Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 20 'DIEE^ELT 467 Festessen zu 110 Gedecken beschloß die schöne Feier, die einen außerordentlich günstigen Eindruck hinterließ und dem „Makkabi" viele neue Freunde zuführte. Als kürzlich bei einem gerneinsamen Spaziergang die Zöglinge der hiesigen großen Talmud-Thora-Schule mit dem Direktor Isak Epstein an der Spitze an dem Klub des Komitees „Einheit und Fortschritt" vorbeikamen, luden die Vorsteher des Klubs den Direktor ein, mit seinen Schülern die Klubräume zu besichtigen. Dieser leistete der freundlichen Einladung Folge und weilte längere Zeit mit den Schülern im Klub, wobei diese unter großem Beifall der Anwesenden türkische und hebräische Lieder sangen. Der Schulinspektor des Salonikier Vilajels, Kiasim Nami Bey, hielt eine längere Begrüßungsansprache an die Lehier und Schüler und hob hervor, daß er bei seinem jüngsten Besuch in der Talmud-Thora Gelegenheit gehabt habe, sich von den glänzenden Leistungen der Anstalt und dem patriotischen Geist, der in derselben herrscht, zu überzeugen. Dieser Vorfall ist um so bemerkenswerter, als dieTalmud-Thora- Schule in Saloniki, deren Unterrichtssprache das Hebräische ist, gerade in den letzten Monaten von assimilatorisch-jüdischer Seite heftigen Angriffen ausgesetzt war. Diese Kreise bemängeln es, daß die Anstalt so großes Gewicht auf „die Pflege der hebräischen Sprache legt, und werfen insbesondere dem Direktor vor, er leite die Schule in jüdisch-nationalem Geiste und sei nicht „patriotisch" genug. Eine antisemitische Fahnenaffäre in Kanada Zwei in Mo nt real in französischerSprache erscheinende Zeitungen, „LeDevoir" und „Le Nationalisten, richteten vor einiger Zeit heftige Angriffe in antisemitischer Tonart gegen den dortigen belgischen Konsul Mr. Clarence J. de Sola, der als Präsident der kanadischen Föderation in weiten jüdischen Kreisen des Landes bekannt ist. Den Haß der beiden klerikalen Zeitungen hat sich Mr. de Sola dadurch zugezogen, daß er zur Zeit des letzten eucharistischen Kongresses der katholischen Kirche, welcher im Herbst v. J. in Montreal tagte, die belgische Flagge nicht gehißt hatte. Mr. de Sola strengte nun gegen die genannten Blätter die Ehrenbeleidigungsklage an. In seiner Klage wies Mr. de Sola auch darauf hin, daß die beleidigenden Ausfälle der beiden Zeitungen geeignet seien, die guten Beziehungen zwischen der katholischen und der jüdischen Bevölkerung Kanadas zu trüben und eine judenfeindliche Bewegung hervorzurufen. An Hand der Konsulardienstordnung wies er nach, daß es nicht üblich sei, die Konsulatsfahne bei rein religiösen Festen zu hissen, und daß von den 14 Konsulaten Fremder Staaten in Montreal bloß ein einziges zu Ehren des eucharistischen Kongresses geflaggt hatte, aber auch dieses nur aus besonderer Höflichkeit, weil die gelegentlich des Kongresses veranstaltete Prozession die Straße durchzog, in der sich das beireffende Konsulatsgebäude befindet. Die Ehrenbeleidigungsklage Mr. de Solas hatte den Erfolg, daß die beiden Zeitungen ihre Beschuldigungen vorbehaltlos widerriefen und ihr Bedauern über die Veröffentlichung der beleidigenden Artikel aussprachen. Mr. de Sola erhielt zahlreiche Sympathiekundgebungen aus angesehenen christlichen Kreisen, die ihn zu diesem befriedigenden Ausgange des Prozesses beglückwünschten. Eine interessante Debatte in der türkischen Kammer Konstantinopel, 17. Mai 1911. Gestern kam es in der Kammer wiederum zu einer Debatte über die jüdische und die zionistische Frage. Zwei arabische Abgeordnete holten die alten judenfeindlichen Redensarten wieder hervor; ein dritter Abgeordneter, ebenfalls ein Araber, besprach demgegenüber in versöhnlicher Form das zionistische Problem. Der jüdische. Abgeordnete von Smyrna, Nissim Mazliach, sowie ein türkischer und ein armenischer Deputierter protestierten nachdrücklich gegen die Versuche, eine antisemitische oder antizionistische Stimmung, die bisher in der Türkei unbekannt gewesen sei, künstlich zu erzeugen. Iqi Gegensatz zu dem Ton der am 1. -März geführten Debatte war gestern die Stimmung bedeutend ruhiger, und es zeigte sich eine wohlwollendere und verständnisvollere Haltung gegenüber dem schwierigen Problem der jüdischen Einwanderung. Die Debatte wird voraussichtlich heute fortgesetzt werden. