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Die Welt · 1911-05-19 · 20 (19.5.1911) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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sich, geht mit ihren stillen Schritten auf mich zu und reicht mir das Besteck, ein mir wohlbekanntes, altvertrautes Pessachbesteck. Alle Dinge sind mir so vertraut, nichts hat sich geändert: der nämliche Teller mit den großen, gemalten, grünen Feigenblättern, die nämlichen Messer und Gabeln mit dem hellen Beinheft, der nämliche süße Duft des festtägigen Gänsefetts, der nämliche köstliche Geschmack der Mazzothklöße vom Erew-Pessach. Nichts hat sich auch nur um ein Haar verändert. Oder doch, — eine Kleinigkeit. Vor Jahren haben wir, ich und Busy, — dessen entsinne ich mich noch ganz genau, — aus einem Teller gegessen, eben aus jenem vertrauten, schönen, feigenblattbemalten Teller. Und Nüsse gab uns die Mutter damals. Ich entsinne mich, die Taschen stopfte sie uns voll mit Nüssen. Und wir nahmen uns damals bei der Hand, ich und Busy, und rannten pfeilschnell davon. Ich lief, sie lief mir nach. Ich sprang über die aufgeschichteten Klötze, sie sprang mir nach. Ich kletterte auf einen Hügel, sie folgte mir eilends. „Schimek, wie lange werden wir noch laufen?" sagte mir Busy. Und ich antwortete mit den Worten aus Schir-Haschirim: „Bis der Abendwind weht und die Schatten entfliehen.'4 VIII. Das war einmal, vor vielen, vielen Jahren. Inzwischen ist Busy herangewachsen, ein großes Mädchen geworden, und auch ich wuchs heran und ward ein Mann. Und Busy ist Braut geworden, irgendeines Mannes Braut, nicht die meine . . . Und ich möchte mit Busy allein bleiben, und ich möchte mit ihr ein paar Worte wechseln, und ich möchte ihre Stimme hören. Mit den Worten aus Schir-Haschirim möchte ich ihr sagen: „Laß mich dein Angesicht schauen, laß mich deine Stimme hören" . . . Und es dünkt mir, als sprächen ihre Augen mit den Worten aus Schir-Haschirim: „Komm, mein Trauter, Avir wollen ins Freie gehen." Dort werde ich sprechen, dort werde ich dir erzählen, dort wollen wir uns aussprechen . . . Ich blicke verstohlen durchs Fenster ins Freie. Ach, wie herrlich ist's dort, wie festtäglich, wie schirhaschirimmäßig! ... Es ist bloß' eine Sünde, daß der Tag schon zur Neige geht. Immer tiefer senkt sich die Sonne und färbt den Himmel mit dunklem Golde. Das Gold spiegelt sich in Busys Augen, sie baden sich in Gold. Ach, bald erstirbt der Tag, und ich werde nicht einmal Zeit finden, mit Busy zu reden. Der ganze liebe Tag ist in unnützen Gesprächen mit dem Vater, mit der Mutter, mit den Verwandten und Nachbarn dahingegangen, in langen und breiten Schilderungen all der Wunderdinge, die ich in der Fremde gesehen und gehört habe. Ich erhebe mich, werfe einen Blick durchs Fenster und sage im Vorbeigehen zu Busy: „Wollen wir nicht ein wenig auf- und abgehen? Es ist so lange her, daß ich nicht mehr daheim war. Ich möchte mir mal wieder den Hof und die Stadt ansehen . . IX. Wißt ihr etwa, was Busy widerfahren ist? Jäh flammte es in ihrem Gesichte auf. Wie die untergehende Sonnenscheibe überzog sie glühendes Rot. Sie warf einen Blick auf den Vater, wollte wohl hören, was er dazu sagte. Und der Vater blickte auf die Mutter über den Rand der Brille hinweg. Er glättete behutsam die Silberfäden seines silberweißen Bartes, und ohne eine bestimmte Person anzureden, war.f er die Worte hin: „Die Sonne geht schon unter. Es ist Zeit, sich umzukleiden und in die Synagoge zu gehen." Und dann zur Mutter gewandt: „Es ist schon Zeit, den Segen über die Lichter zu sprechen. Meinst du nicht auch?" Ach, so werde ich also heute mit Busy kein Wort reden . . . Wir kleiden uns um. Die Mutter sieht schon bald ganz festlich aus. Sie hat bereits ihr feiertägliches Seidenkleid angelegt, ihre weißen Hände schimmern. Keiner hat so schöne weiße Hände wie meine Mutter. Nun wird sie bald inbrünstig den Segen über die Lichter sprechen. Die ausgebreiteten Hände wird sie vor ihre feuchten Augen halten und still vor sich hinweinen, — ganz so wie ehemals. Der letzte Strahl der untergehenden Sonne wird sich auf ihren schönen, reinen, weißen Händen spiegeln. Keiner hat so schöne, reine, weiße Hände wie meine Mutter. Doch was ist Busy geschehen? Ein tiefer Schatten hat sich über ihr Antlitz gelagert. Wie die scheidende Sonne, wie die sinkende Nacht hat sich ihr Blick umflort. Lieblicher ist sie und anmutiger als jemals, doch tieftraurig sind ihre schönen blauen Schir- Haschirim-Augen. Und verträumt sind ihre Augen. Worüber sinnt Busy jetzt nach? Über den lieben Gast, den sie schon so lange erwartet hatte und der nun plötzlich hier aufgetaucht ist, nachdem er sich so lange Zeit in der Fremde umhergetrieben hatte? . . . Oder denkt sie an ihre Mutter, die zum zweiten Male geheiratet hatte, irgendwohin in weite Fernen abgereist war und ganz und gar vergessen hatte, daß sie eine Tochter hat, die Busy heißt? Oder denkt Busy an ihren Bräutigam, den Vater und Mutter ihr gewiß gegen ihren Willen aufgezwungen haben, und an ihre Hochzeit, die am Sabbath nach Schowuos stattfinden soll und sie mit einem Menschen fürs ganze Leben verbinden wird, den sie nicht kennt und der ihr völlig fremd ist? . . . Oder vielleicht befinde ich mich in einem tiefenlrrtum? Vielleicht zählt sie gar die Tage und Wochen von Pessach bis Schowuos, bis zum Sabbat nach Schowuos, — denn er ist der Erwählte ihres Herzens, er wird sie unter den Trauhimmel führen und sie wird ihm ihr Herz und ihre Liebe schenken! Und mir? O weh, mir ist sie nicht

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