner-Bewegung eine aufgeklärte Führerschaft erhält, so muß sie zu großem Segen werden. Alle jüdisch denkenden und sich für aufgeklärt haltenden Männer, der Chachambaschi an der Spitze, können also nicht gut anders als den ottomanischen Rabbinerverband unterstützen. Trotzdem scheint es, als habe man für die nahe Zukunft mit einem Kampfe Rabbi Nahums gegen die Organisation der Rabbiner zu rechnen, an deren Spitze der Waad Rnchani, die höchste geistliche Behörde der Juden im Reiche steht, und — wenn wir uns nicht täuschen — auch gegen den neuen Medschliß dschesmani, der von den Rabbinern in erster Linie gewählt wurde und von ihnen unterstützt wird. Eine gewisse Presse hat den Alarmruf „Reaktion! Klerikalismus!" ausgestossen. Die Entwicklung geht weiter vorwärts, im jüdischen und im modernen Sinne. Palästina Spätregen Während des jüngsten Pessachfestes ging in Palästina Spätregen nieder der von belebender Wirkung auf die Vegetation des Landes war. Manche Pflanzen und Feldfrüchte, die unter der Trockenheit der letzten Wochen sichtlich gelitten hatten, wurden durch das erfrischende Naß neugekräftigt. Man hofft in landwirtschaftlichen Kreisen Palästinas allgemein auf eine vorzügliche Ernte. Die zweite Jahreskonferenz der New Yorker Kehillah Die Jüdische Gemeinde (Kehillah) in New-York hielt vor kurzem unter Beteiligung von ungefähr zweihundert Vertretern aus allen Kreisen der dortigen Judenheit ihre z a eite Jahreskonferenz ab. Anlaß zu einer lebhaften Debatte auf der Jahreskonferenz gab ein Artikel des Londoner „Jewish Chronicle", der die hiesige Kehillah als einen Trust im „Judentum" und eine „Bedrohung jüdischer Integrität" hinstellte. Pastor Rüssel, der Brooklyner Missionär, über dessen seelenfängerische, angeblich „philozionistische" Propaganda wir an dieser Stelle öfters berichteten, benützte die Ausführungen des „Jewish" Chronicle," um mit der Kehillah, die ihn als gefährlichen Missionär bezeichnet hatte, abzurechnen. Er veröffentlichte im „Hebrew Standard" einen Angriff auf die Kehillah, welche er als ihres Namens unwürdig bezeichnete. Den Gegnern der Kehillah kam der Angriff des Pastors zu statten, die meisten der Delegierten jedoch hielten es nicht für nötig, daß die Kehillah sich mit diesem Missionär in fernere Auseinandersetzungen einlasse. Endlich wurde die Kehillah vor Zusammentritt der Delegierten auch von einem großen Teile der hiesigen jüdischen Presse als „undemokratisch" und „assimilatorisch" hingestellt. Es läßt sich in der Tat nicht leugnen, daß die Verwaltung der Kehillah bis jetzt ganz eigenmächtig handelt und bei keiner einzigen Gelegenheit sich um Rat an die verschiedenen jüdischen Organisationen gewandt hat. Sie ist jedoch unter der Leitung des Herrn Dr. Magnes niemals assimilatorisch vorgegangen, obschon sie vieles, das sie tun hätte können und sollen, einfach als nicht in ihren Machtbereich gehörend ausschalten mußte. Dr. Magnes, der Präsident der Kehillah, hatte es daher begreiflicherweise schwer, all den an diese Organisation bei der Konferenz gerichteten Wünschen und Anforderungen gerecht zu werden. Bei Verlesung seines Jahresberichtes wies Dr. Magnes in meisterhafter Rede auf die Tätigkeit der Kehillah hin, die sich hauptsächlich mit religiösen Fragen zu beschäftigen hatte. Es wurde u. a. ein sogenannter „Waad Horabonim" gegründet, welcher der in New-York schon seit Jahrzehnten schmerzlich empfundenen religiösen Anarchie abhelfen soll. Hierher gehören u. a. eine Kontrolle über das Kaschrus, die Durchführung eines Gesetzes bei der Legislative, daß denjenigen Juden, die die Sabbatruhe beobachten, die Offenhaltung ihrer Läden, Werkstätten usw. am Sonntag gestattet sei. Die Kehillah, wird in dein Bericht ferner ausgeführt, war bestrebt, die Ablieferung der in Amerika gesammelten Chalukah-Gelder nach Palästina systematisch zu regeln und sie ungekürzt ihrer Bestimmung zuzuführen. Ferner stellte der Präsident des Kehillah in seinem Berichte eine Besserung des jüdischen Emehungswesens in New-York sowie eine intensive, humanitäre und sozialpolitische Tätigkeit wie Arbeitsvermittlung usw. in Aussicht Mit großer Begeisterung wurde die Rede des bekannten jüdischen Rechtsanwalts Mr. Louis Marshalls aufgenommen, der seine hinsichtlich der Paß- und Immigrationsfrage gemachten