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Intervention der Türkei für Juden in Persien Während der jüngsten Unruhen in Persien, waren mehrere in Kermanschah ansässige ottomanische Juden verwundet und ihre Häuser und Läden geplündert worden. Auf Ersuchen des türkischen Großrabbinats hat nun der Minister des Äußern versprochen, an die türkische Botschaft in Teheran zu telegraphieren, daß eine Untersuchung eröffnet und Schadenersatz im Namen der Betroffenen gefordert werde. Eine Gewalttat gegen Juden in Tripolis In Dschebel (Tripolis) hatten Beduinen die uralte Synagoge eingeäschert. Der Minister des Innern hat, hiervon benachrichtigt, den Gouverneur von Tripolis beordert, eine Untersuchung einzuleiten, die Schuldigen 211 bestrafen und die jüdische Gemeinde mit 20 000 Frs. zu entschädigen. Eine Bewegung im Lehrpersonal der Alliance Die Direktoren und Lehrer der Alliance traten vor kurzem zu einer Konferenz zusammen, in der über die Teuerung des Lebens und die mangelhafte Besoldung durch die Alliance Klage geführt wurde. Die Versammlung beschloß, ein Schreiben an die Zentrale in Paris zu richten, in dem die Situation dargelegt und allgemeine Ortszulagen gefordert werden. Dieses Schreiben ist bereits abgegangen. Aus der Konstantinopeler Gemeinde Seitdem der neue iVledschliß dschismam funktioniert, hat hier ein ganz neues Gemeindeleben begonnen. Es wird fühlbar, dal.) Männer von Tatkraft und echt jüdischem Gewissen am Werke sind. Sie werden anstatt wie vordem üblich einmal, nun dreimal in der Woche ihre Sitzungen abhalten. Sie haben die drei Hauptprobleme der Gemeinde: Organisation, Finanz und Schulwesen in die Hand genommen und für alle drei nicht nur Kommissionen ernannt, sondern auch leitende Ideen aufgestellt. Die Gemeindeorganisation soll dadurch eine straffere und fruchtbarere werden, daß die bisher ganz getrennt von einander wirkenden 33 Haschgachoth (Kleingemeinden) in einige wenige nach den Stadtteilen abgegrenzte größere Gemeinden zusammengefaßt werden, die wiederum in enger Fühlung mit einander die Großgemeinde bilden sollen. Die Finanzen sollen durch radikale Reform der Koscherfleischsteuer (Gabellah) zur Gesundung kommen; die Großgemeinde wird diesem Projekte zufolge eigene Fleischhauereien durch eine von ihr zu begründende Kooperativgenossenschaft eröffnen lassen, wodurch Billigkeit des Konsums und zugleich die Sicherheit und Regelmäßigkeit der Steuereingänge gewährleistet werden würde. Für die Reform des Schulwesens hat der Medschliß dschismani das Prinzip der Uniformierung aller jüdischen Schulen der Stadt proklamiert gemäß den Anforderungen der Regierungsprogramme für die verschiedenen Schulstufen und auf der Basis des Unterrichts des Türkischen, des Hebräischen und einer (fakultativ festzusetzenden) europäischen Sprache für die Elementarstufe. Auch in die Großrabbinatskanzlei hat der neue Medschliß Ordnung gebracht, indem alle bisher wahllos dort verwendeten, an Zahl zweiundfünfzig zählenden Siegel eingezogen und auf zwei offizielle Siegel reduziert wurden. Ferner geht man damit um, einen verantwortlichen Generaldirektor für die Großrabbinatskanzleien zu bestellen. Leider scheint der löbliche, von Energie und aufgeklärtem Sinn zeugende Eifer der Neuen den Vertretern der „guten alten Zeit" nicht zu behagen, und man versucht schon wieder, ihn mit Demissionen und andern Mittelchen lahm zu legen. So ist plötzlich der Präsident des neuen Medschliß, der auch Präsident im alten gewesen war, ohne jede Ursache ausgetreten, sodaß Ersatz für ihn geschaffen werden muß. Außerdem beginnt man, den Vorwurf reaktionärer (!) Gesinnung gegen die neuen Mitglieder des Medschliß in die Massen zu schleudern. Den äußern Anlaß zu diesem Manöver bietet die Organisation