Erfahrungen den Delegierten und Gästen ausführlich mitteilte. Mr. Marshall versicherte, daß die jüdischen Bürger Amerikas von nun ab in Rußland keinerlei Belästigungen ausgesetzt sein werden, vielmehr werden sie als vollweitige Bürger eines freiheitlichen Staates behandelt werden. Er versicherte im Namen des „Jewish Commitee", daß das geplante Immigrationsgesetz, das unsere osteuropäischen Brüder so schwer treffen soll, niemals in Kraft treten werde, da es von führenden Politikern der Vereinigten Staaten bekämpft werde. Die Delegierten brachten den selbstlosen Kämfer für die jüdischen Rechte große Ovationen dar. Man erwartet allgegemein, daß es in der Tat gelingen wird, mit Unterstützung maßgebender Faktoren des öffentlichen Lebens in Amerika das geplante Immigrationsgesetz zu verhindern. Die Finanzfrage der Kehillah gab zu heftigen Auseinandersetzungen der Delegierten Anlaß. Bisher arbeitete die Kehillah mit einem Defizit von 5000 Dollar jährlich, das durch freiwillige Spenden gedeckt wurde. Da die großen Massen jedoch der Kehillah fernstehen und auch die einzelnen Philanthropen, die sich bisher der Kehillah angenommen hatten, des Spendens müde sind, wird die Kehillah noch manche harte Nuß zu knacken haben, bis es ihr gelingen wird, ihre Finanzen auf eine gesunde Basis zu stellen. Vorläufig bleibt die Führung der Kehülah in den Händen der bisherigen Leiter, die dem Zionismus mehr oder weniger nahestehen und die gewiß darnach streben, daß die Kehillah nicht nur eine Organisation von Juden, sondern auch eine echt jüdische Organisation sei. Dann werden ihr auch die großen Massen mehr Vertrauen und Liebe entgegenbringen. Palästinareise-Gesellschaft E. V. in Hamburg Gesellschaftsreisen nach Palästina sind bekanntlich in den letzten Jahren wiederholt von verschiedenen jüdischen Vereinen und Körperschaften unternommen worden und werden auch noch weiter beabsichtigt. Die Teilnahme an einer solchen ist jedoch mit sehr erheblichen Kosten verbunden, und nicht jedem, der gern teilnehmen möchte, ist es möglich, allein den dazu nötigen Betrag aufzubringen. Uni diesem Obelstand abzuhelfen und wenigstens einem Teile dieser Palästinafreunde die Mittel für eine Palästinareise zur Verfügung stellen zu können, ist nun auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe die Palästinareise-Gesellschaft in Hamburg begründet worden. Um die Rechte einer juristischen Person zu erlangen und für die Verwaltung größerer Geldmittel eine Gewähr bieten zu können, ist die Gesellschaft in das Vereinsregister des Hamburger Amtsgerichts eingetragen worden. Die Palästinareise-Gesellschaft bezweckt, unter ihren Mitgliedern die Kenntnis Palästinas durch die Ermöglichung eines Besuches des Landes zu vermitteln. Dies soll durch Veranstaltung von Reisen nach Palästina unter den Vereinsmitgliedern erreicht werden. Für diese Reisen soll das jeweils nach Abzug der Verwaltungskosten vorhandene Vereinsvermögen verwendet werden. Die Reiseteilnahme wird durch das Los bestimmt, und zwar werden alljährlich die Reisebeihilfen in Anteilen von je 500 Jt unter die Mitglieder verlost. Das ausgeloste Mitglied ist verpflichtet, die Reise innerhalb zweier Jahre nach der Verlosung anzutreten. Ist es dem Gewinner nicht möglich, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit die Reise zu unternehmen, so kann er sein Recht auf ein anderes Mitglied übertragen. Andernfalls fällt der Anteil an den Verein zwecks Vornahme einer neuen Verlosung zurück. Die Mitglieder, die mit Hilfe des Vereins nach Palästina gereist sind, sollen gehalten sein, in einer Vereinsversammlung mündlichen oder schriftlichen Bericht über die Reise zu erstatten. Diese Berichte sollen evtl. auch in geeigneten Zeitschriften zur Veröffentlichung gelangen. Der Verein soll sich nicht auf Hamburg beschränken, sondern der Vorstand beabsichtigt möglichst viele auswärtige Mitglieder sowohl in Deutschland als auch in außerdeutschen Ländern zu gewinnen. Der Jahresbeitrag beträgt JC\0.— \ es steht jedoch den Mitgliedern frei, ein Vielfaches des Jahresbeitrages zu zahlen, wodurch sie das Recht zur mehrfachen Teilnahme an den Verlosungen erwerben und natürlich die vielfache Gewinnchance haben. Erst wenn der Verein 10O0 Mitglieder hat, so daß jährlich mindestens 20 Personen —